Er war dabei: Ein Beamter namens «kleiner Adolf»
Aktualisiert

Er war dabeiEin Beamter namens «kleiner Adolf»

Neue Details zum Verfassungsschützer, der sich bei sechs der neun Mordfälle in der Nähe des Tatorts befand: In seiner Wohnung fanden Ermittler rechtsradikales Material.

von
tog
Der Verfassungsschutz steht seit der Döner-Mord-Affäre in der Kritik.

Der Verfassungsschutz steht seit der Döner-Mord-Affäre in der Kritik.

Als die mutmasslichen Täter am 6. April das Tele-Internet-Café in Kassel betraten, um zum neunten Mal zu morden, sassen nach Angaben der «Süddeutschen Zeitung» sechs Personen darin. Fünf meldeten sich später als Zeugen, einer nicht: Der Mann vom Hessischen Verfassungsschutz, der für diesen als V-Mann-Führer tätig war.

Als er später aufgespürt werden konnte, fanden Ermittler bei einer Hausdurchsuchung ein Fachbuch über Serienmorde, Kopien von Hitlers «Mein Kampf» sowie weitere Schriften, «die das Dritte Reich betrafen», wie Behördensprecher Götz Wied gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» sagte. In seinem Heimatort Hofgeismar soll der Verfassungsschützer sogar den Spitznamen «kleiner Adolf» getragen haben.

Seitensprung oder Mord?

Trotzdem wurde das Verfahren gegen den Verdächtigen im Januar 2007 eingestellt. Obwohl man sein Umfeld durchleuchtete, konnten keine Verbindungen zu rechten Kreisen hergestellt werden - oder wie es Wied darstellt: «Was da war, hat nicht dazu geführt, dass er verdächtig war.» Was die Beamten damals nicht wissen konnten: Mit ihren Ermittlungen gegen den Beamten endete die Mordserie. Halit Y., der seinen Vater nur kurz im Internet-Café vertrat, blieb bis zur Erschiessung der 22-jährigen Polizistin in Heilbronn 2007 das letzte Opfer der rechtsradikalen Killer.

Für vier der Morde hat der Verfassungsschützer Alibis. Bei vier weiteren Taten liessen sich seine Aussagen nicht mehr überprüfen. Weshalb aber war er im Internetcafé? Er habe Kontakt zu Frauen gesucht, ohne dass seine eigene davon etwas mitbekomme, so die Antwort. Und die Schüsse habe er nicht gehört und danach tagelang keine Nachrichten mehr gesehen.

Entlastend dürfte dafür sein, dass er seinen Aufenthalt im Internetcafé vor dem Verlassen offensichtlich bezahlte und dass er seine private Telefonnummer im Netz freigab. Laut Recherchen der «Süddeutschen» arbeitet der Betroffene momentan für das Regierungspräsidium Kassel.

Die Akte der mutmasslichen Rechtsterroristen

1996: Uwe B. hängt eine Puppe mit einem Judenstern an eine Autobahnbrücke. Er wird zur einer bedingten Jugendstrafe verurteilt.

1997: Das Trio verschickt mutmasslich Bombenattrappen. Empfänger sind die Polizei, die «Thürigner Landeszeitung» und die Stadtverwaltung Jena. Auf dem Friedhof der Stadt wird eine vermeintliche Kofferbombe mit Hakenkreuzen deponiert, vor dem Theater ein tatsächlich explosiver Koffer.

1998: Die Polizei findet im Januar in einer von Beate Z. angemieteten Garage vier Rohrbomben mit knapp 1,4 Kilogramm Sprengstoff. Es wird ein Haftbefehl gegen die drei erlassen. Sie tauchen jedoch unter.

1999: Die Bande begeht angeblich den ersten von insgesamt 14 Banküberfällen, mit denen sie ihr Leben finanzieren. Den letzten Überfall beging sie am 4. November 2011 in Eisenach.

2000: Am 9. September strecken die Täter Enver Simsek auf einer Nürnberger Kreuzung mit acht Schüssen nieder. Es kommt bis 2006 zu acht weiteren Tötungen von Deutschen ausländischer Herkunft, die Uwe M. und Uwe B. zugerechnet werden.

2004: Bei einem Nagelbombenanschlag in einem von Migranten bewohnten Stadtteil Kölns werden 22 Personen teilweise schwer verletzt.

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