Reportage: Ein Dreigänger aus der Mülltonne

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ReportageEin Dreigänger aus der Mülltonne

30 Personen aus dem Umfeld der Jungen Grünen ernähren sich eine Woche lang vom Abfall aus Supermärkten. 20 Minuten begleitete sie einen Abend lang beim Mülltauchen und -kochen.

von
J. Büchi/ D. Galka

(Video: D. Galka)

«Da hinten sind die Container. Jetzt müssen wir schnell machen», sagt Meret Schneider, Präsidentin der Jungen Grünen Zürich, als wir nach Einbruch der Dunkelheit vor einer Zürcher Aldi-Filiale stehen. Eigentlich ist die 21-Jährige lieber allein unterwegs. Für 20 Minuten macht sie aber eine Ausnahme - «auch wenn das Risiko, erwischt zu werden, so grösser ist.»

Gleich wird die zierliche Frau durch das Gitter «eindringen», das die Abfallcontainer des Billigdiscounters schützt. Dann wird sie die Mülltonnen nach Essbarem durchwühlen. Was sie tut, ist illegal, das weiss Meret Schneider. «Wenn ein Container hinter einem Gitter steht, darf man dort technisch gesehen nichts rausholen.» Schneider macht es trotzdem – immer und immer wieder. Wie viele Male sie schon von Sicherheitskräften oder Angestellten von Supermärkten erwischt wurde, weiss sie nicht mehr. Schon oft sei ihr mit einer Anzeige gedroht worden – tatsächlich zu einer gekommen sei es bislang aber noch nie.

Das Containern, auch Waste Diven oder Dumpster Diven genannt, ist für die Jungpolitikerin aus Uster längst Alltag geworden. Normalerweise geht sie mindestens zwei Mal pro Woche auf Containertour. In dieser ersten Dezemberwoche jedoch ist tägliches Mülltauchen angesagt. Denn Schneider ist der Kopf des Experiments «Containerwoche», während dem sich rund 30 Personen aus dem Umfeld der Jungen Grünen einzig und allein von gecontainerten Lebensmitteln ernähren.

«Container auf, Gemüse raus, Container zu»

So gilt es auch an diesem Abend, Lebensmittel für den gemeinsamen Znacht der Experimentsteilnehmer aus der Tonne zu fischen. Als wir uns dem Absperrgitter nähern, ertönt aus dem Innern ein Rascheln. Schneider hält einen Moment inne, entspannt sich aber sogleich wieder. Das Geräusch kommt von einer zweiten Waste Diverin, die soeben einen prall gefüllten Korb mit Lebensmitteln auf die Strasse trägt. So schlüpft auch Schneider hinter das Absperrgitter, greift tief in einen Container – und wird fündig. Gemüse, Pilze, Frischbackgipfeli: Kiloweise scheinbar makellose Esswaren fördert sie aus der Mülltonne hervor.

So lange sind Lebensmittel wirklich essbar

«Man muss nie lang suchen: Container auf, Gemüse raus, Container zu», erzählt sie uns. Vor allem die Container von Aldi, Lidl und Denner seien meist leicht zugänglich. Migros und Coop hingegen schlössen ihre Tonnen oft ein. Die 21-jährige Schneider ist eine Waste Diverin der ersten Stunde. Nachdem sie einen US-Streifen über den Trend gesehen hatte, erkundete sie auf eigene Faust Hinterhöfe und Containerlager der hiesigen Grossverteiler, fand heraus, wann und wo es am meisten Geniessbares zu holen gibt und teilte ihre Erfahrungen mit anderen.

Aufbackgipfeli begeistern

Als vor dem Laden das Licht angeht, wird es Zeit zu gehen. Ortswechsel. Wir treffen uns in einer kleinen Zürcher Wohnung nahe der Seilbahn Rigiblick zum gemeinsamen «Müllkochen». Viele, die sich an diesem Abend in der Wohnung einfinden, haben das Container-Handwerk von Meret Schneider persönlich gelernt. Einer nach dem anderen breitet seine Beute auf dem Tisch im Wohnzimmer aus.

Zu den Produkten aus Schneiders Fundus gesellen sich weitere Gemüse- und Früchtesorten, besonders Kürbis gibts in rauen Mengen. Dazu kommen Gebäckstücke, Desserts, Getränkedosen, Fisch und Fleisch. Die Produkte stapeln sich zu einem Haufen, ein bunter Gabentisch entsteht.

Die Schar bewundert die Ausbeute, schreit verzückt, als die Frischbackgipfeli zum Vorschein kommen, berät, was aus den Lebensmitteln zu zaubern sei. Eine Kürbissuppe soll es sein, beschliesst die Gruppe, dazu getoastetes Brot, Ratatouille und zum Dessert Vanillecreme mit Miniküchlein.

«Fehler im System»

Sofort gehts ans Werk. Bald erfüllt der Duft von gebackenem Brot die kleine Wohnung. Der 21-jährige Philosophie-Student Christian macht sich ans Kürbisrüsten. «Es ist ein Fehler im System, wenn perfekt geniessbare Lebensmittel weggeschmissen werden», sagt er, «wir müssen zeigen, dass wir da nicht mitmachen.»

Auch Christian wurde von Meret Schneider in die Kunst des Containerns eingeführt. Diese Woche wolle er seine Skills im Mülltauchen perfektionieren, damit auch er es künftig noch stärker «in seinen Lebensstil einbauen kann». Ekel empfinde er weder beim Griff in die Tonne noch beim anschliessenden Verzehr der Ware. «Es ist alles noch frisch», sagt er und deutet dabei auf eine glänzende Peperoni. «Wir müssen das Gemüse nur etwas abspülen, vielleicht hie und da ein Stück abschneiden.»

Auch der zwei Jahre ältere Niels, ebenfalls Student aus Zürich, steht in der Küche. Er steuert die Getränke zum Abendessen bei, 60 Energy Drinks hat er ergattert. Daneben hat er auch einen Zitronenschnaps mitgebracht, den er aus einem besonders reichen Fund an Zitrusfrüchten gebrannt hatte. Auch Niels begeistert das Containern. «Selbst einen Anzug habe ich einmal gefunden – er passt perfekt», strahlt der Student. Die Gruppe ist sich einig: Zwar stehe der politische Aspekt im Vordergrund, aber auch finanziell würden sich die Containertouren lohnen.

Abgelaufenes Joghurt noch essen

So wird gekocht, gegessen, gelacht und über die Verschwendung der Wegwerfgesellschaft philosophiert – bis spät in die Nacht hinein. Meret Schneider ist zufrieden. «Das Essen schmeckt, umso mehr, wenn wir es in der Gruppe geniessen können.» Sie hofft, dass künftig noch mehr Menschen dem Beispiel ihrer kleinen Schar folgen werden. «Wir wollen aufzeigen, dass all das, was wir heute essen, für die Kehrichtverbrennungsanlage bestimmt gewesen wäre», sagt sie.

Nicht nur der Detailhandel müsse reagieren, sondern auch die Bevölkerung: «Denn fast die Hälfte des weggeworfenen Essens fällt beim Konsumenten an.» Man wolle die Leute darauf aufmerksam machen, dass ein Joghurt auch noch essbar sei, wenn es abgelaufen sei. «Bei Milchprodukten sieht oder riecht man es sofort, wenn es nicht mehr gut ist», so Schneider. Einen schrumpligen Apfel könne man zu Mus verarbeiten, trockenes Brot zu Vogelheu.

Bereits hat die Präsidentin der Jungen Grünen Zürich Pläne, um die Schar der Dumpster Diver in der Schweiz noch zu vergrössern und noch mehr Menschen Zugang zu den Gratislebensmitteln zu ermöglichen. Eine Strassenküche sei geplant, zudem wolle sie ein App entwickeln, das den Mülltauchern die besten Standorte zum Containern anzeigt. Zuerst hofft sie nun aber auf weiteren Zulauf bei ihrem Experiment. Wer an einem Müllmahl teilnehmen will, kann sich auf der Homepage des Projekts eintragen. Mitbringen müsse man nicht zwingend etwas, so Schneider. «In den Containern ist genug Essen für alle da.»

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