US-Wahlen: Dünner Geldbeutel bringt dicke Schlappe
Aktualisiert

US-WahlenDünner Geldbeutel bringt dicke Schlappe

Nach nur zwei Jahren im Amt scheint US-Präsident Obama entzaubert. Die am Boden liegende Wirtschaft dürfte ihm bei der Wahl eine haushohe Niederlage bescheren.

von
Werner Grundlehner

Auch der US-Bürger wirft bei Wahlen zuerst einen Blick ins eigene Portemonnaie. Und dort sieht er derzeit nichts als gähnende Leere — oder besser gesagt: Schulden. In einer Umfrage des Fernsehsenders NBC und dem «Wall Street Journal» sagten entsprechend 84 Prozent der Befragten, sie seien unzufrieden mit dem Zustand der amerikanischen Wirtschaft.

60 Prozent sehen ihr Land ganz generell auf dem falschen Weg. Dies wird sich im Wahlresultat zeigen: 49 Prozent der Befragten wollen einen Kongress (Senat und Repräsentantenhaus) unter Kontrolle der Republikaner, nur 43 Prozent wünschen eine Mehrheit der Demokraten – die Ausgangslage also, die Obama in den ersten zwei Amtsjahren hatte.

Die Umfrage dokumentiert eine tiefe Unzufriedenheit der Wähler mit dem Zustand des Landes. Die Bildstrecke von «20 Minuten Online» zeigt, wo die Probleme der Vereinigten Staaten liegen. Diese «Krisenherde» haben dafür gesorgt, dass die Lichtgestalt Obama, der als Hoffnungsträger angetreten war, unsanft auf dem Boden der Realität gelandet ist. «Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit von über 9,5 Prozent verunsichert die Amerikaner», sagt Anastassios Frangulidis, Ökonom bei der ZKB. Zwar seien seit Jahresbeginn 600 000 neue Arbeitsstellen geschaffen worden. Doch das reicht bei weitem nicht, um die Abermillionen, die durch die Finanzkrise arbeitslos wurden, wieder zu beschäftigen.

Der Fluch der Dienstleistungsgesellschaft

Historisch gesehen, ist eine derart hohe Arbeitslosenquote laut Frangulidis «normal». Denn erfahrungsgemäss brauche es nach dem Ende einer Rezession 18 bis 24 Monate, bis die Unternehmen wieder neue Arbeitsstellen planen. Zuerst versuchen die Firmen, die zunehmende Nachfrage mit bestehenden Ressourcen zu decken.

Erschwerend hinzu kommt nun aber, dass sich die US-Wirtschaft gewandelt hat: Von der Industriegesellschaft der Fünfziger- und Sechzigerjahre in eine Dienstleistungsgesellschaft. «Während man einen Stahlarbeiter nach kurzer Zeit in der Autoindustrie einsetzen kann, dauert es einige Monate, bis ein IT-Spezialist oder ein Investmentbanker im Bildungs- oder Medtech-Bereich arbeiten kann», so der ZKB-Ökonom. Das verzögert die Wiedereingliederung zusätzlich.

150 000 Miese pro Kopf

Strukturelle Probleme, insbesondere die hohe Verschuldung von Privaten und des Staats, führen aber dazu, dass das Wirtschaftswachstum unerwartet schwach bleibt. Jeder Amerikaner trägt private Schulden von rund 150 000 Dollar, wovon der grösste Teil Hypotheken sind.

Die USA seien nur mittelfristig in der Lage, zu einem nachhaltigen Wachstum zurückzukehren, sagt Jan Willem Acket, Chefökonom von Julius Bär. «Die kommenden zwei Jahre ist Abspecken angesagt und dadurch nur verhaltenes Wachstum möglich». Der US-Präsident habe wenig Handlungsspielraum in den kommenden zwei Jahren. Acket sieht folgende Möglichkeitn, die Verschuldung durch eine Kombination von Steuererhöhungen für Reiche, Lenkungsabgaben im Energiebereich und Budgetkürzungen signifikant zu reduzieren. Zudem müssen private Investitionen durch steuerliche Anreize gefördert werden.

Nun versucht aber die amerikanische Notenbank einmal mehr via Notenpresse die Wirtschaft anzukurbeln. Mit dem QE 2 (Quantitative Easing 2), dem erneuten Aufkauf von Staatspapieren, werden die Zinsen gesenkt – und der Staat kann weiterhin günstig Geld aufnehmen. Doch der Kauf der eigenen Anleihen soll auch Anlagen mit höheren Renditen — beispielsweise Aktien — attraktiver machen und das Vermögen der Bürger anwachsen lassen. Zudem würde der Wert des Dollar gesenkt, was günstig wäre für US-Exporte und Auslandsschulden in US-Dollar. Acket fügt an: «Der schwache Dollar wird wie Protektionismus den Handel mit den USA erschweren».

Helikopter-Ben druckt Geld

Der Vorsitzende der Notenbank, Ben Bernanke, bekam einst den Übernamen «Helikopter-Ben». Denn: Er wollte notfalls aus dem Helikopter Geld auf die Amerikaner abwerfen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Doch bisher verpufften seine Zinssenkungsmassnahmen – und die Angst, dass es zu Fehlanreizen, beispielsweise Spekulationsblasen am Rohstoffmarkt kommt, wächst. Die meisten Industriestaaten kopieren die USA und wollen mit der gleichen Strategie die eigene Währung schwächen und den Exportsektor ankurbeln.

Gesundheitsreform durchgebracht

«Obama hat einiges durchgebracht, beispielsweise die Gesundheitsreform im Frühsommer», erklärt Frangulidis. Doch das gehe im Moment vergessen. Die Konjunkturpakete der Demokarten laufen nun aus und müssten ersetzt werden. Doch der Glaube der Bürger an Staatsinterventionen sinke. Deshalb werde es Obama nach den Wahlen noch schwieriger haben, seine Ideen durchzubringen.

«Ein grundsätzlicher Kurswechsel der USA ist aber nicht zu erwarten», so Frangulidis. Zudem müssten auch Republikaner, die sich im Moment lautstark für Protektionismus einsetzten, nach den Wahlen wieder zurückbuchstabieren. Denn der freie Welthandel habe sich in den vergangenen Jahren auch für Amerika als Segen erwiesen.

Die USA müssen wir aber im Auge behalten. Noch sehr lange – aber mindesten für fünf bis zehn Jahre - wird das Land laut Jan Willem Acket die grösste Volkswirtschaft und der grösste Finanzmarkt bleiben und so den Kurs von Börse und globaler Ökonomie vorgeben.

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