Putins Rede : «Ein dritter Weltkrieg ist für Russland nicht machbar»
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Putins Rede «Ein dritter Weltkrieg ist für Russland nicht machbar»

Das waren die Botschaften des russischen Präsidenten Wladimir Putin am «Tag des Sieges». Russland-Experte Alexander Dubowy ordnet ein.

von
Lisa Horrer
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Am «Tag des Sieges» hält der russische Präsident Wladimir Putin eine Rede. 

Am «Tag des Sieges» hält der russische Präsident Wladimir Putin eine Rede. 

AFP
Der Russland-Experte Alexander Dubowy erklärt, was es mit Putins Botschaften auf sich hat. 

Der Russland-Experte Alexander Dubowy erklärt, was es mit Putins Botschaften auf sich hat. 

Privat

Darum gehts

  • Russland feiert den «Tag des Sieges» mit einer Militärparade in Moskau. Dort hält der Präsident Wladimir Putin eine Rede. 

  • Im Interview mit 20 Minuten ordnet der Russland-Experte Alexander Dubowy die Inhalte der Rede ein. 

Putins Rede wurde von verschiedenen Beobachtern als unterschwellige Androhung eines dritten Weltkrieges aufgefasst. Sollte man die Aussagen ernst nehmen? 

Putin hat zuletzt immer völlig offen gedroht, bis hin zu atomaren Schlägen. Die Rede heute war anders. Das ist eine innenpolitische Rede, die fast weinerlich war. Es war der Versuch zu erklären, dass Russland quasi keine Wahl hatte. Eine offene Androhung eines dritten Weltkrieges gab es diesmal nicht von Putin.

Wenn Putin morgen den Kriegszustand verhängen würde, würde er das mit seinen hohen Zustimmungswerten zahlen. Auch personell oder technisch wäre ein dritter Weltkrieg für Russland nicht machbar. Die letzten Wochen in der Ukraine waren enorm verlustreich für Russland. Russland hat keinen Grund zur Annahme, im Weltkrieg siegreich sein zu können. Putin hätte sich heute ganz anders benommen, wenn er Erfolg in der Ukraine hätte. 

Nach ausbleibenden Drohungen, können wir also erleichtert sein?

Die grosse Eskalationsankündigung blieb aus. Es erfolgte jedoch ein Säbelrasseln sowohl gegen den Westen, vor allem gegen die USA, als auch gegen die ukrainische Führung. Mit dem Präventivschlag hat Putin den Angriff gegen die Ukraine am 24. Februar gemeint.

Den grössten Teil seiner Rede hat Putin nicht zentral über die Ukraine gesprochen, aber zwischen den Zeilen. Putin hat versucht, den Angriffskrieg gegen die Ukraine, also die sogenannte «Spezialmilitäroperation», zu rechtfertigen. Einen Verzicht auf die Eskalation oder Kampfhandlungen in der Ukraine äusserte er nicht.

Welche Signale wollte Putin heute aussenden?

Er sagte, dass es sich beim Angriff auf die Ukraine um einen Präventivschlag handelte und dieser notwendig geworden sei, weil der Westen und die Nato die Ukraine aufgerüstet haben. Die Rede verdeutlichte: Der Krieg geht weiter. Putin verschafft sich mit dieser Rede viele Freiräume. Dass er sich zu keinen grossen Ankündigungen hat verleiten lassen, ermöglicht ihm, zu eskalieren oder deeskalieren. Aktuell ist davon auszugehen, dass er die Operationen im Donbass weiterführen wird. Das Ziel wird sein, die Kontrolle zu behalten, vor Gegenoffensiven und vor Rückeroberungen zu schützen. Der Ausgang dort entscheidet über den weiteren Kriegsverlauf. 

Wieso wird auf einer solchen Militärparade veraltetes militärisches Material zur Schau gestellt?

Moskau hat nicht nur älteres Equipment eingesetzt, sondern auch wesentlich weniger Bodentruppen als bei früheren Siegesparaden; selbst der Luftteil der Militärparade wurde wetterbedingt abgesagt. Dieses Mal werden die Ausrüstung und die Truppen in der Ukraine gebraucht. Und die Feierlichkeiten richten sich ausschliesslich an die russische Bevölkerung. Die internationale Dimension scheint der völlig isolierten russischen Führung gleichgültig geworden zu sein.

Tausende russische Soldaten sind gefallen – ist es Putin gelungen, das Volk positiv zu stimmen im Hinblick auf eine Weiterführung des Krieges?

Die heutige Rede Putins sollte den Eindruck der Scheinnormalität erwecken und die Bevölkerung ruhig und weiterhin apolitisch halten. Das Vertrauen in Putin soll offenbar nicht durch risikoreiche und unpopuläre Entscheidungen, wie Generalmobilmachung und Verhängung des Kriegszustandes, riskiert werden. Allerdings muss Russland in den kommenden Wochen die Truppen in der Ukraine deutlich aufstocken, um die Kampfkraft aufrechtzuerhalten.

Obwohl Putin die Stabilität Russlands zerstört hat, wird ihm applaudiert und hofiert. Wird sich das je ändern?

Noch geniesst Putin ein hohes Vertrauen in der Bevölkerung. Die Mehrheit der russischen Bevölkerung ist apolitisch und überzeugt, politisch kaum etwas verändern zu können. Im heutigen Russland haben ausschliesslich sozial motivierte Proteste das Potenzial, sich zu wochen- und monatelangen landesweiten Massenprotestbewegungen zu entwickeln und der Regierung gefährlich zu werden. Solche Massenproteste können nur dann entstehen, wenn sich der Lebensstandard der Bevölkerung deutlich und rapide verschlechtert. Die sprichwörtliche Leidensfähigkeit der russischen Bevölkerung hat somit sehr klare Grenzen.

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