Repressionswelle: Drohungen und Weiwei unter Hausarest
Aktualisiert

RepressionswelleDrohungen und Weiwei unter Hausarest

Peking droht dem Westen wegen der anstehenden Friedensnobelpreisverleihung und greift auch im Landesinnern massiv durch.

Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ist für die chinesische Regierung auch weiterhin ein rotes Tuch.

Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ist für die chinesische Regierung auch weiterhin ein rotes Tuch.

Der weltberühmte Künstler Ai Weiwei wurde am Freitag unter Hausarrest gestellt. Die Polizei habe ihn am Freitag aufgefordert, sein Haus mindestens bis Sonntag nicht zu verlassen, sagte Ai Weiwei per Telefon in Peking. Grund ist eine geplante Aktionsfeier des Gegenwartskünstlers gegen den Abriss seines Studios in Shanghai.

Hunderte Gäste hatten ihre Teilnahme angesagt. «Ich darf nicht hingehen», sagte Ai Weiwei: «Es sind Zwangsmassnahmen. Meine persönliche Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt.»

Subversive Flusskrebse

Auf dem Fest wollte der Aktionskünstler tausende Flusskrebse servieren. Auf Chinesisch heissen diese Krebse «Hexie», ähnlich wie das Konzept von Staats- und Parteichef Hu Jintao von der «harmonischen Gesellschaft» (Hexie Shehui).

Der Volksmund benutzt «harmonisieren» oder «harmonisiert werden» auch für «zensieren» oder «unterdrückt werden». Der 53-Jährige Ai Weiwei stellt gerade in der Londoner Tate Modern aus und hat das «Vogelnest» genannte Olympiastadion in Peking mitentworfen.

Trotz seiner Kritik am System war die Staatssicherheit bisher noch nie mit Hausarrest gegen den Sohn eines berühmten Dichters vorgegangen. Die Behörden in Shanghai werfen Ai Weiwei plötzlich vor, nicht die nötigen Baugenehmigungen für sein Studio zu haben.

Ai Weiwei hat sich immer wieder mit den chinesischen Behörden anlegt und ist deshalb regelmässig Repressalien ausgesetzt. Insbesondere seine Dokumentation mit 5000 Namen von Kindern, die bei dem Erdbeben 2008 in Sichuan in billig gebauten Schulen getötet wurden, hat die Behörden gegen ihn aufgebracht.

Peking droht dem Westen

Der Gegenwartskünstler ist das jüngste Opfer einer Repressionswelle gegen Andersdenkende in China seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an den inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo vor vier Wochen. Die Regierung in Peking warnte westliche Länder vor einer Teilnahme an der Zeremonie zur Verleihung des Nobelpreises.

Die chinesische Botschaft in Oslo verschickte nach Angaben westlicher Diplomaten vom Freitag einen Brief an die anderen Vertretungen in der norwegischen Hauptstadt, in dem sie dazu aufforderte, nicht an der Zeremonie am 10. Dezember teilzunehmen.

Der chinesische Vize-Aussenminister Cui Tiankai drohte in Peking allen Ländern mit «Konsequenzen», sollten sie Liu unterstützen.

«Die Wahl, vor der einige europäische Länder und andere stehen, ist klar und einfach: Wollen sie Teil eines politischen Spiels sein, das Justizsystem Chinas herauszufordern, oder wollen sie auf verantwortliche Weise echte freundschaftliche Beziehungen mit Chinas Regierung und Volk entwickeln?», sagte Cui.

Schweiz nimmt trotzdem teil

Die Diplomaten müssen bis zum 15. November ihre Teilnahme an der Zeremonie anmelden. Am Freitag erklärten mehrere westliche Länder, darunter die USA, Grossbritannien, Deutschland und die Schweiz, trotz der Warnung ihre Absicht, an der Preisverleihung anwesend zu sein.

«Die Schweiz wird an der Zeremonie zur Verleihung des Friedensnobelpreises mit einem Vertreter der Botschaft in Oslo anwesend sein, wie das jedes Jahr der Fall ist», teilte das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in einer Stellungnahme mit. (sda)

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