Ein Dorf weicht dem Klimawandel

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Ein Dorf weicht dem Klimawandel

Jeder Sturm kann inzwischen der Letzte sein für Shishmaref. Das wissen die Menschen in dem kleinen Inuit-Dorf auf einem Inselchen vor der Küste Alaskas nur allzu gut. Jetzt wollen sie aufs Festland umziehen.

Das Örtchen nur 150 Kilometer entfernt von der russischen Grenze ist ein Opfer des Klimawandels, dessen Folgen die Lebensgrundlagen der rund 600 Bewohner immer mehr bedroht. Obwohl es ihnen schwerfiel, beschlossen die Bewohner deshalb schon vor vier Jahren, die Siedlung aufzugeben und auf dem Festland neu anzufangen.

Wenn sie ihren Umzug in Angriff nehmen, ist das auch ein Schlussstrich unter 4000 Jahren Siedlungsgeschichte. Das Dorf Shishmaref steht auf so genanntem Permafrostboden. Das sind Böden, deren niedrigere Schichten selbst im Sommer nicht auftauen und die deshalb eigentlich ein sicheres Fundament darstellen.

Doch durch die allmähliche Erderwärmung wird der Untergrund immer unsicherer. Der schleichende Anstieg der Temperaturen hat für die Umwelt der Inupiaq von Shishmaref, die zur Volksgruppe der Inuit gehören, noch schlimmere Folgen.

Wasserspiegel steigt

Der Wasserspiegel steigt und die heftiger gewordenen Stürme treiben immer grössere Wellen gegen die Küste. Fischerboote wurden in der Brandung zerschlagen und Vorratslager zerstört. Inzwischen stürzte bereits ein Haus ein.

Die Menschen von Shishmaref lebten schon immer von dem, was die Natur zu bieten hat. Deshalb schlägt hier der Klimawandel besonders schwer zu Buche. Es sind die grossen und die kleinen Anzeichen dafür, dass bald nichts mehr so sein wird wie es war.

Probleme gibt es beispielweise auch mit neuen Fliegen-Arten, die in grossen Mengen auftreten, berichtet Tony Weyiouanna. Die traditionelle Konservierungsmethode für Fleisch, das Trocknen im Freien, sei deshalb zu manchen Jahreszeiten schlicht nicht mehr möglich.

Weniger Beute

Als Ureinwohner geniessen die Inupiaq besondere Jagdrechte, doch mit dem sich nach Norden zurückziehenden Eis wird auch ihre Beute immer seltener werden, sagt der Forscher Robert Corell in einer Studie für die arktischen Regionen.

Kein Wunder, dass Corell in seiner Studie zu dem Schluss kommt, der Klimawandel sei nicht nur eine Frage der Umwelt, sondern ebenso auch «eine menschliche und kulturelle Angelegenheit».

Für die Menschen von Shishmarif gilt das besonders. Wohin genau sie ausweichen werden, steht noch nicht fest. Das Dorf zu verlegen dürfte rund 200 Millionen Dollar (rund 250 Mio. Franken) kosten, schätzt Tony, der den Umzug vorbereiten soll.

Ungewisse Zukunft

Was ihnen die Zukunft am neuen Standort bringen wird, wissen die Einwohner von Shishmarif nicht. Aber, dass sie es gemeinsam tun wollen, das wissen sie.

Sehr weit weg von ihrer Insel wollen sie aber nicht ziehen. Das hätte zerstörende Auswirkungen darauf, wie sie leben und was sie seien, sagte eine Dorfbewohnerin.

Für den Umzug wurden neun Standorte geprüft. Ein Entscheid soll bald fallen. Der Favorit heisst derzeit Tin Creek. So heisst ein Flecken auf dem Festland 18 Kilometer vom Heimatdorf entfernt. Und vielleicht noch wichtiger: es sind nur drei Kilometer bis an die Küste. (sda)

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