Social Media: Dubioser Spendenaufruf stürmt YouTube
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Social MediaDubioser Spendenaufruf stürmt YouTube

Die Organisation Invisible Children will den ugandischen Kriegsverbrecher Joseph Kony dingfest machen. Ihre Doku wurde schon 50 Millionen Mal angeschaut. Nun wird Kritik laut.

von
Viktoria Weber

Eine Dokumentation voller Emotionen erobert die Internet-Welt. (Quelle: YouTube/<a href="http://www.youtube.com/watch?v=Y4MnpzG5Sqc" target="_blank">invisiblechildreninc</a>)

Mit ihrem Video «Kony 2012» will die amerikanische Organisation Invisible Children Inc. den Kriegsverbrecher Joseph Rao Kony bekannt machen. Gegen Kony wurde ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs erlassen, er gilt als einer der brutalsten Verbrecher weltweit. Dem Anführer der ugandischen Rebellenarmee LRA (The Lord's Resistance Army) werden zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen - unter anderem soll er laut unbestätigter Quelle zwischen 30 000 und 60 000 Kinder verschleppt haben, so Zeit Online.

Die Tatsache, dass Kony gesucht wird, ist nicht neu. Die Art und Weise, wie die Suche nun verschärft werden soll, allerdings schon. Der amerikanische Filmemacher Jason Russell produzierte für die Organisation Invisible Children Inc. eine bewegende halbstündige Dokumentation und veröffentlichte diese auf YouTube. Erzählt wird die herzzerreissende Geschichte des kleinen Jacob, dessen Bruder von Konys Rebellen getötet wurde. Mit Tränen in den Augen berichtet der Junge, wie er zusehen musste, wie seinem Bruder mit einer Machete die Kehle durchgeschnitten wurde. Er erzählt, dass er immer Angst habe, dass die Rebellen ihn und seine Freunde auch töteten.

Der Zuschauer fühlt mit

Zu Beginn der Dokumentation kündigt Russell an, dass dies ein «Experiment» sei. Gemeint ist, dass er sehen will, wie gut Informationen in der heutigen vernetzten Welt transportiert werden können. Und dafür wünscht er sich die vollständige Aufmerksamkeit des Zuschauers. Als Hauptstilmittel, das diese Aufmerksamkeit gewährleisten soll, dienen Russel Emotionen. Egal, ob der Filmproduzent zu Beginn die Geburt seines eigenen Sohnes zeigt oder später den kleinen Jacob in Uganda seine Geschichte erzählen lässt: Der Zuschauer fühlt mit.

Die Strategie geht auf: Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Video in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook. Waren es am Mittwochabend noch 7 Millionen Klicks auf YouTube, so ist die Zahl am Donnerstagmittag schon auf 26 Millionen gestiegen. Häufig wird das Video fast kommentarlos im eigenen Facebook-Profil gepostet. Höchstens ein paar Worte wie «Teilt dieses Video unbedingt in eurem Profil!» werden hinzugefügt. Und auch bei 20 Minuten Online geht das Video von zahlreichen Leser-Reportern ein. Beim gestrigen Ausfall von Facebook vermutete ein Leser, dass die Aktion «Kony 2012» die Ursache dafür sein könnte.

Nur ein Drittel der Spenden kommt in Uganda an

Wurde das Video in den vergangenen Tagen vor allem verbreitet, wird nun vermehrt Kritik laut. Facebook-User hinterfragen das Video und die Organisation, die dahinter steht, und verbreiten kritische Fragen. Problematisch sei nicht das Thema an sich - dass Kony gestoppt werden muss, sei unumstritten - es gehe um die Art und Weise. Invisible Children Inc. ruft zu Spenden auf. Lediglich ein Drittel käme aber tatsächlich in Uganda an. Der Rest fliesse in Organisations- und Lobbyarbeit.

Vor allem wegen fehlender Transparenz, was die Finanzierung betrifft, bekommt die Organisation lediglich drei von vier möglichen Sternen in der Bewertung des Charity Navigators. In einem Artikel des amerikanischen Magazins Foreign Affairs wird zudem kritisiert, dass Invisible Children Inc. Zahlen und Fakten übertrieben darstellen würde, um seine Ziele zu verfolgen.

Die Welle wird dadurch nicht gebremst. Im Gegenteil: Das Video verbreitet sich immer weiter. Ob eine solche Kampagne tatsächlich bewirken kann, dass ein Kriegsverbrecher gefasst wird, bleibt fraglich. Doch eines ist sicher: Russells «Experiment» ist gelungen. Wusste ausserhalb von Uganda bis vor einigen Tagen kaum einer, wer Joseph Kony überhaupt ist, hat sich das binnen einer Woche schlagartig geändert.

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