03.02.2015 21:58

1500 Festnahmen

Dschihadisten-Jagd in der Ankunftshalle

Im Istanbuler Flughafen suchen Polizisten nach europäischen Dschihadisten – bei 30 Millionen Touristen pro Jahr eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

von
kmo
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Die Türkei hat ihren Kampf gegen europäische Dschihad-Reisende Ende Januar 2015 verstärkt. Polizisten suchen gezielt nach Verdächtigen. Bild: an der Passkontrolle des internationalen Flughafens in Istanbul:

Die Türkei hat ihren Kampf gegen europäische Dschihad-Reisende Ende Januar 2015 verstärkt. Polizisten suchen gezielt nach Verdächtigen. Bild: an der Passkontrolle des internationalen Flughafens in Istanbul:

AFP/Ozan Kose
Sobald ein Verdächtiger gesichtet wird, folgt eine Überprüfung der Reisedokumente und anschliessend möglicherweise ein Verhör im «Risiko-Analyse-Zentrum».

Sobald ein Verdächtiger gesichtet wird, folgt eine Überprüfung der Reisedokumente und anschliessend möglicherweise ein Verhör im «Risiko-Analyse-Zentrum».

AFP/Ozan Kose
Im Zentrum können sich die türkischen Beamten nötigenfalls mit Kollegen aus den Heimatländern der Terror-Verdächtigen in Verbindung setzen, um einen Fall zu diskutieren.

Im Zentrum können sich die türkischen Beamten nötigenfalls mit Kollegen aus den Heimatländern der Terror-Verdächtigen in Verbindung setzen, um einen Fall zu diskutieren.

AFP/Ozan Kose

Ein normaler Tag am Airport, kurz nach der Landung einer Maschine aus Nahost: Die Passagiere kommen über die Fluggastbrücke ins Terminal, diskret beobachtet von zwei Zivilbeamten der türkischen Polizei, die sich einige Fluggäste genauer anschauen.

Da sind zum Beispiel zwei Männer, die von Istanbul aus ins südtürkische Adana weiterfliegen wollen, eine Stadt rund 100 Kilometer westlich der syrischen Grenze. Die beiden werden zum Verhör gebeten.

«Risiko-Analyse-Zentrum» heisst das neue Zauberwort der Behörden bei der Jagd auf Terror-Touristen, die über die Türkei ins benachbarte Bürgerkriegsland Syrien reisen wollen, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) oder anderen extremistischen Gruppen anzuschliessen.

In den Zentren an grossen türkischen Flughäfen werden verdächtige Passagiere überprüft. Für einige ist die Reise bereits im «Risiko-Analyse-Zentrum» zu Ende: Sie werden in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt.

Bereits 1500 Festnahmen

Wenn ein Verdächtiger gesichtet werde, folge eine Überprüfung der Reisedokumente und anschliessend möglicherweise ein Verhör im «Risiko-Analyse-Zentrum», sagt ein türkischer Offizieller, der namentlich nicht genannt werden will. Im Zentrum können sich die türkischen Beamten nötigenfalls mit Kollegen aus den Heimatländern der Terror-Verdächtigen in Verbindung setzen, um einen Fall zu diskutieren.

Rund 1500 mutmassliche Dschihadisten aus dem Ausland hat die türkische Polizei bisher bei der Einreise festgenommen. Etwa ein Drittel von ihnen wurde in den nächsten Flieger nach Hause gesetzt. Knapp 10'000 Namen stehen zudem auf einer Schwarzen Liste der türkischen Sicherheitsbehörden – Personen, die von Partnerländern als potenzielle Dschihadisten eingestuft werden und deshalb gar nicht erst ins Land gelassen werden.

Westliche Staaten kritisierten die Türkei

Die Schwarze Liste kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hörbar knirscht bei der Zusammenarbeit zwischen der Türkei und ihren westlichen Partnern. In Europa und den USA heisst es, die Türkei unternehme nicht genug, um westliche Dschihadisten an der Reise nach Syrien zu hindern.

Erst kürzlich sorgte die Flucht von Hayat Boumeddiene für Aufsehen, der Partnerin eines Täters der blutigen Terror-Woche von Paris im Januar. Boumeddiene setzte sich über die Türkei nach Syrien ab und blieb unentdeckt, obwohl sie sich eine Woche lang in der Türkei aufhielt. Nach türkischen Angaben lag gegen die Frau in der Türkei nichts vor, auch fehlten Hinweise aus Europa auf eine mutmassliche Terror-Verbindung.

Türkei verlangt mehr Informationen vom Westen

Die Türkei klagt, der Westen liefere generell zu wenig Informationen über Verdächtige und sei bei den Ausreisekontrollen zu schlampig. Der Behördenvertreter am Flughafen berichtet von der Festnahme eines mutmasslichen Dschihadisten aus Norwegen, der eine merkwürdige Kombination aus Militärausrüstung, Ferngläsern und Medikamenten im Gepäck hatte. Wie konnten diese Warnzeichen bei der Ausreise in Norwegen übersehen werden, fragt der türkische Offizielle. Bei 30 Millionen Touristen im Jahr könne nicht jeder Reisende befragt werden, warnt Ankara.

Die Einrichtung der «Risiko-Analyse-Zentren» und die Bemühungen um eine bessere Öffentlichkeitsarbeit weisen darauf hin, dass die Kritik aus dem Westen bei der Türkei angekommen ist. Die Tatsache, dass die Behörden der Nachrichtenagentur AFP den Zugang zu den Terroristen-Jägern am Flughafen gewährte, könnte ebenfalls ein Zeichen dafür sein. (kmo/sda)

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