Aktualisiert 23.04.2014 07:59

Experiment Tieflohn«Du wirst zu Hause rumsitzen und versauern»

Mehrere Leser warnten mich, meine sozialen Kontakte würden unter dem 3000-Franken-Experiment leiden. Es wollte mir nicht gelingen, die Stimmen zu ignorieren.

von
J. Büchi

«Gute Freunde helfen dir immer, auch wenn du einmal nicht so viel Geld hast», gab mir Leser Andreas für mein Spar-Experiment mit auf den Weg. Wie froh ich bin, dass er damit recht hatte! Selbstverständlich ist das ja nicht, wie mir andere Kommentatoren in Erinnerung riefen. Wenn ich erst einmal arm sei, werde es schwierig mit den sozialen Kontakten, warnten sie mich. «Feierabendbier? Ausgang? Kino? Kannst du vergessen, deine Freunde werden ohne dich hingehen. Stattdessen wirst du alleine zu Hause rumsitzen und versauern», hiess es in einem wenig erbaulichen Lesermail.

Anfangs befürchtete ich schon, die Miesepeter könnten richtig liegen. Denn natürlich wollte ich meinen Tieflohn (siehe Box) nicht gleich für die genannten Freizeitbeschäftigungen verpulvern. Und genauso wenig wollte ich, dass meine Freunde wegen mir darauf verzichten, in einen Club, ins Kino oder shoppen zu gehen. Ich war, zugegeben, etwas konsterniert.

Ein Bier, dafür kein Parfüm

In dieser Phase des Grübelns klingelte glücklicherweise mein Telefon – meine beste Freundin lud mich für den Abend zu einem Grillfest ein. Ob ich vielleicht schon etwas früher kommen wolle? An diesem Nachmittag schnetzelten wir Gemüse, bereiteten den Apéro vor, kochten ein Dessert aus garteneigenem Rhabarber. Wir schwatzten und tranken einen günstigen Weisswein, den ich unterwegs noch gekauft hatte. Am Abend assen wir trotz kühler Temperaturen im Garten, in Decken gehüllt, hörten mal gute, mal ziemlich schlechte Musik. Es war wunderbar.

Das sagte ich meiner Freundin auch, als ich ging. «Weisst du, ich war schon froh, dass ich wegen meines Experiments heute nicht zu Hause bleiben musste.» Ach das, das habe sie ganz vergessen, erwiderte sie. Danke dafür, meine Liebe!

Bis jetzt habe ich während meines Selbstversuchs weder ein Restaurant noch ein Kino oder einen Kleiderladen von innen gesehen. Aber für ein Bier mit Freunden muss das Budget, so knapp es auch sein mag, ab und zu reichen, das nahm ich mir vor. Den Ratschlägen der Leserschaft folgend habe ich nach meinem letzten Artikel übrigens auf den Kauf eines neuen Parfüms verzichtet. Dafür reichte es für ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin und selbstgemachte Küchlein am Osterzmorgen.

Experiment Tieflohn

Für 20 Minuten lebt Reporterin Jacqueline Büchi einen Monat mit 3000 Franken. Nach Abzug verschiedener Fixkosten (siehe Bildstrecke) bleiben ihr 1205 Franken, mit denen sie ihren Alltag bestreiten muss.

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