26.07.2020 07:46

Corona-Taskforce kritisiert Aussagen Vernazzas«Durchseuchungsstrategie ist gefährlich»

Die Corona-Taskforce des Bundes will die alternativ vorgeschlagenen Durchseuchungspläne von Infektiologe Pietro Vernazza mit allen Mitteln unterbinden. Die Maskenpflicht möchte sie gar noch auf geschlossene Räume ausweiten.

von
Bianca Lüthy
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Der St. Galler Infektiologe Pietro Vernazza hat sich für eine Durchseuchungsstrategie ausgesprochen.

Der St. Galler Infektiologe Pietro Vernazza hat sich für eine Durchseuchungsstrategie ausgesprochen.

Keystone
Manuel Battegay, Infektiologe und Taskforce-Mitglied, ist gegen die Durchseuchungsstrategie.

Manuel Battegay, Infektiologe und Taskforce-Mitglied, ist gegen die Durchseuchungsstrategie.

Keystone
Laut Taskforce solle man weiter auf Hygienemassnahmen setzen.

Laut Taskforce solle man weiter auf Hygienemassnahmen setzen.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Die Taskforce des Bundesrates stemmt sich gegen die Durchseuchungspläne von Infektiologe Pietro Vernazza.
  • Der St. Galler Infektiologe hat sich in einem Interview für eine alternative Strategie ausgesprochen.
  • Die Taskforce kritisiert die Aussagen des Infektiologen, doch bei vielen Ärzten finden sie Anklang.

Die Taskforce des Bundes befürchtet, dass sich in der Schweizer Bevölkerung der Glaube an die Durchseuchungsstrategie ausbreiten könnte. Um dem entgegenzuwirken, hat die Taskforce einen «Policy Brief» verfasst. Das sogenannte Anti-Durchseuchungspapier sieht vor, Anhänger einer forcierten Ansteckung mit dem Coronavirus zu stoppen. Die Taskforce des Bundesrates konnte mit ihren Strategiepapieren bereits die Maskenpflicht im ÖV und die grossangelegte Teststrategie erreichen.

Aufgrund eines Interviews mit dem St. Galler Infektiologen Pietro Vernazza, das in der letzten Sonntagszeitung erschienen ist, fürchtet die Taskforce, dass Durchseuchungstheorien, wie sie zu Beginn der Epidemie verbreitet waren, wieder mehr Zulauf finden könnten und damit der Druck auf den Bundesrat für eine praktisch vollständige Öffnung und auf den Verzicht von Schutzmassnahmen wachsen könnte.

40 Millionen im Monat für Corona-Tests

Im besagten Interview hatte Vernazza angeregt, dass eine kontrollierte und differenzierte Durchseuchung eine Alternative zur Eindämmungsstrategie sein könnte und möglicherwise für die Bevölkerung langfristig Vorteile haben könnte. So gebe die Schweiz nun monatlich 40 Millionen Franken aus um Corona-Tests durchzuführen und die Quarantänemassnahmen kosten gar 10 Millionen Franken pro Monat. Und auch weil nun die Sterberate tiefer sei als zu Beginn der Pandemie und auch die Immunität in der Gesellschaft weiter fortgeschritten sei, könnte eine Durchseuchungsstrategie laut Vernazza greifen.

Die Aussagen von Vernazza wurden von der Taskforce scharf kritisiert. Sie bezeichnet diese als «undemokratisch». Die Strategie funktioniere nicht und basiere auf «wissenschaftlich falschen oder unbestätigten Annahmen», so der Basler Infektiologe Manuel Battegay, der Mitglied der Taskforce ist. Laut Battegay ist die Durchseuchungsstrategie gefährlich und kann nicht funktionieren.

Zahlreiche Ärzte sprechen sich für neue Strategie aus

Die Taskforce empfiehlt, die Eindämmungsstrategie weiterzuführen. Battegay: «Es ist zentral, dass wir die Transmissionsraten tief halten, mit einfachen Verhaltensregeln wie Hygiene, Abstand und Maskentragen, ergänzt mit Massnahmen wie der Isolation positiver Personen und der Quarantäne von Kontaktpersonen.»

Doch die Durchseuchungspläne von Pietro Vernazza finden bei vielen Ärzten Anklang. So zum Beispiel bei der Ärzte-Gruppe AMBAG, die aus 140 Ärzten besteht. Daniel Holtz, Gefäss-Spezialist und Leiter der AMBAG, sagt: «Wir teilen die Ansichten von Herrn Vernazza in allen Punkten, insbesondere, dass das Virus etwas weniger gefährlich sei als ursprünglich angenommen.» Die Ärztegruppe vertrete wie Vernazza auch die Ansicht, «dass man stark auf Durchseuchung setzen müsse». Auch zwei weitere Ärzte-Gruppierungen unterstützen die Idee einer Durchseuchung der Gesellschaft.

Taskforce will Maskenpflicht in geschlossenen Räumen

Dass Vernazza als praxiserfahrene Kapazität nicht in der Taskforce erwünscht sei, werfe ein schlechtes Licht auf den Bundesrat und seine Taskforce. «Wir Ärzte müssen uns offenbar auf anderen Wegen in die Diskussion einbringen, damit unsere Gesellschaft nicht länger Opfer der nicht ärztlichen, epidemiologischen Theoretiker bleibt», so Holtz.

Die Covid-19-Taskforce des Bundes spricht sich für eine Ausdehnung der Maskenpflicht in der Schweiz aus. Der Augenblick sei da, nachdem die Fallzahlen wieder stiegen und in umliegenden Ländern die Maskenpflicht ausgedehnt werde, zitiert die «SonntagsZeitung» Task-Force-Mitglied Battegay. Die Maskenpflicht liesse sich auf geschlossene Räume wie Geschäfte, Schulen und Restaurants ausdehnen. Je höher die Infektionsrate, desto ausgedehnter die Maskenpflicht, so die Formel des Basler Infektiologen. In den Kantonen Jura, Waadt und – ab Dienstag auch in Genf – muss beim Einkaufen bereits eine Maske getragen werden.

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674 Kommentare
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S.Gibas

27.07.2020, 20:46

Wir sind alt genug selber frei zu entscheiden. Es wäre schön, wenn Kritiker der momentanen Strategie mehr zu Wort kommen und die Bevölkerung differenziert mit Pro und Contras informiert werden würde.

Eidgenossin

27.07.2020, 16:50

Ein weiterer Lockdown würde ich sinnvoll finden, die Clubs, Badis etc sollten schliessen,die Clubs sollen für immer schliessen, wir brauchen die in der Schweiz nicht, und die Badis dieses Jahr auf jeden Fall zu bleiben! Zoos etc.sollten nur begrenzt Leute einlassen mit Ticket und vorkasse.

Eidgenossin

27.07.2020, 16:36

Eine Durchseuchung darf niemals angeordnet werden, denn Menschen über 45 könnten daran sterben!