Abschreckende Plakate: «Du darfst den Ungarn keine Jobs wegnehmen»
Aktualisiert

Abschreckende Plakate«Du darfst den Ungarn keine Jobs wegnehmen»

Ungarn leidet besonders unter dem Flüchtlingsstrom. Jetzt will die Regierung Migranten mit einer Hetzkampagne abschrecken.

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cfr
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Mit einer neuen Kampagne mahnt Ungarn Flüchtlinge, sich den Gepflogenheiten anzupassen.

Mit einer neuen Kampagne mahnt Ungarn Flüchtlinge, sich den Gepflogenheiten anzupassen.

Youtube/Tagesschau News
«Wenn du nach Ungarn kommst, darfst du den Ungarn nicht ihre Jobs wegnehmen», heisst es auf den Plakaten. Kaum ein Migrant dürfte die Schriftzüge verstehen, denn diese sind auf Ungarisch verfasst.

«Wenn du nach Ungarn kommst, darfst du den Ungarn nicht ihre Jobs wegnehmen», heisst es auf den Plakaten. Kaum ein Migrant dürfte die Schriftzüge verstehen, denn diese sind auf Ungarisch verfasst.

Youtube/Tagesschau News
Die Poster sind Teil einer Kampagne der Regierung von Viktor Orban, Ungarns rechtsnationalem Ministerpräsidenten.

Die Poster sind Teil einer Kampagne der Regierung von Viktor Orban, Ungarns rechtsnationalem Ministerpräsidenten.

Szilard Koszticsak

Viele Flüchtlinge wählen die Route über den Balkan nach Westeuropa. Sie sind zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs – und wollen über Ungarn in die EU gelangen. Über 50'000 Menschen haben dort seit Anfang Jahr Asyl beantragt.

Um sich gegen den anschwellenden Flüchtlingsstrom zu wappnen, will Ungarn jetzt seine Aussengrenzen besser schützen. Der Bau eines Stacheldrahtzauns an der Grenze zu Serbien sei nicht ausgeschlossen, hiess es.

Auch im Land werden Massnahmen getroffen: Die Regierung von Viktor Orbán hat riesige Plakate anbringen lassen, auf denen es weiss auf blau heisst: «Wenn du nach Ungarn kommst, musst du unsere Kultur respektieren», «Wenn du nach Ungarn kommst, musst du unsere Gesetze achten», oder «Wenn du nach Ungarn kommst, darfst du den Ungarn nicht die Jobs wegnehmen».

Plakate, die die Flüchtlinge nicht verstehen

Die Aktion richtet sich an Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Wie effektiv die Kampagne ist, wird sich noch zeigen müssen — denn die Schriftzüge auf den Postern sind in Ungarisch verfasst.

Das mache gar nichts, sagt Rozsa Hoffmann von der Regierungspartei Fidesz einem lokalen Reporter. Die Flüchtlinge würden ja die Botschaft auf den Bildern verstehen. Nur: Auf den Plakaten sind gar keine Bilder.

Fragebogen zu Flüchtlingen und Terrorismus

Mit den Postern will die Regierung für ihre Anti-Einwanderungs-Kampagne werben, wie die ARD-«Tagesschau» berichtet. Anfang Mai hatte sie innerhalb dieser Kampagne allen acht Millionen Bürgern einen Fragebogen geschickt, in denen die Themen Flucht und Terrorismus verknüpft werden.

Die Kampagne sei entstanden, weil Orbáns Partei Fidesz Konkurrenz von der rechtsextremen Partei Jobbik bekommt, schreibt die «Welt». Orbán versuche, den Rechtsextremen die Themen wegzunehmen, sagt auch der ARD-Korrespondent Til Rüger. Gleichzeitig wolle er die von der EU vorgeschlagene Verteilquote von Flüchtlingen bekämpfen, ergänzt die «Welt». Dabei hofft er auf die Bestätigung durch das Volk. Orbán hatte eine solche Quote mehrfach «verrückt» genannt.

Plakate unter Polizeischutz

Die aufgehängten Poster haben zu heftigen Reaktionen in Ungarn geführt: Die linke Oppositionspartei Együtt («Gemeinsam») rief zur Zerstörung der Plakate auf. Mit Erfolg: Überall im Land haben Menschen angefangen, die Plakate herunterzureissen. Am Sonntag wurden sechs Aktivisten dabei auf frischer Tat ertappt und verhaftet, wie die «Welt» berichtet.

Die Zerstörungswut der Bevölkerung sei so gross, dass die Regierung die Plakate mittlerweile von Polizisten bewachen lasse, berichtet die Österreichische Presseagentur.

Deshalb greifen viele jetzt zu milderen Protestformen: Sie bewerfen die Poster aus der Distanz mit Eiern und Farbe. Zusätzlich hat eine kleine Spasspartei damit angefangen, eigene Poster aufzuhängen. Diese richten sich auf Englisch an die Migranten: «Entschuldigt unseren Ministerpräsidenten» und «Willkommen in Ungarn» (siehe Bildstrecke) steht auf diesen in denselben Blau-Weiss-Tönen.

Asylbewerber werden verbal und physisch angegriffen

Auch das EU-Parlament hat die Kampagne scharf kritisiert: Diese sei «hochgradig irreführend, mit Vorurteilen behaftet und unausgewogen.»

Zuletzt hatte der Europarat den Umgang mit Asylbewerbern in Ungarn angeprangert. Mehr als ein Fünftel von ihnen könne sich nicht frei bewegen, sondern sei in geschlossenen Zentren untergebracht. Dort seien die Migranten oft physischen und verbalen Angriffen seitens der Wärter ausgesetzt.

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