Aktualisiert 22.08.2016 19:13

Stücke abgebrochenEiger-Hängegletscher droht abzustürzen

Beim Eiger drohen 20'000 Kubikmeter Eis abzubrechen. Die Jungfraubahn lässt den Hängegletscher nun Tag und Nacht überwachen und hat einen Notfallplan.

von
kaf
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Gefahr gebannt: Rund 20'000 Kubikmeter Eis des Eiger-Gletschers sind ins Tal gestürzt.

Gefahr gebannt: Rund 20'000 Kubikmeter Eis des Eiger-Gletschers sind ins Tal gestürzt.

Eine rund 200 Meter breite Eislamelle hatte sich gelöst und rutschte bis zu 60 Zentimeter pro Tag.

Eine rund 200 Meter breite Eislamelle hatte sich gelöst und rutschte bis zu 60 Zentimeter pro Tag.

zvg
Der kleine Kreis in der Mitte des Bildes zeigt die Staubwolke des Gletscherabbruchs.

Der kleine Kreis in der Mitte des Bildes zeigt die Staubwolke des Gletscherabbruchs.

ZVG/Geotest

Der namenlose Hängegletscher an der Eigerwestflanke rutscht pro Tag ungefähr 15 Zentimeter. Grund ist eine Spaltenbildung, die letzten Herbst eine 200 Meter breite Eislamelle abtrennte. Eine Masse von rund 80'000 Kubikmeter Eis ist labil – nun drohen 20'000 davon in den nächsten Tagen abzubrechen, schreibt die «Berner Zeitung». Besonders prekär: Unterhalb des Hängegletschers liegt die Zwischenstation Eigergletscher der Jungfraubahn, welche die Touristen aufs Jungfraujoch bringt.

Der Bereich oberhalb der Bahnstation sowie der Zu- und Abstieg vom Rotstock über die Südflanke wurde am Sonntagmorgen aus Sicherheitsgründen gesperrt. Tatsächlich sind bereits Stücke des Hängegletschers abgebrochen: Im April stürzten 2000 Kubikmeter Eis neben dem Rotstock vorbei in den Bereich hinter der Bahnstation. Wegen des vielen mitgerissenen Schnees gab es dabei eine Staubwolke, die bis zum Schilthorn hinüber zu sehen war. Zu Schaden kamen aber weder Lebewesen noch Infrastruktur.

«Intensive, kontinuierliche Überwachung ist unerlässlich»

Bei zukünftigen Gletscherabbrüchen könnte sich dies aber ändern: Ein Gutachten vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos zeigt die möglichen Auswirkungen einer Eislawine auf. «Mit den darin definierten Szenarien wurde uns sofort klar, dass eine intensive, kon­tinuierliche Überwachung unerlässlich ist», sagt Daniel Tobler, Geologe und Geschäftsleiter der Geotest AG gegenüber der «Berner Zeitung». Deren Spin-off Geopraevent installierte im Auftrag der Jungfraubahnen ein Frühwarn- und Alarmsystem.

Das System besteht aus zwei Radargeräten, Webcams und einem interferometischen Radar, der das Rutschverhalten genaustens messen kann. Damit wird der Hängegletscher rund um die Uhr überwacht – und im Notfall ein Alarm ausgelöst. «Im allerschlimmsten Fall müssten wir den Aussenbereich des Bahnhofs Eigergletscher vorübergehend räumen lassen und die Züge stoppen», sagt der Leiter Fachbereich Infrastruktur der Jungfraubahnen, Jürg Lauper, zur Tageszeitung. Die grösste Gefahr sei aber nicht die Eislawine, sondern die dabei entstehende Druckwelle. Diese reicht deutlich weiter als die Lawine selbst und kann Zerstörungen verursachen.

«Gletscherabbrüche sind schwer vorauszusagen»

«Gletscherabbrüche können sehr gefährlich sein, da sie kaum vorauszusagen sind», sagt Matthias Huss, Glaziologe an der Universität Freiburg, auf Anfrage von 20 Minuten. Im Winter seien solche Abbrüche sogar noch gefährlicher, da sie zusätzlich noch Schnee mitreissen könnten. «Die moderne Überwachung am Eigergletscher hilft aber, dass das Risiko stark minimiert wird», so Huss weiter.

Bei den 20'000 absturzgefährdeten Kubikmetern beim Eiger handle es sich wohl um ein Abbruchstück mittlerer Grösse – «aber die Vergleichbarkeit ist schwierig, da es immer sehr auf die Situation ankommt – das heisst, wie lang die Sturzbahn und damit die Energie der Eislawine ist», sagt Huss. Ausserdem lägen die Einzelereignisse oft Jahre auseinander. Im Ernstfall bestehe eine Gefahr für die Wanderwege und den Klettersteig beim Rotstock und Umgebung. «Die Station Eigergletscher, sowie die Jungfraubahn dürfte bei dieser Masse nur am Rande tangiert werden.»

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