Aktualisiert 26.02.2010 16:49

Islam«Dschihad» - was ist das eigentlich?

Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi hat zum Dschihad gegen die Schweiz aufgerufen. Was bedeutet dieser umstrittene Begriff genau? Und woher rührt der Kriegseifer?

von
Daniel Huber
Dschihad als innerliches Streben — oder als militanter Kampf gegen Ungläubige

Dschihad als innerliches Streben — oder als militanter Kampf gegen Ungläubige

«Diejenigen, die Gottes Moscheen zerstören, verdienen es, mit einem Dschihad angegriffen zu werden», sagte Gaddafi in Bengasi vor Tausenden von Zuhörern. Der Begriff «Dschihad», den der libysche Machthaber hier in unverhohlen aggressiver Bedeutung benutzt, wird oft mit «Heiliger Krieg» übersetzt. Moderate Muslime lehnen diese Interpretation ab — das Wort «heilig» in Verbindung mit Krieg existiere im Koran gar nicht — und sehen darin oft den Versuch westlicher Scharfmacher, dem Islam eine gewissermassen gesetzlich verordnete Aggressivität zu unterstellen.

Gleichwohl greift die Interpretation des Dschihad als eines ständigen, ausschliesslich innerlichen moralischen Kampfes gegen das Böse, wie sie von moderater muslimischer Seite oft zu hören ist, eindeutig zu kurz. Zumindest während der frühen Expansionsphase des Islam besass der Dschihad mit Sicherheit auch eine militärische Dimension. Will man dem Begriff gerecht werden, ist ein Blick auf seine Herkunft und Geschichte unabdingbar.

Der Schwertvers

Der Islam beruht auf dem Koran, also den Offenbarungen, die der Prophet Mohammed vom Erzengel Gabriel empfing. Diese göttlichen Botschaften, die Mohammed bis zu seinem Tod immer wieder erhielt, regelten auch das Verhältnis der zunächst sehr kleinen muslimischen Gemeinschaft («Umma») gegenüber der ungläubigen Welt. In der Anfangszeit des Islam, als Mohammed und seine Getreuen in Mekka eine bisweilen verfolgte Minderheit waren, sind die Koransuren tendenziell toleranter.

Dies ändert sich mit der Hedschra im Jahre 622, der Auswanderung Mohammeds nach Medina, die den Beginn der islamischen Zeitrechnung markiert. In Medina stieg Mohammed zum Staatsmann und Feldherren auf, der bald grosse Teile der arabischen Halbinsel unterwarf. Von nun ist der Ton der Koransuren deutlich schärfer; am deutlichsten im so genannten Schwertvers der 9. Sure, der als juristische Begründung für den Dschihad diente («Und wenn nun die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Heiden, wo (immer) ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf!»).

Kreuzritter und Mongolen

In dieser Phase war der Dschihad das Mittel zur Erweiterung und Verteidigung des islamischen Territoriums. Diese Bedeutung trat zurück, als das Kalifat, das islamische Grossreich, sich nicht mehr weiter ausdehnte. In dieser politischen und kulturellen Blütezeit drohte der «Umma» kaum Gefahr von nicht-muslimischer Seite. Dies änderte sich schlagartig mit den christlichen Kreuzzügen, die im späten 11. Jahrhundert begannen und die muslimische Welt in die Defensive drängten.

Noch verheerender war, wie der Islamwissenschaftler David Cook in seinem Werk «Understanding Jihad» erklärt, der Einfall der Mongolen in die islamische Welt, der im 13. Jahrhundert stattfand. Die mongolischen Invasoren wurden zwar zum Islam bekehrt, doch von nun an gewann eine neue Interpretation des Dschihad an Bedeutung: die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Muslimen — und der Kampf gegen letztere.

Die Wurzeln des Islamismus

Der machtpolitische Niedergang der islamischen Welt setzte sich fort und bot dem europäischen Imperialismus einen wilkommenen Expansionsraum. Gegen den zunehmenden Einfluss der europäischen Mächte regte sich neuer Widerstand, besonders in Indien, dem Kaukasus, Somalia, dem Sudan, Algerien und Marokko. Doch diese defensiven Bemühungen scheiterten allesamt. Diese Krise begünstigte die Entstehung radikaler dschihadistischer Konzepte, wie sie beispielsweise vom dem Ägypter Sayyid Qutb propagiert wurden. Hier liegen die Wurzeln des extremen militanten Islamismus, für den Dschihad nicht nur die gewaltsame Verteidigung gegen die Übergriffe der nicht-muslimischen Welt darstellt, sondern deren Eroberung oder gar Vernichtung.

Gewaltsamer Kampf gegen aussen oder friedliches innerliches Streben — der Kampf um die Deutungshoheit über den Begriff Dschihad dürfte wohl noch lange nicht entschieden sein.

«Dschihad»

Im Begriff «Dschihad» steckt die arabische Wurzel «Jahd» («Mühe», «Mühsal»), er bedeutet wörtlich «Anstrengung», «Kampf», «Bemühung», «Einsatz». Es handelt sich um eines der Grundgebote des Islam; manche sunnitische Gelehrte gehen sogar so weit, ihn als die «sechste Säule des Islam» (neben den fünf herkömmlichen Grundpflichten) zu bezeichnen.

Den Dschihad ausrufen darf eigentlich nur der «Wali al-amr» («Machthaber»); und auch dies nur als «Kital» («Verteidigungskrieg»). Nach der schiitischen Auffassung ist nur der «verborgene Imam» (der zwölfte Imam Muhammad al-Mahdi, eine Messiasfigur) berechtigt, einen Dschihad zur Ausweitung des islamischen Machtbereichs zu führen; ein Defensivkrieg ist hingegen erlaubt, aber kein Dschihad im eigentlichen Sinne.

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