Schweizermacher: Ein Fehler zu viel
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SchweizermacherEin Fehler zu viel

Er lebt seit 45 Jahren in der Schweiz. Ist selbständiger Unternehmer und klopft am Stammtisch auch mal auf den Tisch. Eingebürgert wurde Carmine Ambrosio trotzdem nicht. Er hat die Prüfungen nicht bestanden.

«Ich bin enttäuscht, aber nicht wütend.» Dem 65-jährige Italiener Carmine Ambrosio wurde am Dienstagabend das Schweizer Bürgerrecht von der Gemeindeversammlung Oberglatt verweigert. Mit 26 zu 8 Stimmen bei 10 Enthaltungen wurde sein Gesuch abgelehnt.

«Ich hätte nicht gedacht, dass sie mich ablehnen, viele dieser Leute habe ich in meinem Taxi gefahren.» Der selbständige Taxiunternehmer wohnt seit 45 Jahren in der Schweiz und seit 27 Jahren in Oberglatt. Er sagt: «Ich kenne jede Strasse und habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen – ich bin sauber wie frisch aus der Dusche.»

Trotzdem folgte die Gemeindeversammlung dem Vorschlag des Gemeinderates und lehnte Ambrosios Gesuch ab. Der Gemeindepräsident Werner Stäheli erklärte: «Herr Ambrosio hat weder den vorgeschriebenen Staatskunde-, noch den Deutschtest bestanden.» Diese Tests sind in Oberglatt und zahlreichen anderen Gemeinden im Zürcher Unterland die Einbürgerungsgrundlage. Besteht sie jemand nicht, wird sein Antrag abgelehnt.

Nur mündlich ein Schweizer

Ambrosio hat keinen der beiden Tests bestanden, auch beim zweiten Mal nicht. Ob er zu wenig gelernt hat, wurde er oft gefragt. Er glaubt nicht. Zumindest hat er gekämpft. Denn

dass es trotzdem zur Abstimmung vor der Gemeindeversammlung kam, ist auf ausdrücklichen Wunsch von Ambrosio erfolgt. «Ich habe nichts gegen diese Tests», sagt er, «aber ich kann nicht verstehen, dass nur anhand von diesen entschieden wird.»

Deshalb wollte der 65-jährige den Leuten gerne erklären, was die Schwierigkeiten bei den Tests waren. Dass er schrecklich nervös war, dass 30 Leute im selben Raum waren oder dass viele seiner Schweizer Freunde auch nicht wüssten, wie viele Dörfer der Kanton Zürich hat. Und dass es ihm trotzdem fast gereicht hat: «Ein Fehler weniger und ich hätte beim zweiten Mal den Staatskundetest bestanden.» Er hätte ihnen gerne auch gesagt, dass er im Deutsch den mündlichen Teil problemlos bestanden hat, dass das Schreiben aber sein Problem war, «aber ich schreibe ja fast nie, auch nicht auf italienisch».

Das alles durfte er aber nicht sagen. Denn «vor der Gemeindeversammlung darf nur sprechen, wer stimmberechtigt ist», wie Gemeindeschreiber Christian Fuhrer gegenüber 20 Minuten Online erklärt. Und auch vor dem Gemeinderat darf man erst vorsprechen, wenn man die beiden Test bestanden hat. Das ärgert Ambrosio: «Ich finde es lausig, dass man nicht reden kann. Ich sage nicht, dass man mischlen soll, aber miteinander reden.»

Tests bald flächendeckend im Kanton Zürich?

Gemeindepräsident Stäheli ist sich der Schwierigkeit bewusst, sagt aber: «Irgendeine Linie müssen wir ja haben und wir haben mit den einheitlichen Tests gute Erfahrungen gemacht.» Deshalb, geht es nach dem Kanton Zürich, sollen die Tests auch flächendeckend eingeführt werden. Ein entsprechender Gesetzesentwurf ist vergangenen Freitag an einer Medienkonferenz vorgestellt worden (siehe Kontext-Box).

Carmine Ambrosio fehlte ein mickriger Punkt. Er sagt trotzdem: «Mein Fleisch mag Italienisch sein, aber ich gehöre hier her.»

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