Aktualisiert 05.03.2008 16:46

Durchstart-Piloten: Helden oder Versager?

Nach der Horrorlandung von Hamburg stehen die Piloten in der Kritik. Hätten sie auf einen anderen Flughafen ausweichen sollen? Viele Piloten wählten am Samstag die sicherere Variante - auch in Zürich.

von
Marius Egger

In einem Punkt sind sich nach der Beinahe-Katastrophe einer Lufthansa-Maschine in Hamburg alle Flugexperten einig: Ein Flugzeug bei herrschenden Sturmverhältnissen sicher zu landen, ist kein einfaches Unterfangen (siehe Videos unten). Doch damit hat es sich mit den Gemeinsamkeiten.

Denn um die Rolle des Piloten und seiner 24-jährigen Co-Pilotin sowie um die Flugsicherheit ist inzwischen eine kontroverse Debatte entbrannt. Während die eine Seite den Piloten längst Heldenstatus verliehen hat, prasselt von der anderen Seite Kritik sowohl auf die Piloten als auch auf die Flugsicherheit nieder.

Die Lufthansa hütet sich davor, ihren Flugkapitänen Vorwürfe zu machen. «Dafür gibt es keinen Grund», sagte Sprecher Michael Lamberty am Mittwoch. Die beiden hätten die brenzlige Situation am Samstag gut gemeistert. Laut Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung in Braunschweig steuerte die 24-jährige Co-Pilotin den Airbus A320 Richtung Landebahn, der 39-jährige Kapitän übernahm das Durchstartmanöver, nachdem ein Flügel den Boden touchiert hatte.

Lamberty bezeichnete heute die Diskussion, welcher der beiden Piloten wann genau beim Landeanflug den Steuerknüppel geführt habe, als «rein akademisch».

In anderen Kreisen stösst die Leistung des Lufthansa-Piloten jedoch auf Kritik. Der renommierte Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Grossbongardt wirft den Verantwortlichen vor, einen für diesen Flugzeugtyp zulässigen Richtwert überschritten zu haben. «Die für den A320 bei Testflügen nachgewiesene Seitenwindkomponente beträgt in Böen 38 Knoten.» Zum Zeitpunkt des Zwischenfalls erreichten sie aber eine Stärke von 49 Knoten (90 km/h), wie der deutsche Wetterdienst bestätigte. Laut Grossbongardt hätte der Linienflug deshalb abgesagt werden müssen oder der Pilot hätte einen Ausweichflughafen ansteuern müssen. Laut Medienberichten gab es am Samstag zudem diverse Piloten, die wegen des Sturms gar nicht in Hamburg landeten und stattdessen Frankfurt ansteuerten. Die Lufthansa wollte diese Vorwürfe nicht kommentieren.

Dass die Kritik an die Piloten gerichtet wird, hat vor allem damit zu tun, dass die Entscheidung immer bei den Flugkapitänen liegt, wie diverse Seiten bestätigten. In Zürich hatten die Piloten am Samstag allerdings keine grossen Pistenwahl. Die Winde liessen einzig auf der Piste 28 Landungen zu, wie Swiss-Sprecher Jean-Claude Donzel gegenüber 20minuten.ch sagte. Einige Piloten hätten wegen der Wetterverhältnisse Zürich gar nicht erst angeflogen und seien nach Genf und Mailand ausgewichen. Andere Maschinen mussten die Landung abbrechen und durchstarten, wie Donzel sagte. Gefährlich sei es laut dem Swiss-Sprecher aber nie geworden.

Ein erfahrener Pilot, der sich bei 20minuten.ch meldete, kritisiert eben dieses Durchstart-Manöver des Lufthansa-Kapitäns. «Der Pilot hat die Situation falsch eingeschätzt und viel zu spät reagiert», so der 51-Jährige gegenüber 20minuten.ch. «Hätte er ein besseres Einschätzungsvermögen, hätte er die Maschine viel früher durchgestartet und keine Passagiere in Gefahr gebracht». Er kritisiert zudem, dass die Maschine auf die falsche Landebahn geschickt wurde. Die Landung gelang beim zweiten Versuch auf einer anderen Bahn.

Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung prüft nun den Fall. Immerhin: Keiner der 131 Passagiere wurde bei dem Zwischenfall am Samstag verletzt.

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