Schwieriges Coming-out: «Du bist schwul? Du bringst mich ins Grab»
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Schwieriges Coming-out«Du bist schwul? Du bringst mich ins Grab»

Nach dem Coming-out ihrer Kinder bricht für einige Eltern die Welt zusammen. Homosexuelle erlebten eisernes Schweigen, Beleidigungen und Kontaktabbrüche.

von
B. Zanni

Ein Coming-out kann das Familienleben zur Hölle machen. Fast jeder zweite homosexuelle Jugendliche hat laut einer deutschen Studie in der engeren Familie wegen der sexuellen Identität Diskriminierung erfahren. 47 Prozent sagen sogar, die Familie habe diese Neuigkeit absichtlich ignoriert. Zahlreiche 20-Minuten-Leser haben sich mit ähnlichen Erfahrungen gemeldet:

«Meine Mutter weinte jedes Mal»

Stefan Engel (34): «Ich hoffte, mich niemals zu verlieben. Ich wuchs streng religiös in freikirchlichen Kreisen auf. Mein Traum war ein traditionelles Familienleben. Ich war mit einer Frau sogar fast verlobt. Und dann, mit 20 Jahren, geschah es doch. Ich hatte mich in einen Mann verliebt. Als ich es meinen Eltern eröffnete, sagte mein Vater: ‹Das erstaunt mich nicht›, meine Mutter sagte: ‹Du bringst mich ins Grab›. Darauf äusserte sie sich nie mehr und weinte jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam. Mein Vater suchte immer wieder das Gespräch und wollte mich zur Einsicht bringen. Einmal versuchte ich mich in der Freikirche erfolglos umzupolen. Gesprächstherapien mit Gebeten hätten helfen sollen, mein ‹männliches Selbst› zu stärken.»

«Das Verhältnis zu meinen Eltern wurde immer brüchiger. Eines Tages sagte mir mein Vater, dass ihm der Glaube wichtiger sei als sein Sohn. Dann herrschte zwischen meinen Eltern und mir zwei Jahre Funkstille. Zu einer Annäherung mit meinen Eltern kam es, als mein Lebenspartner hinter meinem Rücken Mutter und Vater zu meinem Geburtstag einlud. Heute haben wir spärlichen Kontakt – aber immer ohne meinen Partner.»

«Pfarrer versuchte, mich zu bekehren»

Angela Bauer* (25): «Als ich mit 22 Jahren meine Freundin meiner Mutter offiziell als Partnerin vorstellte, war das für meine Mutter ein Schock. Einen Monat lang redete sie nicht mehr mit mir. Sie glaubte auch, in der Erziehung etwas falsch gemacht zu haben. Meine Mutter tut sich wohl schwer damit, weil in ihrer Erziehung der Glaube eine grosse Rolle spielte. Es gab Momente, in denen sie meine Art als falschen Lebensstil bezeichnete. Meine Grossmutter hetzte mir sogar einen Pfarrer auf den Hals. Er schrieb mir ständig E-Mails und versuchte mich auf den ‹richtigen Weg› zu bringen.»

«Noch heute stört sich meine Mutter an meiner Homosexualität. Ich fühle mich diskriminiert. Wenn ich zum Beispiel sehe, wie sie sich für die Beziehung meiner heterosexuellen Geschwister interessiert, von mir aber in dieser Hinsicht ja nichts wissen will.»

«Mein Mann akzeptiert meinen Sohn nicht»

Anna Meister* (44), Mutter eines 22-jährigen Homosexuellen: «Schon als kleines Kind war klar, dass mein Sohn speziell ist. Er wollte mit einem Röckchen in den Kindergarten, nähte Barbie-Kleider und war nur mit Mädchen zusammen. Ich bestärkte ihn in seiner Art. Sein Vater und mein Ex-Mann hingegen konnte ihn nie akzeptieren. Er stammt aus einer konservativen Innerschweizer Handwerkerfamilie. Klar war, dass aus meinem Sohn ein Handwerker wird. Dabei hatte er viel mehr Interesse an Kunst und Styling als an Hammer und Nägeln. Von seinem Vater musste er sich anhören: ‹Aus dir wird nichts, du wirst kein Mann›.»

«Eine Weile wohnte mein Sohn in einem Studio im selben Haus wie sein Vater. Mein Sohn suchte den Kontakt zu ihm, aber es entstand keine Annäherung. Wenn mein Sohn mit dem Vater zusammentrifft, führen sie nur Small Talk. Dass mein Sohn regelmässig in Shows als Drag Queen auftritt und als Fotomodel arbeitet, weiss sein Vater nicht. Mein Sohn hat die Hoffnung auf ein entspanntes Verhältnis aufgegeben. Gerade heute sagte er mir: ‹Weisst du, Mami, es ist einfach so. Ich habe es akzeptiert›.»

*Namen geändert

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