Jim Crow Museum: Ein Endlager für «Rassisten-Müll»
Aktualisiert

Jim Crow MuseumEin Endlager für «Rassisten-Müll»

Er sammelt, was er hasst: Seit den 70ern fahndet David Pilgram nach rassistischen Objekten. Seine Kollektion giftigen Gedankenguts präsentiert der schwarze Soziologe nun in einem US-Museum.

von
P. Dahm

«Ihre Sammlungen geben den meisten Sammlern ein beruhigendes Gefühl. Ich habe meine gehasst und war erleichtert, als sie nicht mehr in meinem Haus war», schreibt David Pilgram auf «seiner» Website. Kein Wunder, denn das Forschungsgebiet des Afro-Amerikaners ist Rassismus. «Meine kleinen Kinder streiften durch den Keller und spielten mit ‹Papas Puppen› - zwei Puppen in voller Ku-Klux-Clan-Montur.» Der Soziologe wird am 26. April in Big Rapids in Massachusetts das «Jim Crow Museum of Racist Momorabilia» (siehe Infobox rechts) eröffnen.

Zu den 9000 Ausstellungsstücken hat er selbst rund 4000 beigesteuert. «Ich bin ein Müllsammler. Rassisten-Müll», beschreibt Pilgram. Anfang der 70er kaufte er in seiner Heimat Mobile, Alabama, erstmals fragwürdige «Kunst». Das Sujet war die «Mammy», die dicke, schwarze Hausfrau. «Ich war 12 oder 13. Der Gegenstand war klein, vielleicht ein Mammy-Salzstreuer. Nachdem ich bezahlt hatte, warf ich ihn auf den Boden und zerschmetterte ihn. Es war kein politischer Akt. Ich hasste es einfach.»

Tinte als «Neger-Milch»

Pilgram findet seither ständig rassistische Ware - wie das New Yorker Puzzle von 1874, das «Zerschnittene Nigger» heisst. Oder das Kartenspiel «72 Party-Tricks in Bildern» von 1930, das auffordert: «Spielen sie die Emotionen nach, die ein farbiger Junge beim Essen einer Wassermelone empfindet.» Es bleibt nicht bei Verbal-Entgleisungen: «Es gibt Postkarten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die zeigen, wie Schwarze ausgepeitscht werden oder tot von Bäumen baumeln. Postkarten oder Fotos von gelynchten Schwarzen werden bei eBay für jeweils 400 Dollar verkauft.»

1988 wird Pilgram in einem Antiquitätengeschäft in LaPorte, Indiana fündig. Eine Werbung in einer US-Zeitung zeigt 1916 ein schwarzes Kind, das aus einem Tintenfass trinkt. Darunter steht: «Nigger Milk». «Es war gerahmt und wurde für 20 Dollar verkauft. Der Verkäufer schrieb ‹Schwarzen-Bild› auf die Quittung. Ich sagte ihr, sie solle ‹Nigger-Milch-Bild› schreiben. ‹Wenn sie es verkaufen, müssen sie es beim Namen nennen›, sagte ich ihr. Sie lehnte das ab. Wir haben uns gestritten.» Inzwischen kaufe er seine Sammlerstücke meistens, ohne noch gross darüber zu reden.

«Es war eine Kammer des Schreckens»

Das Treffen mit einer schwarzen Antiquitätenhändlerin aus Indiana öffnet Pilgram anno 1991 die Augen. «Ich erzählte ihr von meiner Sammlung. Sie wirkte unbeeindruckt. Ich beschrieb, wie ich die rassistischen Objekte nutzen wollte, um über Rassismus aufzuklären. Sie war wieder nicht beeindruckt.» Schliesslich willigte die Frau ein, ihm versteckte Stücke zu zeigen, nachdem sie den Laden geschlossen hatte.

«Dort waren Hunderte, vielleicht Tausende von Objekten. Ich werde nie diese Gefühl vergessen, als ich ihre Sammlung sah. Es war Trauer. Eine dicke, kalte Trauer. Es war eine Kammer des Schreckens. Ich wollte weinen. Es war der Moment, in dem ich mich entschloss, das Museum zu gründen.» Die Frau hatte die meisten der Stücke in den 70ern und 80ern geschenkt bekommen, als die Weissen sich noch schämten, derartiges im Haus zu haben. Sie habe bloss gesagt: «Wir dürfen nicht vergessen, Baby.»

Barack Obama als Affe

Mit dem Civil Rights Act von 1964 endet formal die Rassentrennung und auch das Mammy-Klischee der dicken schwarzen Hausfrau ist bald Schnee von gestern. Doch das naive Kindermädchen von einst wurde einfach von der hypersexuellen schwarzen Abweichlerin ersetzt. Auch das Vorurteil des «faulen Feldarbeiters» existiert noch, so Pilgram. «Schwarze Sozialhilfebezieher werden als träge Parasiten gesehen.» Seit Jahrhunderten gebe es eine Angst vor gewalttätigen Schwarzen - insbesondere vor den jungen. Heute lebe sie durch «Portraits von Schwarzen als Verbrecher, als Gangster und als Bedrohung der Gesellschaft» in der Gesellschaft weiter.

Seit knapp 40 Jahren kämpft Pilgram gegen Rassismus. Mit der Eröffnung des «Jim Crow Museums» am 26. April hat er ein wichtiges Etappenziel erreicht. Der 1,3 Millionen Dollar teure Bau an der Ferris State University soll «Leute dazu bringen, tief in sich zu gehen», wünscht sich der Soziologe. Bedarf ist nach wie vor da. Das zeigen T-Shirts mit der Aufschrift «Obama 08», die einen Affen mit einer Banane zeigen. Oder die Shirts der Rassisten für die kommende Präsidentenwahl. Auf ihnen prangt: «Irgendein weisser Typ 2012».

Dieses Video räumt mit Hollywoods Klischees über Afrikaner auf. Quelle: YouTube

Ein englischsprachiger Bericht der Nachrichtenagentur AP zur Eröffnung des «Jim Crow Museums» in Massachusetts. Quelle: YouTube/AssociatedPress

Die Jim-Crow-Gesetze

Zwischen 1876 und 1965 galten in den USA die sogennanten Jim-Crow-Gesetze, die die Rassentrennung nach dem Ende amerikanischen Bürgerkriegs in den Südstaaten festschrieben. Der Name entspringt dem rassistischen Lied «Jump Jim Crow» und gilt als abfälliges Wort für Farbige.

Louisiana den «Separate Car Act», der getrennte Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln vorschreibt. Die in der US-Verfassung garantierte Gleichheit wird mit dem Hinweis «equal but seperate» gekontert: Angeblich würden alle Hautfarbe gleich, aber getrennt behandelt.

Homer Plessy, der zu einem Achtel schwarz ist, das gesetzt auf die Probe. Er setzt sich auf einen für Weisse reservierten Sitz und wird verhaftet. 1896 entscheidet der Oberste Gerichtshof der USA, dass die Verhaftung zulässig ist. Solange beiden Hautfarben Sitze angeboten würden, sei die Rassentrennung legal.

Einige Beispiele, wie die Jim-Crow-Mentalität den Alltag durchdrang:

- Ein Schwarzer durfte einem Weissen nicht die Hand anbieten, weil das soziale Gleichheit suggeriert hätte. Hautkontakt mit einer weissen Frau konnte eine Vergewaltigungsklage nach sich ziehen. Auch Frauen Feuer zu geben, war nicht erlaubt.

- Schwarze durften nicht mit Weissen essen. Liess sich das nicht umgehen, wurden die Weissen zuerst bedient.

- Schwarze durften in der Öffentlichkeit keine Zuneigung füreinander zeigen, weil das Weisse stören könnte.

- Schwarze wurden Weissen vorgestellt, nie umgekehrt. Die Schwarzen wurden dabei stets nur beim Vornamen genannt.

- Im Strassenverkehr durften schwarze nur auf der Rückbank oder der Ladefläche sitzen, wenn sie mit Weissen unterwegs waren. Vorfahrt hatten grundsätzlich immer die Weissen.

Georgia getrennte Parks für Weisse und Schwarze ein. Farbige Coiffeure durften keine weisse Frauen frisieren. Auf dem Friedhof und in Irrenanstalten durften die Rassen nicht vermischt werden. Die Rassentrennung galt selbst beim Alkoholverkauf.

Alabama wurden die Rassen nicht nur in Bussen getrennt, sondern auch in Wartehallen und an Ticket-Schaltern. Weisse Krankenschwestern durften keine Schwarzen behandeln. Die Stadt Birmingham verbot 1930 sogar das Domino-Spiel zwischen den Hautfarben.

Oklahoma verbot weissen Lehrern, Schwarze zu unterrichten – und umgekehrt. 1935 erklärte der Staat, dass es illegal sei, wenn die Hautfarben miteinander Boot fahren.

North Carolina waren die Bibliotheken nach Rasse getrennt. Das galt auch für die lokale Miliz.

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