Aktualisiert 10.05.2016 12:57

Polizeivideo von Kölner Silvesternacht

«Du sollst mich nicht anfassen!»

Ein bisher geheimes Polizeivideo zeigt, wie überfordert die Beamten angesichts der Übergriffe in der Kölner Neujahrsnacht waren.

von
jros
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In der letztjährigen Silvesternacht verübten am Kölner Hauptbahnhof Männer massive Übergriffe auf Frauen. Die Täter stammten überwiegend aus dem nordafrikanischen Raum. (31. Dezember 2015).

In der letztjährigen Silvesternacht verübten am Kölner Hauptbahnhof Männer massive Übergriffe auf Frauen. Die Täter stammten überwiegend aus dem nordafrikanischen Raum. (31. Dezember 2015).

AFP/Markus Boehm
Auch Raubdelikte wurden gemeldet. (31. Dezember 2015)

Auch Raubdelikte wurden gemeldet. (31. Dezember 2015)

EPA/Markus Boehm
Mehrere Männer wurden für ihre Taten schuldig gesprochen.

Mehrere Männer wurden für ihre Taten schuldig gesprochen.

AFP/Markus Boehm

Der Polizeieinsatz vor dem Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht verlief dramatischer als bisher bekannt. Das TV-Magazin «Westpol» hat jetzt ein bisher unter Verschluss gehaltenes Polizeivideo veröffentlicht, das dem «Westdeutschen Rundfunk» zugespielt wurde.

In dem Video ist zu sehen, wie rund 80 Polizisten in der Silvesternacht ab etwa 23.40 Uhr den Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs räumen. Dabei wird deutlich, wie chaotisch die Situation zu diesem Zeitpunkt war und wie schwer es den Einsatzbeamten fällt, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Chaos in der Silvesternacht: Video vom Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs. (Video: Youtube/Westpol)

Polizei am Rande ihrer Möglichkeiten

Auf dem Platz herrscht dichtes Gedränge, Böller zischen durch die Luft, Betrunkene stolpern durch die Menge, lautes Gejohle und vereinzelt auch panische Schreie sind zu hören. Immer wieder gerät die Räumungsaktion ins Stocken, vor allem da, wo eine Handvoll Beamter einer Masse von Leuten gegenübersteht.

Polizeikordons werden durchbrochen, eine Frau ruft deutlich hörbar: «Dass du mich nicht anfassen sollst. Du sollst mich nicht anfassen!» Viele Menschen vor Ort reagieren überrascht oder sogar aggressiv auf die Räumungsaktion, die – heute ein Kernpunkt der Kritik – nicht von Lautsprecherdurchsagen flankiert wird. An anderer Stelle im Video wird die Verwirrung der Beamten über den Ablauf des Einsatzes deutlich, etwa wenn Bereitschaftspolizisten darüber sprechen, dass man die Polizeisperre am einen Ende der Treppe zum Kölner Dom «mit zwei Leuten nicht halten» könne.

Übergriffe auf Frauen fingen danach erst richtig an

Eine halbe Stunde später, gegen 00.15 Uhr, wird die Räumungsaktion beendet. Heute ist bekannt, dass sich die Lage vor Ort danach keineswegs beruhigte, sondern dass die sexuellen Übergriffe auf Frauen jetzt erst richtig losgingen.

Inwiefern die umstrittene Räumungsaktion im Hinblick auf die Taten eine Rolle spielte, versucht inzwischen ein Untersuchungsausschuss zu klären.

Bewusste Vertuschung?

Die zuständigen deutschen Behörden stehen seit Monaten wegen der Vorfälle unter Druck. Zahlreiche Beamte müssen sich nun vor dem Ausschuss für ihre Entscheidungen im Vorfeld der Silvesternacht und in der Nacht selbst verantworten.

Am Montag äusserte sich Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) vor dem Untersuchungsausschuss und wies jede Kritik von sich: «Bis zum 3. Januar konnte keiner erahnen, was dort geschehen ist», sagte Jäger. «Der Vorwurf der Vertuschung ist aus der Luft gegriffen».

Die bisher geheimen Polizeivideos werden voraussichtlich Ende Mai vor dem Ausschuss thematisiert.

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