Nationalratswahlen: «Ein albanischer Name muss kein Nachteil sein»

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Nationalratswahlen«Ein albanischer Name muss kein Nachteil sein»

Politologe Nenad Stojanovic rechnet damit, dass bald der erste Kandidat albanischer Herkunft den Sprung in den Nationalrat schafft.

von
daw
Noch sind Schweizer mit albanischem Hintergrund Zuschauer im Nationalrat. Politologe Nenad Stojanovic geht davon aus, dass sich dies bald ändern wird.

Noch sind Schweizer mit albanischem Hintergrund Zuschauer im Nationalrat. Politologe Nenad Stojanovic geht davon aus, dass sich dies bald ändern wird.

Nenad Stojanovic, mehrere Kandidaten mit albanischsprachigem Hintergrund wollen in den Nationalrat. Eine neue Entwicklung?

Solche Kandidaten gab es vereinzelt schon früher, aber allmählich bekommen sie auch aussichtsreichere Listenplätze. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es erste Politiker mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien oder auch der Türkei ins Parlament schaffen werden. Auch bei den italienischen Einwanderern dauerte es lange, bis sie ins politische System integriert wurden.

Warum?

Entscheidend ist, ob man in der Schweiz geboren oder die Schule besucht hat. Viele der Migranten aus Südosteuropa kamen in den 90er-Jahren in die Schweiz. Bei ihnen war das Interesse an der Schweizer Politik anfänglich gering – vielleicht weil sie in ihrem Heimatland von den Mächtigen enttäuscht wurden. Jene Personen, die in der Schweiz sozialisiert wurden, gehen jetzt allmählich in die Politik. Dass es noch niemand bis in den Nationalrat geschafft hat, hängt aber auch mit dem politischen System zusammen: Es braucht Erfahrung auf kommunaler und kantonaler Ebene – man muss die Ochsentour mitmachen. Das geht nicht von heute auf morgen.

Haben Kandidaten mit albanischen Namen Nachteile bei einer Wahl, in der man Namen streichen kann?

Das untersuche ich derzeit in einem dreijährigen Forschungsprojekt – bis jetzt gibt es keine Studie, die das belegen würde. Denn umgekehrt kann es auch eine positive Diskriminierung geben, weil man einen Kandidatennamen auch zweimal angeben kann. Dies war wohl damals beim Berner Ricardo Lumengo, dem ersten dunkelhäutigen Nationalrat der Schweiz, entscheidend für die Wahl. Ein albanischer Name muss also kein Nachteil sein.

Spielt die Herkunft in der Politik Ihrer Meinung nach eine Rolle?

Höchstens eine untergeordnete. Wenn ein Kandidat auf der Liste einer Partei steht, wird er wohl auch deren Werte vertreten. Auch SVP-Nationalrätin Yvette Estermann stammt aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Wegen ihres Migrationshintergrunds stimmt sie aber kaum anders ab als der Rest der SVP-Fraktion.

Setzen Parteien Kandidaten mit Migrationshintergrund auch einfach auf die Liste, um für eine möglichst breite Bevölkerung wählbar zu sein?

Gerade die Parteien, die im ständigen Sinkflug sind, haben realisiert, dass es bei den Eingebürgerten ein grosses Wählerpotenzial gibt, welches sich aktiv zu bewirtschaften lohnt. Indem sie Personen mit Migrationshintergrund aufstellen, signalisieren sie: Wir sind so offen. Realistische Wahlchancen haben diese Kandidaten allerdings meist nicht.

Mit welchen Parteien können sich Personen mit albanischsprachigem Hintergrund am besten identifizieren?

Hier kann ich keine eindeutige Antwort geben. Die Gruppe ist wie auch jede andere Gruppe gespalten: Es gibt Linke und Rechte, Konservative und Liberale, Ökologische und Nicht-Ökologische. Somit ist es auch keine Überraschung, dass Personen mit albanischem Hintergrund in verschiedenen politischen Parteien aktiv sind.

Dr. Nenad Stojanovic arbeitet an der Universität Luzern und am Zentrum für Demokratie Aarau. Zu seinen Forschungsgebieten gehören Demokratien in multikulturellen Gesellschaften. Er ist Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. Für die SP sass er von 2007 bis 2013 im Tessiner Kantonsparlament.

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