Aktualisiert 29.06.2020 02:48

Clubgäste in Quarantäne

Droht wegen Superspreader-Event ein Party-Verbot?

Nach Partys in Genf und Zürich mussten hunderte Clubgäste in Quarantäne. Nun fordern Politiker harte Massnahmen. Für Zürcher Clubs gibt es eine letzte Chance.

von
Noah Knüsel, Lena Stadler, Pascal Michel
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Am letzten Samstag, knapp eine Woche nach dem Superspreader-Event, standen die Besucher vor dem Club Flamingo Schlange. Keiner trug eine Maske.

Am letzten Samstag, knapp eine Woche nach dem Superspreader-Event, standen die Besucher vor dem Club Flamingo Schlange. Keiner trug eine Maske.

Tamedia
Am Sonntag zuvor war ein Mann im Zürcher Club, der positiv auf das Coronavirus getestet worden ist.

Am Sonntag zuvor war ein Mann im Zürcher Club, der positiv auf das Coronavirus getestet worden ist.

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Der Mann war am 21. Juni im Club an einer Party.

Der Mann war am 21. Juni im Club an einer Party.

20 Minuten

Die Corona-Fallzahlen in der Schweiz sind in den letzten Tagen wieder angestiegen. Am Sonntag meldete der Bund 62 Neuinfektionen. Besonders viele neue Fälle gab es schweizweit bei den 20- bis 40-Jährigen. Im Kanton Zürich sorgte ein Superspreader-Event im Club Flamingo für Aufsehen. Auch in Genf mussten die Behörden 96 Personen unter Quarantäne stellen, nachdem ein Clubbesucher am Mittwoch positiv auf Covid-19 getestet wurde.


Das Superspreader-Event im Zürcher Club zeigt, dass die Empfehlungen des Bundes beim Partyvolk vergessen scheinen. «Es war pumpenvoll, die Leute haben innig getanzt und sich berührt», sagt eine 23-jährige Besucherin über die Party am 21. Juni. Inzwischen konnte der Kanton die knapp 300 Gäste und Angestellten darüber informieren, dass eine positive Person an der Party anwesend war und fünf weitere dort angesteckt hatte.

Clubbesucher wurden nicht informiert

Das Contact-Tracing hat aber offensichtlich nicht funktioniert. «Der Türsteher hat uns einfach so reingelassen, ohne nach den Kontaktdaten zu fragen», sagt eine junge Frau, die am 21. Juni im Club feierte. «Mit uns sind sicher noch fünf weitere Leute in den Club gekommen – alle, ohne ihre Daten anzugeben.» Dementsprechend wurde die 23-Jährige nicht über die Quarantäne informiert. Vom Vorfall erfuhr sie durch 20 Minuten.

Daneben sagen zwei Clubbesucher unabhängig voneinander, sie hätten sich mit Adresse registriert, seien aber bis zum Sonntag nicht kontaktiert worden. «Wir haben davon aus den Medien erfahren», sagt eine 25-Jährige. Eine 22-Jährige, die bis zum Sonntag ebenfalls nicht informiert wurde, sagt: «Ich finde das seltsam.» Sie ist jetzt besorgt, sich infiziert zu haben. Gemäss «Tages-Anzeiger» besuchten die sechs Infizierten an diesem Abend gar noch mindestens zwei andere Clubs.

Der Club hat nun das Personal ausgewechselt, und es werden strengere Kontrollen durchgeführt. Am Sonntag bleibt das Lokal vorübergehend geschlossen. Am Samstag läuft der Betrieb jedoch normal weiter.

«Fatal für Panedemiebekämpfung»

Politiker zeigen sich besorgt. Der Zürcher SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile sagt: «In Clubs zu gehen, stellt ein grosses Risiko dar, auch wenn es erlaubt ist. Deshalb hat es mich überrascht, dass der Bundesrat die Öffnung der Clubs so früh zugelassen hat.» Das Contact-Tracing sei essenziell: «Wenn die Rückverfolgung nicht erfolgreich ist, wäre das fatal für eine effiziente Pandemiebekämpfung.» Falls es zu weiteren Superspreader-Events kommen sollte, müssten auch einschneidende Massnahmen wie Clubschliessungen in Betracht gezogen werden, was Barrile bedauern würde.

Auch SVP-Nationalrätin Verena Herzog ist alarmiert: «Wir können es uns nicht leisten, die Situation wegen fahrlässigen Verhaltens einiger gleichgültiger Partygänger wieder entgleisen zu lassen.» Wo es nicht möglich sei, die Distanzregeln einzuhalten, brauche es eine Maskenpflicht. Das wäre etwa in Clubs der Fall. Laut Herzog funktioniert das mit den Clubs nicht, wenn die dringend benötigten Hygienevorschriften nicht eingehalten werden. «Dann müssen sie wieder schliessen. Das wäre sehr schade für diejenigen, die ihre Arbeit gut machen und deren Existenz durch eine erneute Schliessung bedroht wäre.»

Enttäuschung beim Kanton

Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli zeigte sich am Sonntag an einer Pressekonferenz enttäuscht. «Das Virus ist kein Spass, das muss auch die Spassgesellschaft verstehen.» Leider habe etwa ein Drittel der Partygänger falsche Mailadressen angegeben. Zudem seien die Contact-Tracer gar beschimpft worden. «Was wir jetzt erlebt haben, hat uns enttäuscht und unsere Arbeit erschwert», ergänzte die Zürcher Kantonsärztin Christiane Meier.

Sie zeigte sich am Sonntag auch überrascht darüber, dass sich nachträglich noch Partyteilnehmer beim Kanton meldeten, sie seien auch an der Party gewesen. «Da stellt sich die Frage, ob wir eine vollständige Liste haben», so Meier. «Das ist schade.» Man könne nur hoffen, dass sich diese Personen nun auch in Quarantäne begäben.

Rickli sagte, es bestehe noch eine letzte Chance nächstes Wochenende für die Clubs. Wenn dies nicht klappe, könne der Kanton Schliessungen verordnen. Sie appellierte an die Partygänger: «Man darf in den Ausgang gehen, aber man muss richtige Angaben machen.» Ein weiterer Lockdown sei nur zu verhindern, wenn alle mitmachten.

Das sagen die Clubs

Die Bar- und Club-Kommission Zürich betont, dass es sich beim Vorfall um einen «Einzelfall» handle, und appelliert daran, «keine voreiligen Schlüsse» zu ziehen. «Veranstaltungen sind die einzigen Situationen, welche dank flächendeckender Gästeregistrierung ein Tracing der potenziellen Ansteckungsketten überhaupt ermöglichen», heisst es in einer Mitteilung. Laut der Kommission zeigt der Vorfall, dass die Rückverfolgung «gut funktioniert» und die Zusammenarbeit zwischen dem Veranstalter und dem kantonsärztlichen Dienst «vorbildlich» sei. Alle Besucher des Zürcher Clubs hätten kontaktiert werden können, heisst es entgegen den Ausführungen des Kantons am Sonntag. Um die Rückverfolgung noch besser zu gewährleisten, empfiehlt die Kommission, die Tracing-App zu benutzen.

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487 Kommentare
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Nachdenklicher

29.06.2020, 06:45

Es ist kein bis wenig Aufwand einfache Regeln einzuhalten, sei es beim Feiern oder in der ÖV. Wenn ich allerdings das Geschehen in unserer Gesellschaft beobachte, scheint es in gewissen Kreisen üblich und IN zu werden sich über Regeln und Vorschriften hinweg zu setzen. Ich mache dabei keinem Unterschied zwischen dem Vorfall im Club, einer Techno Party in Bern oder vor Wochen unbewilligten Demos. Wieso gibt es nicht Kontrollen und Bussen wie im Strassenverkehr. Wie heisst es so schön, «vor dem Gesetz sind alle gleich»

Margy60

29.06.2020, 06:45

es ist wirklich zum Davonlaufen, es nehmen die ganze Geschichte viele nicht ernst. bei uns besteht auch Registrationpflicht und ganz häufig habe ich den Eindruck, dass die Leute falsche Angaben machen und nicht nur Junge. Sie begreiffen den Ernst der Lage noch immer nicht oder verleugnen das Ganze.

Someone

29.06.2020, 06:43

Ihr solltet euch mal etwas beruhigen. Die Schweiz ist nicht intelligent genug um das Virus einzudämmen. Man ist bereits gegen den Eisberg gefahren und das Schiff sinkt. Jetzt noch Panik zu machen stopft das Leck auch nicht mehr