Drama in Dietlikon: «Drohungen sollte man immer ernst nehmen»
Aktualisiert

Drama in Dietlikon«Drohungen sollte man immer ernst nehmen»

Am Dienstag hat ein 28-Jähriger in Dietlikon versucht, seine Frau zu töten. Danach richtete er sich selbst. Psychiaterin Karen Fürstenau erklärt, was in solchen Tätern vorgeht.

von
Nina Jecker

Wie kommt es dazu, dass jemand den Partner und sich selbst töten will?

Karen Fürstenau: Typischerweise ist es der männliche Partner, der solche Absichten hat. Häufig besteht bei solchen Männern eine ausgeprägte Selbstwertproblematik, weshalb die Männer die Trennungsabsicht der Frau als vernichtend erleben. Die Tat dient dann oft dazu, wieder Kontrolle über die Situation zu erlangen. Möglicherweise kommen bestimmte Wertvorstellungen hinzu, wie die, dass der Mann die Frau Besitzt, die Frau kein Recht auf Verwirklichung eigener Wünsche hat, usw. Solche Überzeugungen sind in der Regel kulturell beziehungsweise familiär geprägt.

Welche weiteren Faktoren begünstigen eine Eskalation?

Wenn andere Belastungen hinzukommen wie Arbeitslosigkeit, persönliche Probleme oder Konflikte, dann ist es wahrscheinlich, dass die normalerweise bestehenden Hemmungen, extreme Gewalt anzuwenden, weiter sinken. Der Betroffene hat wahrscheinlich zunehmend das Gefühl, er habe nichts mehr zu verlieren. Häufig liegen fremd- und selbstaggressives Verhalten dann ganz nahe beieinander – wie ja auch im Fall von Dietlikon.

Der Mann hat im Fall Dietlikon vor den Augen der kleinen Tochter auf die Mutter geschossen. Was für eine Rolle spielen Kinder bei einer solchen Tat?

Partnerschafts- und Trennungskonflikte erreichen, wenn Kinder da sind, häufig eine ganz besondere Zuspitzung, zum Beispiel im Streit ums Sorgerecht.

Viele Täter sind der Polizei bereits bekannt wegen häuslicher Gewalt und Drohungen. Nehmen Polizei und Justiz diese Vorzeichen nicht ernst genug?

Drohungen sollte man immer ernst nehmen, auch wenn es im Einzelfall oft schwierig einzuschätzen ist, ob sie wahrgemacht werden. Denn gedroht wird sehr häufig. Wenn die Drohungen sehr konkret sind und zunehmen, wenn in der Vergangenheit bereits Gewalt angewandt wurde und der Drohende zunehmend eingeengt agiert, sind das Hinweise auf ein ernsthaftes Risiko.

Wie kann man den betroffenen Frauen helfen?

Je nach Situation kann ein Annäherungsverbot ausgesprochen werden.

Nehmen die Frauen die Bedrohung selber nicht ernst genug?

Besonders häufig passieren derartige Beziehungsdramen in Trennungssituationen – wenn die Trennung bevorsteht, aber noch nicht vollzogen ist. Möglicherweise sind Frauen in dieser Situation auch ambivalent, haben Schuldgefühle, schliesslich handelt es sich in der Regel ja um einen Partner, den man einmal geliebt hat. Wahrscheinlich fällt es auch deshalb schwer, sich vorzustellen, dass eine ernsthafte Gefahr besteht.

Wenn ein Mann eine Frau angegriffen hat – sind dann auch künftige Partnerinnen in Gefahr?

Wenn der Täter eine schwere Persönlichkeitsproblematik, zum Beispiel eine narzisstische Störung hat, dann besteht in zukünftigen Trennungssituationen wieder dasselbe Risiko – dass er diese genauso vernichtend erlebt, mit dem entsprechenden Risiko von selbst- und fremdaggressiven Gefühlen und Impulsen.

Was kann man tun?

Angezeigt wäre die Behandlung der Persönlichkeitsstörung.

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