Defibrillatoren-Wahn: Ein einig Volk von Lebensrettern
Aktualisiert

Defibrillatoren-WahnEin einig Volk von Lebensrettern

Die Schweiz ist im Defibrillatorenfieber. Es wird beschafft, was das Zeug hält. Politiker wollen eine Bevölkerung von Sanitätern. Experten plädieren für ein anderes System.

von
Joel Bedetti
Jeder kann Leben retten: Demonstration eines Defibrillators, 2008.

Jeder kann Leben retten: Demonstration eines Defibrillators, 2008.

Der Urknall erfolgt am 8. Juni 2006: Während einer Nationalratsdebatte bricht die SP-Rätin Bea Heim zusammen. Herzstillstand. Die Nationalrat-Ärzte Franco Cavalli, Paul Günter und Felix Gutzwiller machen sich an die Wiederbelebung. Gerettet wird Bea Heim aber vom Defibrillator, mit dem der Sicherheitsdienst herbeieilt.

Mit einem Mal nimmt die Nation zur Kenntnis, dass jährlich 8000 Menschen einen Herzstillstand erleiden – und weniger als fünf Prozent gerettet werden können. Da kommt die neue Wunderwaffe Defibrillator (auch AED genannt) wie gerufen. Wie ein Tsunami schwappt eine Defi-Welle über das Land.

First Response oder Public Access?

Am Anfang sind die Rettungsspezialisten froh, dass das Thema aufgegriffen wird. Dann aber macht sich bei ihnen Ernüchterung breit. Sie müssen mit ansehen, wie die die erhöhte Sensibilität für Herzstillstand zu einer blinden Beschaffungswut auszuarten droht (siehe Infobox).

Der Höhepunkt: Zwei Zürcher Kantonsräte forderten gestern, jedes Dorf im Kanton Zürich mit Defibrillatoren auszurüsten. Der Kantonsrat lehnt das Anliegen knapp ab.

Totaler Blindflug

Doch das Problem bleibt: Kantone, Städte, Gemeinden, Firmen, Sportclubs rüsten sich nahezu unkoordiniert mit Defibrillatoren aus. Niemand hat die Kontrolle, niemand hat die Übersicht.

Nicht einmal Joseph Osterwalder, Vizepräsident der Schweizer Reanimationsgesellschaft SRC und Notfallchef beim St. Galler Kantonsspital. «Niemand weiss, wie und wo hierzulande AED eingesetzt werden», sagt Osterwalder, es herrsche totaler Blindflug.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Wirtschaft den Braten gerochen hat. Waren früher bloss Spitäler und Rettungsdienste Kunden, könnte heute mit etwas Überzeugungskraft in jeder Dorfturnhalle ein Gerät stehen. Und billig sind die Dinger nicht: Ein AED kostet mindestens 2000 Franken; er muss gewartet werden; Leute müssen ausgebildet werden.

Schnelles Geld

Die grossen Defi-Hersteller schicken nun ihre Vertreter ins Land, um das neue Marktterrain zu erobern. «Ich erhalte regelmässig Mails von Gemeinden, bei denen Vertreter der grossen Hersteller vorgesprochen und suggeriert haben, heutzutage brauche man in jeder Turnhalle einen Defibrillator», sagt Ulrich Bürgi, Notfallchef im Kantonsspital Aarau und Präsident des Schweizer Notfallmedizinverbands SGNOR. Zudem würden in Fachzeitschriften zahlreiche Inserate geschaltet. «Mir ist etwas mulmig, dass sich damit so leicht Geld verdienen lässt», sagt der Rettungsexperte.

Politikern ist da nicht so mulmig zumute. Bea Heim ist, verständlich, nach ihrer Genesung zur eifrigen Defibrillatoren-Lobbyistin geworden. Sie propagiert das «Public-Access»-Modell: An öffentlichen Plätzen sollen Defis stehen. Im für Autofahrer obligatorischen Nothelferkurs sollen die Bürger den Gebrauch von Defibrillatoren lernen. Ein Volk von Rettungssanitätern soll entstehen.

Skeptische Experten

Die Experten stehen Bea Heims Idee skeptisch gegenüber. Sie sei teuer und bewirke wenig, so der Tenor.

Die Schweiz dauerhaft mit einem Netz von Defibrillatoren zu überziehen, würde Millionen kosten. Ulrich Bürgi sagt dazu: «Man muss sich überlegen, wie viel Geld es der Gesellschaft wert ist, einige Herztode zu vermeiden.» Bürgi meint das nicht zynisch: «Das Geld, das in eine ineffiziente Verbreitung von Defibrillatoren gesteckt würde, fehlt an anderen Orten – im Spital, in Altersheimen.» Er habe das Gefühl, dass um die Defibrillatoren in letzter Zeit eine Hysterie ausgebrochen sei.

Notfall: Wo ist der Defi?

Auch bei Joseph Osterwalder ist keine Begeisterung spürbar. «80 Prozent der Herzstillstände geschehen zuhause oder im Altersheim, da bringen Defibrillatoren an öffentlichen Orten nicht viel», sagt er.

Auch würden sich ganz praktische Fragen stellen. «Stellen Sie sich mal vor, man stationiert am Zürcher Hauptbahnhof einige Defibrillatoren. Wenn einer einen Herzstillstand hat, müssen sie als normaler Passant auch erst mal wissen, wo der Defi ist.» Zudem sei die Handhabung eines AED nicht so einfach wie man denke. Es brauche eine fundierte Ausbildung.

Im Nothelfer nur eine Filmvorführung

Genau dort liegt ein weiteres Problem. Auf eine Motion der Nationalrätin Bea Heim hat das eidgenössische Strassenamt Astra zusammen mit den Ausbildungsverbänden überlegt, wie man die Ausbildung am Defi in den Nothelferkurs integrieren kann. Das Resultat, so Thomas Hochstrasser von Astra: «Während des Kurses gibt es eine filmische Demonstration des Defibrillators. Eine richtige Ausbildung würde den Rahmen sprengen.» Man wolle im Nothelfer weiterhin auf das Verhalten bei Verkehrsunfällen fokussieren.

Die Wiederbelebungs-Experten Bürgi und Osterwalder plädieren deshalb für das sogenannte «First-Response»-Modell. Es sieht gemäss Joseph Osterwalder vor, in erster Linie, Polizei, freiwillige Feuerwehren, Angehörige von Samaritervereinen, aber auch die Angestellten des öffentlichen Verkehrs, Taxifahrer, Securitas, Personal in Supermärkten und auf Sportplätzen auszubilden.

Osterwalder begründet: «Bei diesen Gruppen kann man eine Defibrillatoren-Ausbildung zur Voraussetzung für den Job machen, ausserdem wissen sie im Notfall, wo sich der Defibrillator befindet.»

Der Taxifahrer als Sanitäter

Osterwalder schwebt zudem vor, dass man alle diese Organisationen mit dem Rettungsdienst verbindet. «Wenn beim Notruf ein Alarm eingeht, wird einfach die nächste Rettungseinheit dorthin beordert – das kann dann eben auch ein Taxifahrer sein.» Bis es soweit sei, so Osterwalder, werde noch viel Zeit vergehen.

Ulrich Bürgi sagt deshalb: «In erster Linie müssen wir uns darauf konzentrieren, dass Feuerwehr und Polizei mit diesen Geräten ausgerüstet werden.» Bei Herzstillständen im eigenen Haus, so Bürgi, die vier Fünftel aller Fälle betreffen, sei in urbanen Gebieten statistisch gesehen die Polizei am schnellsten vor Ort, im ländlichen Gebiet die freiwillige Feuerwehr.

Tessiner sind Vorbilder

Beide Experten sind aber der Meinung, dass die kommende Generation für den Gebrauch mit dem Defibrillator ausgebildet werden solle – wie das in Skandinavien längst der Fall sei. «Die Schulmedizin in der Schweiz ist spitze, aber mit der Einbindung der Gesellschaft befinden wir uns höchstens im europäischen Mittelfeld», sagt Osterwalder. Das müsse sich ändern.

Bürgi und Osterwalder hoffen, dass einige Kantone mit gutem Beispiel vorangehen. Joseph Osterwalder sagt: «Im Kanton Tessin ist das Modell die Ausstattung von Rettungskräften und der Vernetzung mit dem Notruf am weitesten fortgeschritten.» Bekanntlich ist es inzwischen so weit fortgeschritten, dass bald sogar Prostituierte zum First-Response-System gehören könnten.

Defis ohne Ende

Es wurden Geräte beschaffen was das Zeug hält. Eine kleine Auswahl aus dem Pressearchiv der vergangenen drei Jahre.

Mai 2008: Die Stadt Zürich installiert auf Initiative der Klinik für Kardiologie des Universitätsspitals neun Defibrillatoren an der Bahnhofstrasse.

Ende 2008: Der Berner SVP-Grossrat Thomas Fuchs reicht bei der Kantonsregierung eine Motion ein, die ein flächendeckendes Defibrillatorensystem fordert.

April 2009: Die Migros Ostschweiz rüstet 20 Filialen mit AED aus.

Juli 2009: St. Gallen stellt in 19 Verwaltungsgebäuden und Sportanlagen Geräte auf. Eine Initiative, den Defibrillator zum Unterrichtsstoff zu machen, scheitert.

August 2009: Nachdem die Stadtpolizei einem 73-jährigen Mann mittels eines Defibrillators aus einer nahegelegenen Apotheke das Leben rettet, rüstet die Stadtpolizei ihre gesamte Streifenwagen-Flotte mit dem Gerät aus.

Juli 2009: Rapperswil-Jona beschliesst, bis 2012 das Stadtgebiet mit 150 solchen Geräten auszurüsten.

Februar 2010: Die Ärzte Jean-Jaques Fasnacht und Robert Greuter fordern im Zürcher Kantonsrat, in jedem Dorf des grössten Kantons einen AED aufzustellen. Sie scheitern knapp.

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