«Time-out» mit Klaus Zaugg: Ein Amerikaner im Gotthelf-Land
Aktualisiert

«Time-out» mit Klaus ZauggEin Amerikaner im Gotthelf-Land

Mit dem Rücktritt von Heinz Schlatter per Ende August, je nach Leseart Manager, Sportchef, Geschäftsführer oder Direktor der SCL Tigers, geht eines der buntesten Kapitel in der Geschichte des Eishockey im Emmental (oder seit 1946) zu Ende.

von
Klaus Zaugg

Wie lautet die Bilanz seines ziemlich genau zweijährigen Wirkens? Die Versuchung ist gross, Schlatter die Schuld für die Probleme der letzten Monate in die Schuhe zu schieben. Ganz nach dem biblischen Prinzip des Sündenbockes: Es gab zu Zeiten des Alten Testamentes den schönen Brauch, einem Schafsbock alle Sünden anzulasten und ihn als Sündenbock dann in die Wüste hinauszujagen.

Risiken statt «Wärweisen»

Aber Schlatter hat den SCL Tigers viel mehr gebracht als seine Kritiker wahr haben wollen. Dass die SCL Tigers letzte Saison 5788 Zuschauer pro Spiel anlockten, mehr als in der Meistersaison 1975/76 (5014), hat sehr viel mit Schlatter zu tun. Weil er in seinem Wesen und Wirken das in Gotthelfs Land (fast) genetisch codierte «Wärweisen» (Abwägen, Zögern) vor grossen Entscheidungen und die bodenständige Zurückhaltung nie zelebrierte, hat er in Langnau mehr bewegt als jeder Hockey-Manager vor ihm. Schlatter wirkte wie ein Amerikaner im Lande Gotthelfs, brach Tabus, stellte unbekümmert alles in Frage, verbreitete zupackenden Optimismus und fragte nicht immer, was die Welt kostet und was wohl die Leute denken könnten.

Die Folge: Der Tiger rockte und rollte, die Fans waren begeistert, füllten das Stadion und um ein Haar hätten sie erstmals die Playoffs geschafft. Schlatter ging die im Sportbusiness halt notwendigen Risiken ein und vertraute auf das Glück der Hockeygötter und kümmerte sich zu wenig um den Zorn jener Könige im Dorf, die er übergangen, zur Seite gestellt oder nicht mit dem nötigen Respekt behandelt hatte.

Kein ruhender Pol hinter dem Vulkan

Nun ist es schief gegangen und die Kasse ist leer. Aber Schlatter scheiterte primär, weil das Unternehmen SCL Tigers viel zu viele Altlasten mitschleppte und so keine Reserven vorhanden waren, um die riskante Vorwärtsstrategie des flotten Heinz abzufedern. Und noch etwas: Wenn einer wie Schlatter im Emmental wirkt, dann braucht er hinter sich einen Chef, der da ein wenig Wogen glättet, dort beruhigend wirkt, hier ein bisschen zur Vorsicht mahnt. Damit die Kirche im Dorf bleibt.

Eigentlich wäre Verwaltungsrats-Präsident Hans Grunder genau der Mann gewesen, der den Ausgleich zu Schlatters forschem Stil hätte schaffen können. Aber Grunder, mit seinem politischen BDP-Wanderzirkus überlastet, hat seinem Hockey-Manager viel zu viel Auslauf gelassen. So gesehen ist Schlatter ein Opfer der Umstände geworden.

Auch in Langenthal gescheitert

Nun wird zu Recht darauf verwiesen, dass doch der Schlatter auch bei seinem ersten Job in Langenthal ein «Millionen-Loch» hinterlassen und auch dort im Herbst 2007 Knall auf Fall gegangen worden ist.

Das ist richtig. Aber auch der SC Langenthal erlebte unter seiner Führung die aufregendsten Tage seiner Geschichte. Als Schlatter kam, standen die Langenthaler auf dem letzten Platz der NLB. Als er ging, waren sie Qualifikations-Sieger, rockten und rollten, auch mit Todd Elik, sie klopften an die Türe der NLA und sorgten in einem Jahr für mehr Medienpräsenz als zuvor während zehn Saisons. Auch in Langenthal ging Schlatters Vorwärtsstrategie schliesslich in die Hosen. Und auch da, weil der Präsident (Stepan Anliker) - ähnlich wie Grunder in Langnau - seinen Manager an einer viel zu langen Leine führte.

Misstrauen statt Anerkennung

Schlatter ist manchmal ungestüm, manchmal undiplomatisch, immer bereit, etwas zu riskieren, mit einem guten Gespür für Entwicklungen und Strömungen der Zeit. Mit seinem charismatischen Auftreten wäre er in Amerika ein gefeierter Sportmanager - im Lande Gotthelfs aber weckt Charisma primär einmal Misstrauen.

Vielleicht müssten die SCL Tigers künftig einen Geschäftsführer wie Schlatter für alle auswärtigen Kunden beschäftigen und für jene im Dorf und in der näheren Umgegung einen «Anti-Schlatter» ohne Charisma, der als Beruhiger den Frieden im Dorf wahrt.

Nicht die schlechteste Frucht

Schlatter hat den SCL Tigers viel mehr gebracht als seine Kritiker wahr haben wollen. Er ist mehr das Opfer der fehlenden Führung durch Präsident Hans Grunder als eigener Fehlleistungen. Und die Frage geht in die Hockeyszene: Wer hat den Mut, Schlatter wieder einen Job anzubieten? Wer fühlt sich stark genug, Schlatter führen zu können?

Für den umtriebigen Sportmanager aus Herzogenbuchsee (dem Dorf, in dem Jeremias Gotthelf seine Pfarrer-Karriere als Vikar begonnen hat) gilt ein altes Sprichwort der Emmentaler Bauern: Es sind nicht immer die schlechtesten Früchte, woran die Wespen nagen.

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