Aktualisiert 13.08.2009 12:34

Gefangen im FlüchtlingslagerDroht Tausenden die Internierung?

Innerhalb von nur sechs Monaten haben Hilfsorganisationen im Norden Sri Lankas eines der grössten Flüchtlingslager der Welt aus dem Dschungel gestampft einschliesslich Banken, Schulen und Postämtern. Nur eines fehlt: Freiheit.

von
Ravi Nessman/AP

Niemand darf die mit westlichen Spendengeldern gebaute Manik Farm verlassen, und kaum jemand darf hinein. Immer mehr Helfer und Diplomaten fürchten deshalb, das vom Militär kontrollierte Lager könnte zur dauerhaften Internierung der rund 210 000 tamilischen Bürgerkriegsflüchtlinge missbraucht werden.

«Im besten Fall geht das an die Grenzen aller möglichen internationalen Prinzipien», sagt ein westlicher Diplomat in Colombo, der anonym bleiben will. «Aber wahrscheinlich ist es illegal.»

15 Flüchtlinge im 5er-Zelt

Die Lebensbedingungen in dem Lager werden immer schlechter: Bereits im Juni grassierten die Windpocken, ausserdem häufen sich nach UN-Angaben Fälle von Typus, Tuberkulose, Haut- und Atemwegserkrankungen, Hepatitis A, Durchfall und Krätze. Mehr als ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren leidet an akuter Unterernährung, wie aus Regierungsinformationen hervorgeht, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen. Zelte für maximal fünf Personen werden von bis zu 15 Menschen bewohnt, Wasser ist knapp und zunehmende Regenfälle könnten nach Angaben von Hilfskräften die Gesundheitslage weiter verschlechtern.

Regierung lobt Lager als «Wohlfahrtsdorf»

Dennoch dürfen selbst Verwandte ihre Angehörigen im Camp nicht besuchen. Viele versuchen deshalb, über die Stacheldrahtabsperrungen Nachrichten in das Lager zu schmuggeln. Auch Oppositionspolitikern wird der Zutritt verwehrt, Journalisten dürfen nur selten und unter Aufsicht des Militärs einen Blick in die Siedlung werfen. Als die Einwohner vor kurzem verlangten, endlich mit ihren Familienangehörigen in anderen Teilen des Lagers zusammenziehen zu dürfen, schossen die Soldaten nach Angaben von Hilfskräften in die Luft, um die aufgebrachte Menge zu zerstreuen.

Die srilankische Regierung beschreibt das Flüchtlingslager dagegen als «Wohlfahrtsdorf», in dem Kinder zur Schule gehen, Eltern eine Berufsausbildung und Kriegstraumatisierte medizinische Behandlung bekommen können. Die Behörden versprechen, die meisten Flüchtlinge könnten bis Jahresende in ihre Heimatdörfer zurückkehren. Das Lager werde geöffnet, sobald die Kämpfer der ehemaligen Rebellengruppe Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) identifiziert seien. Der militärische Leiter des Lagers sagte Hilfskräften dagegen, dieses Jahr dürften fast keine Flüchtlinge das Camp verlassen.

Kritiker vermuten Vertuschungsversuch

Der tamilische Parlamentsabgeordnete Mano Ganesan vermutet, die Regierung wolle das Lager geschlossen halten, um Berichte über Menschenrechtsverletzungen während der letzten Monate des Bürgerkriegs zu verhindern. Menschenrechtsgruppen beschuldigen das Militär, kurz vor dem Sieg gegen die Rebellen tausende Zivilpersonen mit schweren Geschossen getötet zu haben.

Bereits im August vergangenen Jahres hatte das UN-Flüchtlingskommissariat eine zivile Verwaltung und volle Bewegungsfreiheit für die Bewohner als Bedingung für eine internationale Finanzierung der Flüchtlingscamps in Sri Lanka genannt. Schon damals fürchteten Helfer, die Streitkräfte könnten die Siedlungen als Internierungslager missbrauchen. Statt fester Hütten wurden deshalb nur Zelte geliefert. Dennoch stationierte die Regierung kurz darauf Soldaten und Paramilitärs in Manik Farm, wie aus Unterlagen der Vereinten Nationen hervorgeht.

«Wir tun diesen Menschen grosses Unrecht», warnte der Präsident des Obersten Gerichtshofes in Sri Lanka, Sarath Silva, nach einem Besuch von Manik Farm vor zwei Monaten. Paikiasothy Saravanamuttu, Direktor des örtlichen Zentrums für politische Alternativen, kritisiert die Einrichtungen als «Internierungslager» und hat wegen des Umgangs mit den Flüchtlingen vor dem Obersten Gerichtshof des Landes Klage gegen die Regierung eingereicht. Der Parlamentsabgeordnete Ganesan klagt zusammen mit vier weiteren Oppositionspolitikern gegen die Regierung, um endlich Zutritt zu den Camps zu erhalten.

«Wann werden wir herausgelassen?»

Die Streitkräfte setzen unterdessen den Ausbau der Lager fort. Doch der politische und finanzielle Druck wächst: Die laufenden Kosten für die Camps liegen bei 400 000 Dollar pro Tag - viel mehr, als Sri Lanka auf Dauer alleine leisten kann. Doch westliche Regierungen könnten angesichts des Umgangs mit den Flüchtlingen zögern, die Siedlungen weiter zu finanzieren. In Kürze wollten die Hilfsorganisationen erneut über die Lage in den Camps beraten, sagt der Leiter der UN-Mission in Sri Lanka, Neil Buhne. «Jedes Mal, wenn ich in die Camps gehe, fragen mich mehr Menschen: Wann werden wir herausgelassen?»

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