«Time-out»: «Dunkle Mächte» und Parallelen zu New York

Aktualisiert

«Time-out»«Dunkle Mächte» und Parallelen zu New York

Im Schluefweg kehrt keine Ruhe ein. Die Flyers werden immer mehr zur Schweizer Antwort auf die New York Islanders. Deren Geschichte zeigt: Der Weg aus der Krise ist schwierig.

von
Klaus Zaugg

Im Hockey-Zirkus vom Schluefweg ist alles ein bisschen anders. Die 3:4-Pleite in Langnau darf mit ein bisschen Bösartigkeit als «Wunschniederlage» bezeichnet werden.

«Wunschniederlage?» Nun, der neue Sportchef André Rötheli hat ja unlängst öffentlich und multimedial erklärt, er suche einen neuen Trainer. Das macht aber letztlich nur Sinn, wenn es sportlich nicht läuft. Ein Sieg in Langnau hätte Klotens Punktereserve von sieben auf zehn Punkte vergrössert – und damit wäre eine Entlassung des Trainers nicht mehr zu rechtfertigen gewesen.

Und noch immer ist der «Supergau» ja nicht ausgeschlossen: Es ist durchaus möglich, dass die Kloten Flyers mit Tomas Tamfal an der Bande nicht nur die Playoffs schaffen. Sie können dort ins Halbfinale oder gar ins Finale kommen. Dann braucht es wohl einen PR-Berater, um die Gründe zu erfinden, warum der Trainer trotzdem ausgewechselt werden muss.

«Niederlage stärkt die dunklen Mächte»

Wie sehr sich in Kloten inzwischen alles um den Trainer dreht, zeigte sich am Freitagabend in Langnau. Das Schweizer Fernsehen wünschte bereits vor dem Spiel ein Interview mit Trainer Tomas Tamfal und Sportchef André Rötehli. Manager Wolfgang Schickli verlangte eine Visionierung des TV-Beitrages. Er hat den Trainer, den sein Sportchef nicht mehr will, eingestellt und will ihn nun schützen. Zu leicht entsteht Polemik, wenn in einem TV-Beitrag Antworten an der falschen Stelle geschnitten werden.

So absurd das tönt – es ist so: Nun hat sich die Situation in Kloten durch die Niederlage in Langnau sozusagen entspannt. Klotens Manager Wolfgang Schickli – er hat seine Kündigung eingereicht und geniesst jetzt die Gnade der freien Rede - sagt es geradeheraus: «Diese Niederlage stärkt die dunklen Mächte im Grossraum Zürich.»

Was er damit sagen will: Jene Kreise, die Trainer Tomas Tamfal durch Felix Hollenstein ersetzen wollen. Sportchef André Rötheli ist inzwischen klüger geworden und befeuert die Trainerdiskussion auch bei hinterlistige Fragen der Chronisten nicht mehr mit unbedachten Bemerkungen.

Tamfal kriegt nicht die Anerkennung, die er verdient

Die 3:4-Niederlage in Langnau ist eine Pleite, die sich propagandistisch und intern gut gegen den Trainer verwenden lässt. Zum ersten Mal nach elf Siegen haben die Zürcher gegen diesen Gegner verloren. Die Flyers sind nach starkem Beginn ausser Rand und Band geraten und von den Langnauern in einem wilden Spektakel von höchstem Unterhaltungswert überrannt worden. Der hüftsteife Verteidigerhaudegen Christian Moser buchte sogar seinen ersten Saisontreffer.

Noch selten ist in unserem Hockey einem Trainer auch von den Medien, von den Chronisten, so Unrecht getan worden wie Klotens Tomas Tamfal. Er ist in der Not vom Juniorentrainer direkt zum NLA-Bandengeneral befördert worden. Er musste die Mannschaft im Sommer in turbulenten Zeiten übernehmen und hat sie seither in stürmischen Gewässern auf Playoffkurs gehalten.

Aber Klotens Trainer bekommt für seine Leistung nicht die Anerkennung, die er verdient. Ja, Wolfgang Schickli spricht sogar von einer internen Destabilisierung: «Bevor Sportchef André Rötheli sein Amt angetreten hat, stand die Führung hinter Tomas Tamfal und das Team auf Rang 6. Mit dem Sportchef hat eine Spaltung in der Mannschaft eingesetzt und jetzt stehen wir auf Platz 8.»

Die Parallelen zu den New York Islanders

Die Kloten Flyers sind ein Sportunternehmen mit einer zu ruhmreichen Vergangenheit. Sie können sich davon nicht lösen. Da ist der Wille des Investors, ein neues Unternehmen aufzubauen, eine neue Kultur zu schaffen. Aber zu mächtig ist die Erinnerung an die ruhmreiche Vergangenheit mit den vier Titeln in Serie von 1993 bis 1996. Zu stark das Charisma von Felix Hollenstein, dem Mann, der diese Ära als Spieler und die letzten Jahre vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch als Assistenztrainer geprägt hat. Das alles provoziert den Kampf der Kulturen. Und zu schnell ist dabei vergessen worden, wie nahe dieses Unternehmen vor ein paar Monaten vor dem finanziellen Untergang stand.

Die Geschichte wiederholt sich immer. Was wir in diesen Monaten in Kloten erleben, hat es schon einmal gegeben. In New York. Mit verblüffenden Parallelen. So wie die Kloten Flyers aus dem Dorfe lange viel erfolgreicher waren als der glamouröse ZSC in der grossen Stadt, so waren auch in New York die Islanders draussen in Long Island viel erfolgreicher als die glamourösen Rangers drinnen in Manhattan. Wie die Kloten Flyers holten auch die Islanders vier Meisterschaften in Serie (1980 bis 1983). Die Islanders sind mit vier Stanley Cups in Serie die letzte Dynastie der NHL (als Dynastie gilt nur, wer vier Cups in Serie holt). Die Kloten Flyers sind mit ihren vier Titeln in Serie die letzte Dynastie in der NLA. Und die Islanders kamen schliesslich durch schillernde Besitzer und Pleitiers auch in wirtschaftliche Not – wie die Kloten Flyers.

Peter Botte und Alan Hahn haben den Niedergang der Islanders nach den Jahren des Ruhmes, den Kampf der Kulturen, die Intrigen, das Festhalten an den grossen Namen, die Schwierigkeiten mit der Arena und den Finanzen, die Rivalität zwischen Stadt (Rangers) und Vorort (Islanders) und letztlich die Unberechenbarkeit des Sportgeschäftes in einem wunderbaren Buch beschrieben («Fish Sticks»). Es ist wie ein Buch über die Kloten Flyers. Wir müssten nur den Titel ändern (wie wär es mit «Broken Wings»?) und ein paar Namen austauschen. Klotens neue Macher sollten dieses Buch in aller Ruhe lesen.

Der Weg aus der Krise wird lang und schwierig

Hier ein Auszug: «Four-time Stanley Cup champions and model NHL-franchise during the early 80s, the New York Islanders were the embodiment of greatness. The dynasty quickly crumbled, however, and one embarrassing episode after another befell the once-mighty Islanders.» Das können wir mit ein paar Handgriffen auf den Schluefweg umschreiben: «Four-time Swiss champions and model NLA-franchise during the early 90s, the Kloten Flyers were the embodiment of greatness. The dynasty quickly crumbled, however, and one embarrassing episode after another befell the once-mighty Flyers.»

Was lernen wir aus dieser Lektüre? Dass das Sportbusiness so komplex ist, dass Geld alleine die Probleme nicht zu lösen vermag und der Weg aus der Krise, der Weg bis zur neuen Identität, für die Kloten Flyers unendlich viel schwieriger und länger wird, als die neuen Macher denken.

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