Migros-Chef: «Ecopop ist ein Ausdruck konkreter Nöte»
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Migros-Chef«Ecopop ist ein Ausdruck konkreter Nöte»

Migros-Chef Herbert Bolliger sieht bei der Ecopop-Initiative beide Seiten der Medaille und erklärt den Sinn der neuesten Migros-Spendenaktion.

von
vb

Herr Bolliger, die Schweiz stimmt demnächst über die Ecopop-Initiative ab. Welches ist Ihre Haltung zu einer Begrenzung der Zuwanderung?

Herbert Bolliger: Die Initiative ist in meinen Augen untauglich und fremdenfeindlich, genauso wie die Masseneinwanderungsinitiative. Diese Initiativen sind aber Ausdruck konkreter Sorgen und Nöte der Schweizer Bevölkerung.

Sie haben also ein gewisses Verständnis für die Befürworter?

Ja, weil man den Aufruf zu einer Diskussion über Bevölkerungsdichte, Missbrauch von Solidarität und den Verbrauch unserer Ressourcen nicht einfach ignorieren kann. Diese Fragen müssen offen diskutiert werden, weil sie offenbar einem grossen Teil der Schweizer Bevölkerung Bauchweh bereiten. «Absurd und schädlich», wie es derzeit auf den Plakaten der Gegner steht, ist sicher keine taugliche Antwort.

Gerade ein Grossunternehmen wie die Migros ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Was wären die Folgen, sollte die Ecopop-Initiative angenommen werden?

In der Migros arbeiten Mitarbeitende aus über 140 Nationen friedlich zusammen. Wir wüssten nicht, wie wir sie ersetzen könnten.

Die neueste Advents-Aktion der Migros ist ein Weihnachtslied zum Herunterladen. Warum haben Sie sich ausgerechnet für einen Song entschieden?

Das hat einen ganz besonderen Grund: Wir haben für den Song 23 Schweizer Stars gewinnen können, darunter Gilbert Gress, Luca Hänni, Francine Jordi oder Pepe Lienhard. Das Lied mit seiner eingängigen Melodie verbreitet weihnachtliche Stimmung und soll bei den Menschen positive Gefühle wecken – und so zum Spenden anregen.

Wie viel kostet das Herunterladen des Lieds?

Je nachdem, ob man es bei Ex Libris, iTunes oder Google Play herunterlädt, kostet es zwischen 99 Rappen und 1.20 Franken.

Die Migros will den gesammelten Betrag verdoppeln. Woher nimmt Ihr Unternehmen das Geld? Es steht nach zwei Tagen immerhin schon auf Platz eins der iTunes-Charts.

Da die Migros kein gewinnmaximierendes Unternehmen ist, können wir einen Teil unseres erwirtschafteten Geldes spenden. Wir investieren aber auch in noch günstigere Preise und bessere Qualität der Produkte, in die Erneuerung der bestehenden Filialen und den Bau von neuen Läden. Wir haben auch aussergewöhnlich gute Sozialleistungen für die Mitarbeitenden.

Die Aktion soll Menschen in der Schweiz helfen. Sind die Probleme im Ausland nicht viel grösser?

Auch bei uns gibt es viele Probleme, die man anpacken muss. Wir wollen zum Beispiel Langzeitarbeitslosen helfen, die sich eine sinnvolle Beschäftigung wünschen. Spenden ermöglichen, dass sie eine ehrenamtliche Teilzeitarbeit ausüben können, die ihnen Struktur im Alltag, Halt und auch wieder mehr Selbstvertrauen gibt. In einem weiteren Hilfsprojekt geht es um Migrantenfamilien, die unser Bildungssystem nicht kennen. Sie brauchen Unterstützung bei der Einschulung ihrer Kinder. Es wird oft vergessen, dass es auch in der reichen Schweiz viel stille Not gibt.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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