Klarer Sieg - «Ein riesiger Schritt für eine vielfältige Schweiz»

Klarer Sieg«Ein riesiger Schritt für eine vielfältige Schweiz»

Die «Ehe für alle» ist in trockenen Tüchern. Eine grosse Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger befand: die Zeit ist reif. Hier finden Sie Analysen und Reaktionen.

Zum Live-Ticker der 99-Prozent-Initiative.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Parlament hatte eine Änderung des Zivilgesetzbuches beschlossen, damit auch gleichgeschlechtliche Paare zivil heiraten können.

  • Ausserdem erhielten verheiratete Frauenpaare Zugang zur gesetzlich geregelten Samenspende.

  • Dagegen wurde das Referendum ergriffen.

  • Einen deutlichen Sieg konnten die Befürworter diesen Sonntag erringen: 64,1 Prozent der Stimmberechtigten fanden, es sei Zeit für die «Ehe für alle»

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Sonntag, 26.09.2021

Ende

Damit beenden wir den Live-Ticker zum heutigen Abstimmungssonntag. Auf 20min.ch bleiben Sie mit weiteren Analysen zu den Ergebnissen auf dem Laufenden. Vielen Dank fürs Mitlesen!

Bundesrat

Um 16.30 Uhr nehmen Karin Keller-Sutter und Ueli Maurer Stellung zu den Abstimmungsergebnissen. Verfolgen Sie den Liveticker hier.

Schlussresultat

Jetzt ist es fix: 64,1 Prozent sagten Ja zur «Ehe für alle».

Tessin trödelt

Noch wartet die Schweiz auf das Schlussresultat. Offenbar ist man im Tessin noch nicht so weit.

«Längst überfälliger Schritt»

Die Lesbenorganisation LOS schreibt in einer Medienmitteilung: «Vor 30 Jahren wurden die Rechte von Lesben, Bisexuellen und Schwulen in der Schweizer Politik noch stark vernachlässigt - durch die diesjährige Abstimmung sind sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen.»

«Mit der eingetragenen Partnerschaft wurden in der Schweiz bereits einige Fortschritte erzielt, doch sie ist kein ebenbürtiger Ersatz für die Ehe: Bei der erleichterten Einbürgerung, beim Güterstand und auch bei Hinterlassenenrenten erhalten wir nun endlich dieselben Rechte», sagt Nadja Herz, Co-Präsidentin der LOS.

«Und es geht nicht nur um Gleichberechtigung, sondern auch um Anerkennung: Die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtlich Liebende hat auch eine grosse symbolische Wirkung. Die Stimmbevölkerung hat uns mit einem bestimmten Ja gesagt, dass unsere Liebe nicht nur dieselben Rechte, sondern auch denselben Respekt verdient.»

Zweite Livesendung

GLP

Die Grünliberalen sind «hocherfreut und auch ein wenig stolz über die deutliche Annahme», schreiben sie in einer Mitteilung. Denn die GLP habe im Jahr 2013 die «Ehe für alle» mit einer parlamentarischen Initiative angestossen und seither eng durch die beiden Ratskammern begleitet. «Nach über 7 Jahren hat sich nach dem Parlament nun auch das Volk überdeutlich dafür ausgesprochen. Das ist ein Meilenstein in der Realisierung gleicher Rechte, ein Meilenstein in der Gesellschaftspolitik der Schweiz, aber auch in der jungen Geschichte der Grünliberalen Partei.»

«Endlich Schluss mit der Ungleichbehandlung»

«Die Ehe für alle ist eine der zentralsten Forderungen einer zeitgemässen und liberalen Gesellschaftspolitik», sagt Nationalrätin Kathrin Bertschy, Initiantin der parlamentarischen Initiative Ehe für alle. «Mit dem Ja zur Ehe für alle macht die Schweiz endlich Schluss mit der Ungleichbehandlung und realisiert gleiche Rechte für alle», ergänzt sie. Menschen heiraten, weil sie ihre Lebensgemeinschaft auf eine dauerhafte Basis stellen wollen, weil sie ihre Verbundenheit und Liebe mit Familie und Freunden feiern wollen, oder sich gegenseitig finanziell absichern wollen. Einem Teil der Gesellschaft wurden die Rechte der zivilen Ehe bis heute verweigert. Dass dies nun ein Ende hat, ist hoch erfreulich.

FDP

Die Freisinnigen sehen im Abstimmungsresultat «ein klares Zeichen, dass alle Paare die gleichen Rechte und Pflichten haben, unabhängig davon, ob sie hetero- oder homosexuell sind».

Aus liberaler Sicht sei die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ein wichtiger und längst überfälliger Schritt. «Der Staat hat nicht moralisierend in unser Privatleben einzugreifen. Folgerichtig sollen darum auch gleichgeschlechtliche Paare die Zivilehe eingehen können und den Zugang zur Adoption und zur Samenspende erhalten.»

20min/Simon Glauser

Die Ehe für alle trage der neuen gesellschaftlichen Realität Rechnung, heisst es in einer Mitteilung. «Nun gilt es, eine weitere Ungleichbehandlung in der Zivilehe zu beseitigen: Verheiratete Paare sind heute gegenüber unverheirateten Paaren steuerlich benachteiligt. Hier schafft die Individualbesteuerung der FDP Frauen Abhilfe: Sie fordert, das Einkommen einer Person in der Ehe einzeln zu besteuern.»

SP

Auch für die Sozialdemokraten ist das klare Ja zur «Ehe für alle» «ein historischer Tag für die Gleichstellung». «Mit diesem deutlichen Abstimmungsergebnis gesteht die Schweizer Bevölkerung gleichgeschlechtlichen Paaren endlich längst fällige Grundrechte zu, ohne heterosexuellen Paaren etwas wegzunehmen», sagt die Zürcher Nationalrätin Min Li Marti.

Man sei erfreut, dass das Gesetz «unsere vielfältige Gesellschaft widerspiegelt, in der sich auch zahlreiche gleichgeschlechtliche Menschen lieben und Kinder aufziehen».

Aggressive Kampagne

«Die aggressive Kampagne der Gegnerinnen und Gegner hat gezeigt, wie tief homophobe Haltungen noch in gewissen Köpfen verankert sind», sagt Nationalrätin Tamara Funiciello. «Nachdem die Gleichstellung in der Ehe nun endlich Realität wird, fordern wir weitere Massnahmen für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft. «LGBTIQ+-Jugendliche versuchen im Vergleich zu heterosexuellen Jugendlichen zwei- bis fünfmal so oft, sich das Leben zu nehmen. Wir können dem nicht tatenlos zusehen», so Tamara Funiciello.

Basel-Stadt

Das Schlussresultat aus Basel-Stadt ist da:

73,9 Prozent sagten Ja zur «Ehe für alle»

Live-Hochrechnung

Thurgau

Die «Ehe für alle» haben die Thurgauer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mit 51'406 Ja-Stimmen (57,2 Prozent) zu 38'440 Nein-Stimmen angenommen. Die Stimmbeteiligung lag bei 52,2 Prozent.

Grüne

In einer Medienmitteilung äussern sich die Grünen zum Abstimmungsresultat. Die Partei betont die eigene Vorreiterrolle bei der Vorlage. «In der Schweiz war es mit der grünen Alt-Nationalrätin Ruth Genner, ehemalige Präsidentin der Grünen Schweiz, eine grüne Politikerin, welche den Weg für die Ehe für alle als erste geebnet hat.»

Entsprechend freue man sich heute über den historischen Sieg für die Gleichstellung. «Das heutige Ja zur Ehe für alle verdeutlicht, dass gleichgeschlechtliche Liebe und Regenbogenfamilien in der breiten Gesellschaft längst akzeptiert sind. Es ist ein riesiger Schritt für eine offene, tolerante und vielfältige Schweiz!», freut sich die grüne Nationalrätin Florence Brenzikofer.

Gemeindekarte

Operation Libero

20min/Simon Glauser

Die Operation Libero begrüsst das Ja zur «Ehe für alle». «Der 26. September markiert ein grosser Schritt für die Schweiz: Nach viel zu langem Warten gilt beim Zugang zur Ehe endlich für alle Paare – unabhängig vom Geschlecht oder der sexuellen Orientierung: 'Gleiche Liebe, gleiche Rechte'. Die Ehe für alle behebt zentrale rechtliche Ungleichheiten für gleichgeschlechtlich liebende Menschen.»

Weitere Schritte angekündigt

Den im Abstimmungskampf geäusserten Vorwurf der Salamitaktik nehme man dankend auf: Denn die Ehe für alle sei längst nicht das letzte Stück des Salamis in Sachen Gleichstellung aller Lebensentwürfe. «Der Staat privilegiert noch immer gewisse Beziehungs- und Lebensformen gegenüber anderen. Deshalb nehmen wir bald die nächsten Scheiben des Salamis in Angriff: die Individualbesteuerung, die geregelte Lebensgemeinschaft, eine vereinfachte Elternschaft und ein modernes Sexualstrafrecht.»

Junge Grüne

Die Jungen Grünen fordern rechtliche Konsequenzen für die Gegner der «Ehe für alle». «Das Resultat von über 60 Prozent Ja-Stimmen ist jedoch erschreckend. In anderen Worten: Fast jede dritte Person in der Schweiz ist queerfeindlich», heisst es in einer Mitteilung.

Dafür seien unter anderem Hass-Kampagnen verantwortlich, die in diesem Abstimmungskampf ein Mass an Menschenverachtung und Falschinformation erreicht haben, das nicht toleriert werden dürfe. «Die Jungen Grünen Schweiz fordern rechtliche Konsequenzen.» Konkret stören sie sich an Plakaten, bei denen von «Sklavinnen» und «Kinder mit einem Toten» die Rede war. Diese seien unangebracht und menschenverachtend gewesen.

Deshalb solle der Bund prüfen, «ob die Plakate der Gegner*innen der Ehe für alle mit dem Diskriminierungsschutzartikel, der falschen Tatsachenbehauptung und der massiven Fehlinformation rechtlich belangt werden können».

Foto: 20min/Simon Glauser

Livesendung

Wer die Live-Analyse mit Stefan Lanz, Politologe Thomas Milic sowie unseren Aussenreportern zu den ersten Hochrechnungen verpasst hat, kann sie hier nachschauen.

Live-Hochrechnung

Amnesty International

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Schweiz freut sich über das sich abzeichnende Ja zur «Ehe für alle». «Die Schweizer Stimmbevölkerung hat sich mit grosser Mehrheit dafür ausgesprochen. Dieser deutliche Sieg für die Gleichstellung ist dem langjährigen Engagement von Regenbogen-Aktivist*innen in der Schweiz zu verdanken, die sich unermüdlich für den diskriminierungsfreien Zugang zur zivilen Ehe eingesetzt haben», heisst es in einer Mitteilung.

«Die Ehe für alle wird die Akzeptanz von LGBTI*-Menschen in der Gesellschaft stärken. Dies zeigen die positiven Entwicklungen in Ländern, die diesen Schritt bereits getan haben: Vorurteile wurden überwunden, es fanden weniger Übergriffe auf LGBTI*-Personen statt und ihre Selbstmordrate ist deutlich gesunken.»

Historisch

Mit dieser historischen Abstimmung werde die Schweiz zum 29. Land, das die gleichgeschlechtliche Ehe anerkenne, so die Organisation weiter. «Sie sendet damit ein klares Signal aus: Gleichgeschlechtlich liebende Menschen müssen dieselben Rechte und derselbe Schutz garantiert werden, wie allen anderen. Wir ermutigen die Schweiz, sich weiterhin für den Schutz und die Verwirklichung der Rechte von LGBTI*-Menschen einzusetzen», sagte Alexandra Karle.

St. Gallen

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