Basel: Schiesserei Müllheimerstrasse wird vor Strafgericht verhandelt

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Strafgericht BSFuss durchschossen und getreten, aber keiner will es gewesen sein

Ein 22-Jähriger wurde angeschossen und am Boden liegend zusammengetreten. Die Anklage glaubt, beide Beschuldigten seien schuld – die Verteidiger schossen sich auf den Mandanten des jeweils anderen ein.

von
Steve Last
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Am 29. Juni 2019 kam es in Basel zu einer Schussabgabe. Ein damals 22-Jähriger wurde am Fuss verletzt.

Am 29. Juni 2019 kam es in Basel zu einer Schussabgabe. Ein damals 22-Jähriger wurde am Fuss verletzt.

20min/News-Scout
Mit einer solchen Crvena Zastava vom Kaliber 7,62 Millimeter soll geschossen worden sein.

Mit einer solchen Crvena Zastava vom Kaliber 7,62 Millimeter soll geschossen worden sein.

Wikimedia/Schwedisches Armeemuseum
Zwei Beschuldigte müssen sich wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor dem Strafgericht Basel-Stadt verantworten.

Zwei Beschuldigte müssen sich wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor dem Strafgericht Basel-Stadt verantworten.

20min/Steve Last

Darum gehts

  • Ein Mann wurde durch einen Schuss aus einer Pistole verletzt und getreten, als er am Boden lag.

  • Die Staatsanwaltschaft will zwei Beschuldigte lange ins Gefängnis schicken und des Landes verweisen.

  • Die Verteidiger sehen die Schuld beim Mandanten des jeweils anderen.

Im Juni 2019 wurde in der Müllheimerstrasse in Basel ein 22-Jähriger angeschossen, und am Boden liegend noch zusammengetreten. Die Polizei konnte kurz darauf zwei Verdächtige verhaften, die sich nun wegen versuchter vorsätzlicher Tötung vor dem Strafgericht Basel-Stadt verantworten müssen.

Einer der beiden hatte bei der Anhaltung die Tatwaffe dabei, eine unregistrierte serbische Crvena Zastava Modell 70 vom Kaliber 7,62 Millimeter. Der andere trug Sportschuhe, deren Abdruck auf der Hand des Opfers gefunden wurde.

Keine DNA auf der Waffe, Schmauchspuren an den Beschuldigten

Am Donnerstag wurden die beiden Beschuldigten, zwei Türken im Alter von 47 und 33 Jahren, zu den Vorwürfen befragt. Der Ältere machte keine Angaben, ausser dass er nicht geschossen habe. Der Jüngere, der bei den ersten Einvernahmen angegeben hatte, der Schütze zu sein, dementierte das nun. Sein 47-jähriger Cousin soll geschossen haben, der 33-Jährige habe den Familienvater mit der Falschaussage schützen wollen.

DNA-Spuren wurden auf der Waffe keine gefunden. Wurde sie gereinigt? Nein, sagte der Jüngere. «Das erstaunt», fand das Gericht. Vor allem weil an beiden Beschuldigten Schmauchspuren nachgewiesen wurden – sie waren beide in unmittelbarer Nähe der Schussabgabe.

Haben beide geschossen?

Woher die Waffe stammte und wie die aus stumpfer Gewalteinwirkung resultierenden Verletzungen an das Opfer kamen, wollte keiner der beiden wissen. Und das Motiv? Der Ältere wurde vom Opfer angeblich erpresst und bedroht. Schutzgeld, hiess es. Oder Spielschulden? Beim 33-Jährigen wurde ein Schlüssel für Spielautomaten gefunden. Auf Nachfrage des Gerichts wollte aber keiner der beiden etwas mit Glücksspiel zu tun haben.

Nichts davon kaufte ihnen die Staatsanwaltschaft ab. Die beiden sollen im illegalen Glücksspiel tätig sein und haben in Mittäterschaft das Opfer von seinen Geldforderungen abbringen wollen – auch mit Gewalt, wie man sie sonst aus dem Drogenmilieu kenne. Beide wussten von der Waffe, beide haben geschossen, beide haben zugetreten, so die Anklage. Sie forderte für beide Beschuldigte Freiheitsstrafen von über acht Jahren sowie Landesverweise von zehn Jahren.

Oder keiner von beiden?

Dass keiner von beiden geschossen hat, ist sehr unwahrscheinlich. Beide Verteidiger argumentierten aber, dass der Mandant des jeweils anderen der Schütze war. Sie kritisierten, dass die Staatsanwaltschaft keinerlei konkrete Beweise dafür habe, dass einer der beiden Beschuldigten einen oder gar mehrere Schüsse abgab – oder auch nur von der Waffe wusste, bis es geknallt hat. Verschiedene Zeugen sahen jeweils nur einen der Männer mit der Pistole, aber nicht immer den gleichen, was den Anwälten Munition für ihre Versionen gab.

Die von der Staatsanwaltschaft argumentierte Mittäterschaft sei nur ein Vorwand, um beide zu bestrafen, weil man keinem etwas beweisen könne, wurde kritisiert. Beide Verteidiger forderten vollumfängliche Freisprüche sowie Entschädigungen für zu Unrecht ausgestandene Untersuchungshaft. Auf Landesverweise sei zu verzichten. Nun wird das Strafgericht das Knäuel an möglichen Abläufen entwirren müssen. Das Urteil ist für Dienstag, elf Uhr angekündigt.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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