Gouverneur Scott Walker: Ein «Everyman» will ins Weisse Haus
Aktualisiert

Gouverneur Scott WalkerEin «Everyman» will ins Weisse Haus

Als politischer Überlebenskünstler hat Scott Walker den US-Staat Wisconsin umgekrempelt. Jetzt will der Republikaner Präsident werden.

von
Martin Suter
New York
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REPUBLIKANER: Mit John Kasich, dem Gouverneur von Ohio, haben bereits 16 Republikaner offiziell ihre Kandidatur für die US-Präsidentschaft angemeldet. Die folgenden Bilder reihen sie nach Popularität auf (Stand: 21. Juli 2015).

REPUBLIKANER: Mit John Kasich, dem Gouverneur von Ohio, haben bereits 16 Republikaner offiziell ihre Kandidatur für die US-Präsidentschaft angemeldet. Die folgenden Bilder reihen sie nach Popularität auf (Stand: 21. Juli 2015).

AP/John Minchillo
Jeb Bush, 62, Ex-Gouverneur von FloridaStärken: Exekutiverfahrung, berühmter Name, viel Geld Schwächen: Bruder von George W. Bush, introvertiert-ungelenk  Chancen: gut bis sehr gut.

Jeb Bush, 62, Ex-Gouverneur von FloridaStärken: Exekutiverfahrung, berühmter Name, viel Geld Schwächen: Bruder von George W. Bush, introvertiert-ungelenk Chancen: gut bis sehr gut.

AP/Charlie Neibergall
Scott Walker, 47, Gouverneur von WisconsinStärken: Exekutiverfahrung als Gouverneur, Siege gegen GewerkschaftenSchwächen: aussenpolitisches GreenhornChancen: gut bis sehr gut

Scott Walker, 47, Gouverneur von WisconsinStärken: Exekutiverfahrung als Gouverneur, Siege gegen GewerkschaftenSchwächen: aussenpolitisches GreenhornChancen: gut bis sehr gut

AP/Charlie Neibergall

Wenn Scott Walker etwas anpackt, dann fallen drei Eigenschaften bei ihm auf: Er macht einen harmlosen Eindruck, steckt sich ein hohes Ziel und zeigt eine unbeugsame Entschlossenheit. All dies kann der 47-jährige Gouverneur von Wisconsin gebrauchen, da er nun als 15. Republikaner ins Rennen um das Weisse Haus steigt.

Walker wartete mit dem Startschuss zu seiner Kampagne bis am Montag zu, weil er erst das Budget des mittelwestlichen US-Gliedstaats unter Dach und Fach bringen wollte. Am Morgen schrieb er in einem Tweet: «Ich bin dabei ... weil die Amerikaner einen Anführer verdienen, der für sie kämpfen und gewinnen wird.»

Am späten Nachmittag dann hielt er in der Republikanerhochburg Waukesha seine Ankündigungsrede. Mit kraftvollen Sätzen, wenn auch ohne rhetorische Höhenflüge, hielt er seine Leistungen als Gouverneur hoch. Nach dem Vorbild Ronald Reagans trat er dafür ein, die Macht Washingtons zu beschneiden: «Ich glaube, dass du dein Geld viel besser ausgeben kannst als der Staat – und das wird dem Wirtschaftswachstum helfen.»

Im Vergleich zu seinen Rivalen für die Nomination als republikanischer Kandidat hat Walker gute Karten. Im Durchschnitt der letzten landesweiten Umfragen liegt er hinter Jeb Bush, dem Sprössling einer berühmten Präsidentenfamilie, an zweiter Stelle. In Wisconsins wichtigem Nachbarstaat Iowa lässt er sich seit Februar nicht vom ersten Platz verdrängen.

Brach die Macht der Gewerkschaften

Der in einfachsten Verhältnissen aufgewachsene Sohn eines Pfarrers und einer Teilzeitsekretärin ist vor allem bei Konservativen populär. Er ist ihr Held, weil er in seinen vier Jahren als Gouverneur die Macht der Gewerkschaften brach. Kaum ins Amt gewählt, überraschte Walker 2011 mit einer Vorlage, die den Beamtengewerkschaften Lohnverhandlungen verbot – ausgerechnet in dem Gliedstaat, wo 1939 die erste Gewerkschaft des öffentlichen Diensts gegründet wurde.

Die demokratische Parlamentsminderheit versuchte alles, um das Gesetz zu verhindern. Abgeordnete flüchteten aus Wisconsin, um nicht abstimmen zu müssen. Bis zu 100'000 Protestierende besetzten das Kapitol in krawallartigen Szenen, die im ganzen Land Schlagzeilen machten.

Überlebenskünstler gewann alle Schlachten

Doch Walker blieb hart. Er brachte nicht nur das Gesetz durch. In der Folge überstand er als erster Gouverneur der US-Geschichte den Versuch der politischen Gegner, ihn mitten in der Legislaturperiode abzuwählen. Nachdem er Wisconsin tiefgreifend verändert hatte, gewann der politische Überlebenskünstler vergangenes Jahr erst noch die Wiederwahl für eine zweite Amtszeit.

Jetzt kündigt Walker an, als Präsident das ganze Land in gleicher Weise umzukrempeln. Er glaubt, dies als Mann aus dem Volk besser tun zu können als andere. Walker kommt als freundlicher Durchschnittsbürger daher. Er brach seine College-Ausbildung vorzeitig ab. Er trägt gern Bluejeans und mäht den Rasen vor dem Haus selbst. Am liebsten fährt er auf seiner 2003er Harley Davidson Road King durch die Gegend. Und angeblich packt er jeden Tag zwei Schinkensandwiches für den Lunch ein.

Aussenpolitischer Anfänger

Hinter dem «Everyman» steckt aber ein gewiefter Stratege. Walker hat ein landesweites Netz von Sponsoren geknüpft, darunter die Milliardärsbrüder Charles und David Koch. Im Buhlen um den rechten Flügel der Partei hat Walker seine Positionen zur illegalen Einwanderung, Abtreibung und Homo-Ehe verschärft.

Probleme drohen dem Kandidaten beim Thema Aussenpolitik. Als Novize auf dem nationalen und internationalen Parkett fehlt ihm jede Weltläufigkeit. Den Mangel an Erfahrung hat er in einem Schnellkurs bei Experten wettzumachen versucht.

Wichtige Wählergruppen ignoriert

Problematisch könnte auch sein, dass Walker den tendenziell weissen, männlichen und älteren Kern der Republikaner anspricht. Andere Anwärter wie etwa Senator Marco Rubio aus Florida scheinen eher geeignet, unter den mehrheitlich demokratisch wählenden Frauen, Jungen und Minderheiten Anhänger zu finden.

Wie «Politico» schreibt, haben die Rivalen Walker zu respektieren gelernt. Sie anerkennen ihn als «seltenen und aussergewöhnlich schlauen Politiker, der ständig unterschätzt wird und die Erwartungen immer wieder übertrifft».

Scott Walkers Video zum Kampagnenstart (auf Englisch):

(Quelle: Youtube/Scott Walker)

Ehefrau zwölf Jahre älter

Scott Walkers Gattin Tonette, geborene Tarantino, gilt als starke Persönlichkeit. Der Gouverneur sagt, sie habe ihm «Stahl ins Rückgrat» eingepflanzt. Die heute 59-Jährige verlor im 30. Altersjahr ihre Grossmutter, ihren Bruder und ihren ersten Ehemann. Walker heiratete die einer demokratischen Familie entsprungene Versicherungsangestellte 1993. Das Ehepaar hat die beiden Söhne Matt, 21, und Alex, 20.

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