Überfälle auf Christen: Dutzende Kirchen in Ägypten niedergebrannt

Aktualisiert

Überfälle auf ChristenDutzende Kirchen in Ägypten niedergebrannt

Die Übergangsregierung rückt gegen Islamisten vor - und diese plündern in Kirchen und christlichen Schulen. Die blutigen Unruhen haben den Konflikt der Religionsgruppen verschärft.

von
Hamza Hendawi
AP

Den drei Nonnen blieb nur noch ihr Gottvertrauen. Ihre 115 Jahre alte Franziskanerschule im ägyptischen Bani Suwaif war bereits von einem Mob in Brand gesteckt, das Kreuz über dem Eingang heruntergerissen und ersetzt durch ein schwarzes Banner, ähnlich dem der Al Kaida. Der giftige Qualm des Feuers mischte sich mit dem Tränengas der Strassenschlacht zwischen Islamisten und Sicherheitskräften vor der Tür. Die Frauen sitzen in der Falle.

«Wir sind Nonnen», sagt Schwester Manal, die Rektorin der christlichen Schule in der Provinzstadt südlich von Kairo, die mit ihren Mitschwestern zu Beginn der Unruhen in Ägypten am Mittwoch überfallen wurde. «Wir verlassen uns darauf, dass Gott und die Engel uns schützen.»

Schliesslich befahlen ihnen die Eindringlinge, das brennende Gebäude zu verlassen. «Am Ende führten sie uns vor wie Kriegsgefangene und beschimpften uns», berichtet Schwester Manal in einem einstündigen Telefoninterview mit der Nachrichtenagentur AP. «Sie führten uns von einer Gasse in die nächste, ohne uns zu sagen, wo sie uns hinbrachten.»

40 Kirchen niedergebrannt

Fast 40 christliche Kirchen wurden in Ägypten geplündert und niedergebrannt, seit Sicherheitskräfte am Mittwoch mit Gewalt die Protestlager von Anhängern des gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi räumten und blutige Unruhen ausbrachen. 23 weitere Gotteshäuser wurden angegriffen und schwer beschädigt. Mindestens zwei Christen sollen getötet worden sein, darunter ein Mann, den Islamisten in der südlichen Provinz Sauhadsch erschossen haben sollen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Christen in Ägypten Opfer von Angriffen und Repressalien werden. Sie machen nur 10 Prozent der etwa 90 Millionen Einwohner aus. Zu Zeiten des früheren Machthabers Hosni Mubarak duckten sie sich oft politisch weg. Nach dem Machtwechsel 2011 jedoch wurden sie aktiver, um ihre Rechte gegen die stärker werdenden islamischen Kräfte im Land zu behaupten. Seit dem Sturz Mursis durch das Militär am 3. Juli spitzte sich der Konflikt vielerorts zu.

Kirche unterstützt Armee und Polizei

Mursis Anhänger sind der Meinung, Christen hätten eine überproportionale Rolle bei den Massenprotesten vor Mursis Absetzung gespielt. Und auch jetzt stellte sich die christliche koptische Kirche wieder an die Seite der Übergangsregierung, obwohl diese für das gewaltsame Vorgehen gegen die Mursi-Anhänger verantwortlich ist. Am Freitag erklärte die Führung der Kopten, sie unterstütze Armee und Polizei in ihrem Kampf gegen «bewaffnete gewalttätige Gruppen und schwarzen Terrorismus».

Schwester Manals Franziskanerschule war in Bani Suwaif, einer Hochburg der Muslimbruderschaft, wohl bekannt. Noch eine Woche vor dem Überfall der Eindringlinge hatte sie ein Polizist - Vater eines ihrer Schüler - gewarnt: Islamistische Hardliner seien der Ansicht, dass die Erziehung in der Schule für muslimische Kinder nicht schicklich sei. Die Nonne achtete nicht weiter darauf - zumal jeweils etwa die Hälfte ihrer Schüler Christen und Muslime waren. Doch am Tag des grossen politischen Tumults wurde sie eben doch Ziel des Zorns.

Geschlagen, begrapscht, beleidigt

Die von den Nonnen erhoffte Rettung höherer Mächte kam dann in besonderer Form. Eine muslimische Frau, die früher an der christlichen Schule gelehrt hatte, sah die Nonnen, wie sie vom Mob im Viertel herumgezerrt und von einer Menschenmenge begafft wurden. «Ich erinnerte mich an sie, ihr Name ist Saadijah», berichtet Schwester Manal. «Sie hat angeboten, uns aufzunehmen. Sie sagte, sie könne uns schützen, weil ihr Schwiegersohn Polizist sei. Wir nahmen ihr Angebot an.»

Zwei weitere Christinnen, die in der Schule gearbeitet hatten, mussten sich selbst den Weg durch die Menge bahnen, geschlagen, begrapscht und beleidigt von Extremisten. «Ich habe das gesehen und es war sehr unschön», sagt Manal.

Es gab im Chaos der vergangenen Tage mehrere Begebenheiten, bei denen Christen und moderate Muslime in der Not zusammenrückten. Hunderte Menschen aus beiden Religionsgruppen stellten sich am Samstag in Bani Suwaif gemeinsam gegen neue erwartete Angriffe, wie der Aktivist Girgis Waheeb sagt. Ähnliche Bekundungen der Solidarität gab es nach Angaben von Aktivisten auch in anderen Regionen südlich von Kairo. Nur reichten sie nicht aus, um alle Kirchen und Klöster zu schützen.

(Video: SnackTV)

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