Aktualisiert 13.02.2009 14:59

MorsalEhrenmord: Lebenslänglich für Bruder

Der Bruder der ermordeten 16-jährigen Deutsch-Afghanin Morsal ist verurteilt worden. Er muss lebenslang hinter Gitter. Das Motiv: Wut über ihren Lebensstil.

Mit dem Urteil vom Freitag setzte sich die Staatsanwaltschaft auf ganzer Linie mit ihrer Forderung durch. Nach ihrer Ansicht war Ahmad O. mit dem westlichen Lebenswandel seiner Schwester nicht einverstanden, weshalb er sie heimtückisch tötete. Die Verteidigung hatte auf Totschlag plädiert. Dem Angeklagten seien während eines Gesprächs auf einem Parkplatz die Sicherungen durchgebrannt, hatte der Anwalt gesagt. Das Gutachten einer psychiatrischen Sachverständigen stützte seine Sicht. Direkt nach der Verkündung des Urteils kündigte der Verteidiger an, Revision einzulegen.

Heimtückischer Mord

Die Richter sprachen den 24-Jährigen am Freitag des heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen schuldig. «Er tötete aus reiner Intoleranz», sagte der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen.

Der Vorsitzende Richter sprach von einem «Blutbad», das der Angeklagte vorsätzlich geplant habe, weil alle anderen Möglichkeiten zur «Disziplinierung» Morsals scheiterten.

Tumult in und vor Gericht

Während der Urteilsverkündung kam es im Gerichtssaal zu dramatischen Szenen, Angehörige und Freunde des Angeklagten schrien und schlugen gegen die Sicherheitsscheibe.

Auch der Angeklagte selbst verlor die Fassung. «Was ist eine Ehre, was ist das?», rief er. Bei einem Prozess in Kabul wäre er «längst draussen».

Auch vor dem Gerichtssaal hielt der Tumult an. Die Mutter des Angeklagten wollte sich aus einem Fenster stürzen, wurde aber von einem Verwandten zurückgehalten. Angehörige und Freunde des Verurteilten griffen Pressevertreter an, schlugen und bedrohten sie.

Mord oder Totschlag?

Die Frage nach Mord oder Totschlag bestimmte den Prozess über Wochen. Die Tat an sich räumte Ahmad O. bereits in ersten Vernehmungen weitgehend ein: Am Abend des 15. Mai 2008 liess Ahmad O. seine Schwester über einen Cousin auf einen Parkplatz im Hamburger Stadtteil St. Georg bestellen – zum Reden. Zuvor hatte er Morsal mit mehreren Jungen am Hauptbahnhof gesehen und das falsche Gerücht gehört, seine Schwester verdiene Geld als Prostituierte.

Am nächsten Morgen der Polizei gestellt

Als Morsal auf die Frage des Bruders, ob sie als Prostituierte arbeite, antwortete: «Das geht dich einen Scheissdreck an!», stach Ahmad O. 23-mal zu. Am nächsten Morgen stellte er sich der Polizei. Vor Gericht äusserte er sich nur in seinem Schlusswort zur Tat und sagte: «Ich hatte nicht den Vorsatz, sie umzubringen.» Allerdings war in der Verhandlung schon früher klar geworden, dass der straffällige Bruder Morsal mehrfach verprügelt hatte.

Die Eltern der Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland eingewanderten Familie waren mit der Erziehung der Kinder in der westlichen Welt völlig überfordert. Der Vater muss sich demnächst selbst wegen Prügeln an Morsal vor Gericht verantworten.

Quelle: AP/SDA

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