Aktualisiert 04.02.2004 21:16

Ein Apfel mit Biss

Seit zwanzig Jahren zeigt Apple der Konkurrenz die Zähne — und hat mit dem
Macintosh eine Religion begründet.

Text –– Jan Graber

Steve Jobs ist ein Gott. Zumindest für die Millionen von Apple-Jüngern, für die vor genau zwanzig Jahren eine neue Zeitrechnung und damit ein Kult begann, der zeitweise beinahe religiöse Dimensionen annahm und bis heute anhält.

Seinen Anfang nahm der Ritus am

24. Januar 1984 mit einem Werbespot, der während den amerikanischen Super-Bowl-Spielen genau einmal ausgestrahlt wurde und Apples ersten Macintosh vorstellte. Der von Kultregisseur Ridley Scott gedrehte Kurzfilm zeigte eine Sportlerin, die in einer kalt anmutenden Welt einen riesigen Bildschirm zerstört, auf dem ein rücksichtsloser Führer zu einer gleichgeschaltet wirkenden Zuhörermenge spricht. Die Message: 1984 würde dank Apples Einführung des Macintosh anders werden als in George Orwells Roman «1984» prophezeit. Damit brachte Apple eine Philosophie auf den Punkt, die ihren Ursprung im Gedankengut der 68er hatte: anders sein als die anderen, und gegen das Establishment. Freidenker und kreativ Tätige waren begeistert und wurden fortan zu treuen Anhängern von Jobs & Co.

Dabei war der charismatische Apple-Kopf gar nicht der Erfinder des Mac – er wollte das Projekt im Gegenteil zuerst beerdigen; seine Liebe galt Lisa, einem 10000-Dollar-Computer. Der geistige Vater des Mac heisst Jef Raskin: ein Uni-Professor, der zuvor bei Xerox Parc geforscht hatte und 1979 die Idee für einen Personal Computer entwickelte, der die Bedienfreundlichkeit ins Zentrum stellte. Bei Xerox war es auch, wo Raskin die Inspiration für zwei Merkmale fand, die den Mac von anderen PCs unterscheiden würden: die grafische Benutzeroberfläche und die Maus. Selbst den Namen Macintosh erfand Raskin – abgeleitet von den McIntosh-Äpfeln, die er regelmässig ass.

1981 wurde jedoch alles anders: Steve Jobs drängte sich ins Mac-Projekt rein und Raskin damit raus – der Macintosh wurde am 26. Januar 1984 unter der Federführung von Jobs lanciert, der sich damit in die Computergeschichte einschrieb. Knapp ein Jahr später war allerdings auch Jobs draussen – nach einem Streit mit dem Verwaltungsrat musste er seinen Sessel räumen.

Gleichzeitig begann für Apple ein weiterer Albtraum. Das Gerät weckte die Aufmerksamkeit einer Firma, die das Erfolgsrezept – die Maus und grafische Bedienoberfläche – für ihr eigenes Betriebssystem klaute: Microsoft und deren Kopf Bill Gates – der für Hardcore-Apple-Fans fortan als Verkörperung des Bösen galt. Und je mehr Erfolg Microsoft mit Windows hatte, umso schlechter ging es Apple. 1996 war die Firma auf dem Tiefpunkt und holte ihren Guru Jobs zurück, der ein Jahr später unter dem Motto «Think different» die neusten G3-PowerMacs vorstellte. Im gleichen Jahr biss Jobs in den sauren Apfel: Er legte den Streit mit dem Erzfeind Microsoft für eine Finanzspritze von 150 Millionen Dollar bei und integrierte Microsofts Office-Paket in die Mac-Plattform. Apple-Jüngern kam Jobs Botschaft der Vertreibung aus dem Paradies gleich. War dies etwa mit «Think different» gemeint?

Es war nicht das erste Mal, dass die Apple-Gefolgschaft von «ihrer» Firma vor den Kopf gestossen wurde und ihr dennoch treu blieb. Und es sollte nicht das letzte Mal bleiben: Der nächste Schlag folgte mit der Einführung des neuen Betriebssystems Mac OS X im Jahr 2001 – mit dem sich viele Apple-Nutzer auch heute noch schwer tun.

Apple als Rabenmutter? Vielleicht. Aber eine mit genügend Charisma, um ihre Kinder immer wieder zu versöhnen und an sich zu binden. Selbst wenn die Macs im Vergleich zu gleichwertigen Computern teurer sind – schon der erste kostete 2500 Dollar (1984: 7000 Franken), während ein PC mit 1500 Dollar (4000 Franken) zu Buche schlug. Mit dem höheren Preis verkauft Apple aber nicht nur innovative Technologie, sondern auch ein Stück Exklusivität – für eine Klientel mit einem idealistischen, oft elitär anmutenden Bewusstsein. Apples neuster Streich, der PowerMac G5, wird sogar als Rolls-Royce unter den Computern bezeichnet. Und einen solchen kann und will sich schliesslich auch nicht jeder x-Beliebige leisten.

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