Militärsoziologe: «Düstere Weltlage lässt Armee nötig erscheinen»
Aktualisiert

Militärsoziologe«Düstere Weltlage lässt Armee nötig erscheinen»

Noch nie erachteten mehr 18- bis 29-Jährige das Schweizer Militär als notwendig. Für einen Soziologen liegt das daran, dass sie die weltpolitische Lage kritisch beurteilen.

von
P. Michel
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Die Studie «Sicherheit 2018» untersucht die Einstellungen der Schweizer Bevölkerung zur Armee. Die Erhebung zeigt: Noch nie erachteten mehr 18- bis 29-Jährige die Armee als notwendig.

Die Studie «Sicherheit 2018» untersucht die Einstellungen der Schweizer Bevölkerung zur Armee. Die Erhebung zeigt: Noch nie erachteten mehr 18- bis 29-Jährige die Armee als notwendig.

Keystone/Gaetan Bally
Auch insgesamt ist die Zustimmung zur Armee mit 81 Prozent hoch.

Auch insgesamt ist die Zustimmung zur Armee mit 81 Prozent hoch.

Studie Sicherheit 2018
Dass die Armee unbestritten ist, zeigt sich zudem dadurch, dass 49 Prozent aller Befragten die Verteidigungsausgaben von 5 Milliarden Franken pro Jahr als «gerade richtig» empfinden, 12 Prozent finden gar, es seien zu wenig Gelder vorhanden.

Dass die Armee unbestritten ist, zeigt sich zudem dadurch, dass 49 Prozent aller Befragten die Verteidigungsausgaben von 5 Milliarden Franken pro Jahr als «gerade richtig» empfinden, 12 Prozent finden gar, es seien zu wenig Gelder vorhanden.

Studie Sicherheit 2018

Herr Szvircsev Tresch, innert einem Jahr ist die Zustimmung zur Armee bei den 18- bis 29-Jährigen um ganze 10 Prozent gestiegen und erreicht einen neuen Höchstwert. Wie erklären Sie sich das?

Allgemein sehen wir, dass sich die Schweizer Bevölkerung Sorgen macht zur weltpolitischen Lage. Genannt seien hier der Konflikt mit Russland, der Nahostkonflikt und Nordkorea, aber auch die innere Zerrissenheit Europas oder der Austritt von Grossbritannien aus der EU, der sogenannte Brexit. Davon sind die 18- bis 29-Jährigen nicht ausgeschlossen. Auch sie sehen der zukünftigen weltpolitischen Lage pessimistisch entgegen. Dadurch kann unter Umständen die Erkenntnis heranreifen, dass in solch unsicheren Zeiten eine Armee notwendig sei.

Kann man diese Entwicklung bei den Jungen an konkreten Ereignissen im letzten Jahr festmachen?

Im Speziellen kann natürlich auch der mit der Weiterentwicklung der Armee (WEA) neu erfolgte Start der Rekrutenschule (RS) am 15. Januar 2018 einen positiven Einfluss gehabt haben. An diesem Tage sind Tausende junger Männer und einige junge Frauen in die Rekrutenschule eingerückt, die sich mit der Armee auch persönlich auseinandergesetzt haben. Da wir die Daten zwischen dem 4. Januar und dem 30. Januar erhoben haben, fiel der Start der RS direkt in diese Zeit hinein. Dies könnte einen positiven Effekt gehabt haben.

Was können weitere Gründe sein?

Auch die Diskussion über die Cyberverteidigung, bei der die Schweizer Armee ihren Beitrag leisten möchte, ist sicher bei den Jungen ein aktuelles Thema und kann sie positiv ansprechen und von der Notwendigkeit der Armee überzeugen. Als weiterer Punkt ist auf die Einführung der Weiterentwicklung der Armee (WEA) hinzuweisen (siehe Box). Obwohl die Gesamtbevölkerung wenig Kenntnis von diesem Reformschritt hat, ist der Wissensstand bei den 18- bis 29-Jährigen grösser. Da die WEA wesentliche Verbesserungen gegenüber der Armee XXI bringt, könnte diese Reform auch den Ruf der Armee verbessert haben.

Die Zustimmung zur Armee erreicht in dieser Altersgruppe dieselben Werte wie bei den 60-Jährigen. Denken die Jungen in Armeefragen heute wie die Generation ihrer Eltern?

Es scheint tatsächlich so, dass die jüngste Altersgruppe und die ab 60-Jährigen bei vielen Fragen der gleichen Meinung sind. Während wir früher davon ausgegangen sind, dass die Jungen am progressivsten sind und die Alten am konservativsten, ist dies heute nicht mehr immer der Fall.

Was können die Gründe für diese Annäherung sein? Ist dies auch ein Ausdruck davon, dass die Jugend heute konservativ denkt, wie jüngst eine Jugendstudie zeigte?

Dies haben wir konkret nicht erhoben. Es zeigt sich aber, dass die Jungen weniger stark für eine Öffnung – etwa bei der Frage eines EU- oder Nato-Beitritts – der Schweiz einstehen als früher. Es scheint so zu sein, dass es eine Rückbesinnung auf «schweizerische Werte» gibt. Dies rührt eventuell von einer Verunsicherung gegenüber der globalisierten Welt her, was – wie schon andere Untersuchungen gezeigt haben – zu einem konservativeren Denken führen kann.

Trotz der rekordhohen Zustimmung bei den Jungen: Die Zahl jener, die in den Zivildienst wechseln, erreicht ebenfalls Höchstwerte. Wie passt das zusammen?

Da besteht eine Diskrepanz. Dies könnte aber daran liegen, dass auf der allgemeinen Ebene die Armee befürwortet und als wichtig erachtet wird, sobald aber die individuelle Betroffenheit dazukommt, die Alltagsschwierigkeiten auftreten. Gemäss den Studien der Zivildienststelle wechseln Soldaten zum Zivildienst, weil sie einerseits eine Verpflichtung zum Weitermachen fürchten. Eine weitere Gruppe ist andererseits mit dem heutigen Militärdienst psychisch oder physisch überfordert. Die Jungen stellen sich immer mehr die Frage, was nützt mir der Dienst ganz konkret und welches sind die Alternativen dazu. Es scheint, dass hier ein Kosten-Nutzen-Denken Einzug gehalten hat.

Sind Sie jung und ein Fan der Schweizer Armee? Erzählen Sie uns, warum Sie die Armee als nötig erachten und warum sie allenfalls Ihre negative Meinung zur Armee geändert haben.

Sind Sie jung und ein Fan der Schweizer Armee? Erzählen Sie uns, warum Sie die Armee als nötig erachten und warum sie allenfalls Ihre negative Meinung zur Armee geändert haben.

Tibor Szvircsev Tresch ist Militärsoziologe an der Militärakademie (MILAK) der ETH Zürich.

Weiterentwicklung der Armee (WEA)

Mit der Weiterentwicklung der Armee, die von 2018 bis 2020 umgesetzt werden soll, wird der Sollbestand der Armee auf 100'000 Personen reduziert. Zudem sinkt die Zahl der Diensttage von 260 auf 245. Ein weiterer Punkt der WEA: Die RS-Dauer wird verkürzt von 21 auf 18 Wochen. Auch kann der Militärdienst im neuen Modell flexibler geleistet werden, nämlich vom 19. bis zum 25. Altersjahr. (pam)

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