Durch dick und dünn
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Durch dick und dünn

Für die Chinesen war es das Jahr des Hundes. Für den Rest der Welt war 2006 das Jahr der Pop-Ladys. Ein Rückblick.

Man muss keine Feministin mit fünf Zentimeter langem Achselhaar sein, um zu erkennen: Frauen gaben dieses Jahr im Musikbusiness den Ton an. Sie standen an der Spitze der Charts, waren Thema in den Feuilletons, landeten die Sommerhits und spielten in ausverkauften Stadien, kurz: Sie trafen den Nerv der Zeit wie einst die Callas das hohe C. Neben der Armada junger Pop-Ladys – angeführt von Beyoncé, Pink und Christina Aguilera – gingen die männlichen Solokünstler beinahe unter. Klar, da gab es Robbie Williams, Justin Timberlake, Bob Dylan und John Legend. Aber sonst? Vielleicht noch George Michael – wobei, den muss man ja nicht unbedingt dazuzählen.

Tja, das Pop-Business ist eine chauvinistische Branche. Und kurvenreiche Frauen wie Beyoncé oder Rihanna passen perfekt in das vorsintflutliche Frauenbild, das im Pop vorherrscht. «Der Mainstream-Solokünstler wird über Sex vermarktet. Das funktioniert einfach besser bei Frauen», erklärt Maik Brüggemeyer, Redaktor des deutschen «Rolling Stone». Auch ein Robbie Williams verkauft sich über Sex, nur hat er naturgemäss weniger zu bieten als seine weibliche Konkurrenz. Und die junge Generation von Popmusike-rinnen wusste diesen Vorteil 2006 beispielhaft zu nutzen: Furtado wandelte sich vom Girl Next Door zum Vamp und nannte ihre Hit-Single «Maneater». Beyoncé schmiegte sich im Clip «Déjà Vu» in unmissverständlicher Pose an Rap-König Jay-Z. Shakira besang ihre Hüften, deren eindeutigen Bewegungen angeblich nie lügen. Rihanna machte auf Lolita, und Fergie sowie Aguilera posierten für ihre neuen Alben in Mieder und Strapsen. «Das Konzept, das zurzeit vorherrscht, ist die ‹Bitch›, die durch selbstbewusste Zurschaustellung ihrer weiblichen Reize Macht ausübt», sagt Brüggemeyer. Sogar Pink, einst ein subversives Element innerhalb des Pop, sei dieses Jahr völlig auf Sex getrimmt worden.

Ist dies jetzt einfach nur erotischer Ausverkauf oder auch Ausdruck sexuellen Selbstbewusstseins? «Teils teils», wiegelt Cristina Urchueguía vom Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich ab. «Einerseits ist das, was wir von Beyoncé und Co. sehen, tatsächlich nicht mehr als ein künstliches Image mit Vermarktungswert. Sie werden uns als erotische Waren präsentiert», sagt Urchueguía. Auf der anderen Seite aber kokettieren diese Musikerinnen mit ihrer Sexualität. Dabei geht es ihnen nicht mehr nur um die Auflehnung gegen klischierte Frauenbilder, wie dies Madonna in den Achtzigern getan hat. «Vielmehr integrieren sie traditionelle Rollenelemente wie die Mutterschaft und das mehr oder weniger konventionelle Schönheitsideal in das Bild der emanzipierten Frau», so Urchueguía weiter. Gwen Stefani beispielsweise. Sie brachte im Mai ihr erstes Kind zur Welt, war nur Wochen später so schlank wie vorher und veröffentlichte wenige Monate später ihr neues Album. Oder Madonna. Ja, Madonna! Auch sie war 2006 Vorreiterin eines neuen Rollenverständnisses. Als Musikerin provozierte sie mit ihrer Kreuzigungsszene, als Mutter lebte sie das intakte Familienleben vor, als Ehefrau überwand sie Krisen, und mit der Adoption eines Jungen aus Afrika setzte sie auch noch ein politisches Statement. «Madonna hat die unterschiedlichsten

Rollen elegant unter einen Hut gebracht», konstatiert Urchueguía. Und uns normalsterbliche Frauen damit gewaltig unter Druck gesetzt.

Stefanie Rigutto

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