Deutscher Verlag: Dubiose Geschäfte mit Schweizer Uni-Arbeiten
Aktualisiert

Deutscher VerlagDubiose Geschäfte mit Schweizer Uni-Arbeiten

Ein deutscher Verlag schreibt Schweizer Studenten an und will deren Abschlussarbeiten drucken. Wer einwilligt, riskiert seinen Ruf.

von
ced
Der AV-Akademikerverlag schreibt unter anderem Studenten der Universität Zürich an.

Der AV-Akademikerverlag schreibt unter anderem Studenten der Universität Zürich an.

Die Studentin Sabina B.* (27) erhielt kürzlich über ihren Account an der Universität Zürich ein E-Mail des AV-Akademikerverlags. Darin bekundete dieser Interesse an B.s Masterarbeit: «Wir publizieren wissenschaftliche Fachliteratur und könnten uns vorstellen, Ihre Arbeit als Fachbuch in unser Buchprogramm aufzunehmen.»

B. wurde sofort stutzig: «Die Sache war von Anfang an verdächtig.» Sie konnte sich nicht vorstellen, dass eine Arbeit über «Soziodemografische Einflüsse auf den Sprachgebrauch Deutschschweizer Jugendlicher» auf eine grosse Leserschaft stossen würde. «Ich habe mich dann genauer über den Verlag informiert», so B. Dabei stellte sich heraus: Der Verlag mit Sitz in Deutschland ist berüchtigt.

Quantität vor Qualität

Die Bibliothek des Geografischen Instituts der Uni Zürich informiert auf ihrer Internetseite: «Die Anfragen sind mit Vorsicht zu geniessen, denn dieser Verlag ist nicht über alle Zweifel erhaben.» Zahlreiche Studenten hätten immer wieder Anfragen erhalten – deshalb habe man sich entschieden, Hintergrundinformationen zur Verfügung zu stellen. Weitergeleitet wird auf einen aktuellen Artikel des «Spiegels», der die Verlagsgruppe Omniscriptum – zu der auch der AV-Akademikerverlag gehört – thematisiert.

Deren weltweites Geschäftsmodell sei Quantität vor Qualität: Damit der Geldstrom nicht abreisst, suchen die Mitarbeiter auf Facebook, Xing oder den Internetseiten der Hochschulen nach Autoren. Sie übernehmen laut «Spiegel» Abschlussarbeiten, ohne sie zu korrigieren, und drucken erst nach Bestellung. Verkauft werden die Werke zu Preisen zwischen 10 und 250 Euro.

Büchergutscheine als Honorar

Wie der «Spiegel» berichtet, sehen die Autoren vom Erlös aber selten etwas: Wer einwilligt, überträgt dem Verlag für drei Jahre kostenlos die Exklusivrechte. Eine Gewinnbeteiligung erhalten die Autoren nur, wenn ihr Werk pro Monat durchschnittlich 50 Euro einspielt. Ansonsten gibt es nur Büchergutscheine – für Werke aus dem AV-Verlag.

Hinzu komme, dass der Verlag bei Professoren keinen guten Ruf habe. Jonathan Sterne, Professor an der McGill University in Montreal: «Wer in so einem Verlag publiziert, der schadet seiner Arbeit: Er schickt sie auf einen akademischen Friedhof.»

«Unsere Titel gewinnen Wissenschaftspreise»

Karin Martin, Sprecherin bei Omniscriptum, weist diese Anschuldigungen zurück. «Unsere Titel gewinnen Wissenschaftspreise, werden nicht nur in wichtigen Tageszeitungen positiv besprochen, sondern auch in Fachzeitschriften. Neben den zahlreichen Jungwissenschaftlern und Absolventen zählen wir auch unzählige bekannte Wissenschaftler zu unseren Autoren. Darüber hinaus kooperieren wir mit zahlreichen Universitäten und Institutionen weltweit.»

Auch von Absolventen, Dozenten und Professoren der Universität Zürich seien bereits zahlreiche Arbeiten erfolgreich publiziert worden. «Auf B.s Arbeit sind wir im Internet aufmerksam geworden. Wir bedienen mit unseren Fachreihen unterschiedlichste Wissenschaftssparten und B.s Arbeit wäre für unsere Reihe ‹Geisteswissenschaften› geeignet gewesen.»

*Name der Redaktion bekannt.

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