Umfrage von 20 Minuten: Ein Drittel der Schweizer glaubt an ein Labor-Virus
Aktualisiert

Umfrage von 20 MinutenEin Drittel der Schweizer glaubt an ein Labor-Virus

Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt: Fast ein Drittel der Schweizer glaubt, dass das Coronavirus aus einem Labor stammt. Vor allem bei SVP-Wählern stösst die Theorie auf Zustimmung.

von
Daniel Graf
1 / 11
30 Prozent glauben, dass das Coronavirus aus dem Labor stammt. Im Bild: ein Labor in Wuhan.

30 Prozent glauben, dass das Coronavirus aus dem Labor stammt. Im Bild: ein Labor in Wuhan.

REUTERS
In Hochsicherheitslabors der Sicherheitsstufe 4 wird mit den gefährlichsten Viren gearbeitet. Im Bild das Labor des Genfer Universitätsspitals.

In Hochsicherheitslabors der Sicherheitsstufe 4 wird mit den gefährlichsten Viren gearbeitet. Im Bild das Labor des Genfer Universitätsspitals.

KEYSTONE
Auch in Wuhan, wo die Corona-Pandemie ihren Ursprung hat, gibt es ein solches Labor. Das befeuert die Theorie, dass das Virus aus dem Labor stammen könnte.

Auch in Wuhan, wo die Corona-Pandemie ihren Ursprung hat, gibt es ein solches Labor. Das befeuert die Theorie, dass das Virus aus dem Labor stammen könnte.

KEYSTONE

Darum gehts

  • In einer repräsentativen Umfrage wurden mehr als 26’000 Personen online befragt.
  • Demnach glauben 30 Prozent der Schweizer, dass das Coronavirus aus einem Labor stammt.
  • Auch verschiedene andere Theorien stossen auf Zustimmung.
  • «Wer mehr Bildung genossen hat, glaubt tendenziell weniger an Verschwörungstheorien», sagt Experte Marko Kovic.

Auch am Samstag sind wieder Hunderte Menschen gegen die Massnahmen des Bundes zur Bekämpfung der Corona-Pandemie auf die Strasse gegangen. Einige Demonstranten bezichtigen etwa Bill Gates, schuld an der Krise zu sein, für andere ist 5G der wahre Grund. Für US-Präsident Donald Trump ist klar, dass das Virus aus einem chinesischen Labor stammt.

An diesen teilweise wilden Spekulationen führt auch in den sozialen Netzwerken derzeit kaum ein Weg vorbei. Eine repräsentative Umfrage (siehe Box) von 20 Minuten und Tamedia zeigt nun, wie die Menschen in der Schweiz darüber denken.

Theorie 1: Das Virus ist von einem Tier auf den Menschen übergesprungen

Die Mehrheit der bisher zum Thema veröffentlichten Studien geht davon aus, dass das Virus von einer Fledermausart – allenfalls über einen Zwischenwirt – auf den Menschen übergegangen ist. Dieser Überzeugung ist mit 62 Prozent Zustimmung auch ein Grossteil der befragten Leser.

Ein grosser Unterschied lässt sich hier beim Bildungslevel ausmachen: Nur gut die Hälfte der Befragten (52 Prozent), die angaben, lediglich die obligatorische Schulzeit absolviert zu haben, sind dieser Meinung. Bei den Befragten mit Fachhochschul- oder Uniabschluss sind es 80 Prozent.

Theorie 2: Das Virus stammt aus einem Labor

30 Prozent, also fast ein Drittel der Befragten, sind der Überzeugung, dass das Virus aus einem Labor stammt. Aus Sicht der Wissenschaft ist klar: Das Sars-CoV-2-Virus wurde nicht absichtlich von Menschen hergestellt oder manipuliert. Zu diesem Schluss kommt unter anderem eine Studie der privaten und nicht gewinnorientierten biomedizinischen Forschungsorganisation Scripps Research.

Grosse Unterschiede gibt es auch bei dieser Theorie beim Bildungslevel der Befragten: Bei den Menschen, deren höchster Bildungsabschluss die obligatorische Schule ist, glaubt mehr als die Hälfte (52 Prozent) an die Labortheorie. Dieser Wert nimmt mit höherem Bildungslevel kontinuierlich ab und beträgt bei den Befragten mit einem Uni- oder Fachhochschulabschluss nur noch 14 Prozent.

Unterschiedliche Antworten gibts je nach politischer Orientierung: Befragte, die sich der SVP nahe fühlen, stimmen dieser Theorie zu 44 Prozent zu, gefolgt von der FDP mit 30 Prozent. Bei SP-Sympathisanten ist der Anteil an Befürwortern dieser Theorie nur halb so gross wie bei der SVP (22 Prozent).

Theorie 3: Die Massentierhaltung hat den Ausbruch des Virus begünstigt

Dieser Theorie schenken 17 Prozent der Befragten Glauben. Auffällig: Sie findet bei den Sympathisanten der Grünen mit 27 Prozent überdurchschnittlich viel Zustimmung. Covid-19 ist zwar mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Zoonose, ist also vom Tier auf den Menschen übertragen worden. Und auf die Verbreitung von Zoonosen kann die Massentierhaltung einen Einfluss haben, etwa, wenn für die Tierhaltung Regenwald gerodet wird und die Nutztiere in engeren Kontakt mit Wildtieren kommen. Beim Markt, der als Ursprungsort des Virus vermutet wird, handelt es sich aber um einen Wildtiermarkt. Ein direkter Zusammenhang zwischen Covid-19 und Massentierhaltung ist nicht bewiesen.

Das sagt der Experte

4 Fragen an Marko Kovic, Gründungsmitglied «Skeptiker Schweiz» und Experte für Verschwörungstheorien.

Herr Kovic, 30 Prozent der Schweizer glauben, dass das Virus aus einem Labor entwichen ist. Überrascht Sie das?Nicht wirklich; das ist ein ähnlicher Wert wie in den USA. Die Vorstellung, dass das Virus aus einem Labor stammt, ist ja doppelt beruhigend. Einerseits würde das bedeuten, dass das Virus nicht einfach zufällig und unberechenbar natürlich mutiert und dann von Tieren auf Menschen übergesprungen ist, sondern dass inkompetente oder böswillige Menschen am Werk waren. Das ist weniger schlimm als die Vorstellung einer unkontrollierbaren Natur. Andererseits bedeutet der Glaube, dass das Virus aus einem Labor stammt, auch, dass wir ganz klar mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen können: die Chinesen.
Mit Bill Gates wird einer der reichsten Menschen der Welt beschuldigt. Spielt hier Neid eine Rolle?

Neid ist, glaube ich, kein wesentliches Motiv. Bill Gates wurde zur Zielscheibe für Verschwörungstheoretiker, weil er einerseits durchaus einer der mächtigsten Menschen auf der Welt ist und sich andererseits ganz allgemein sehr stark im Bereich der Infektionskrankheiten engagiert. Vor ein paar Jahren hat er einen vielbeachteten Vortrag über die Gefahr von Pandemien gehalten, und jetzt in der Coronavirus-Pandemie hat seine Stiftung bereits rund 250 Millionen Dollar unter anderem für die Entwicklung eines Impfstoffes ausgegeben. Diese Konstellation ist Gold für Verschwörungstheoretiker. Sie glauben, dass Bill Gates die Coronavirus-Pandemie irgendwie verursacht hat, weil er die ganze Welt mit «seinem» Impfstoff impfen will – um Geld zu machen oder um die Menschheit damit zu kontrollieren, etwa, indem man den Leuten GPS-Chips einimpft.
Bei der Labortheorie sind grosse Unterschiede beim Bildungslevel auszumachen. Welche Rolle spielt Bildung im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien?

In Studien zeigt sich recht konsistent: Wer mehr Bildung genossen hat, glaubt tendenziell weniger stark an Verschwörungstheorien. Doch daraus darf man nicht schliessen, dass Leute mit weniger Bildung dumm sind. Wer höhere Bildung geniesst, kommt eher mit analytischem Denken in Kontakt und hat ein anderes Informationsverhalten. Und besonders wichtig: Wer höhere Bildung geniesst, gehört tendenziell zu den gesellschaftlichen Gewinnern – mehr Lohn, mehr Vermögen, ein besseres Leben. Die Forschung zeigt, dass besonders Menschen, die zu den Verlierern gehören, wenig verdienen und sich allgemein machtlos fühlen, an Verschwörungstheorien glauben, weil diese ihnen diese Ungerechtigkeit der Welt vermeintlich erklären.
13 Prozent sind überzeugt, dass Corona nicht gefährlicher ist als eine Grippe. Viele Ärzte und Virologen widersprechen dem vehement. Weshalb halten sich solche Theorien dennoch hartnäckig?

Einerseits spielt hier sicher der «confirmation bias», der Bestätigungsfehler, eine Rolle: Wenn man glauben will, dass die Pandemie ungefährlich ist – oder sogar eine inszenierte Verschwörung –, dann ist man auch gegen Argumente und Fakten resistent, die klar zeigen, dass das Coronavirus gefährlicher als das Influenzavirus ist. Andererseits dürfte auch eine Rolle spielen, dass wir in der Schweiz bisher Zustände wie in Wuhan, in New York, in Italien oder in Spanien nicht erleben mussten – das Schlimmste ist nicht eingetreten. Da der Mensch sehr emotional tickt, deuten wir das Ausbleiben ganz schlimmer Bilder so, dass das Virus gar nicht so gefährlich sein kann. Rein logisch geht dabei natürlich vergessen, dass die ganzen Massnahmen, die wir hatten und haben, eben genau dazu beigetragen haben, dass das Schlimmste ausblieb.

Theorie 4: Das Virus ist nicht gefährlicher als eine Grippe

13 Prozent der Befragten sind der Überzeugung, dass das Virus nicht gefährlicher sei als eine Grippe. Hier ist der Altersunterschied hervorzuheben: 18- bis 34-Jährige, die kaum vom Virus betroffen sind, glauben mehr als doppelt so oft an diese Theorie als Menschen aus der Risikogruppe der über 65-Jährigen (19 Prozent zu 9 Prozent).

Theorie 5: Das Virus gab es schon immer

Für 12 Prozent der Befragten ist klar, dass es das Virus schon immer gegeben hat. Diese Theorie wurde teilweise von vermeintlichen Beweisfotos befeuert, die Impfstoffe gegen das Coronavirus zeigten. Tatsache ist: Coronaviren sind seit den 1960er-Jahren bekannt. Sars-CoV-2, welches die derzeitige Pandemie ausgelöst hat, ist aber ein neues Virus.

Theorie 6: Bill Gates und die WHO dramatisieren die Situation aus Eigeninteresse

Dieser Theorie schenken 8 Prozent der Befragten Glauben. Aufgrund der geringen Zustimmung und der statistischen Unschärfe lassen sich hier kaum demografische Unterschiede ausmachen.

Theorie 7: Der Mobilfunkstandard 5G hat die Ausbreitung des Virus gefördert

Lediglich 3 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass der Mobilfunkstandard 5G etwas mit der Ausbreitung des Virus zu tun hat. Diese Theorie wurde schon mehrfach als Verschwörungstheorie entlarvt.

Mehr als 26’000 Menschen befragt

Die Umfrage

Die Umfrage wurde von der Leewas GmbH in Zusammenarbeit mit 20 Minuten und
Tamedia entwickelt und durchgeführt. Die Leewas GmbH ist auf Umfragen und datengestützte
Serviceleistungen spezialisiert. Die Resultate basieren auf 26’145 Umfrageteilnehmern (16’751 aus der Deutschschweiz, 7730 aus der Romandie und 1664 aus dem Tessin.)
Stichprobenfehler: Wie alle gewichteten oder ungewichteten Umfragen weist diese Umfrage einen Fehlerbereich aus. Er liegt bei ±1,4 Prozentpunkten für Schätzungen basierend auf der gesamten Stichprobe.

Erhebungszeitraum: Die Umfrage war am 14. Mai 2020 online zugänglich. Die bereinigten Daten wurden mit modellbasierten Analysen ausgewertet (unter Berücksichtigung von demografischen, geografischen und politischen Variablen).

Deine Meinung