Wasserleiche in Strapsen: «Ein Fettpanzer kann eine Leiche lange erhalten»
Aktualisiert

Wasserleiche in Strapsen«Ein Fettpanzer kann eine Leiche lange erhalten»

Niemand weiss, wer die Wasserleiche aus dem Brienzersee ist – sie könnte seit den 50er Jahren im See gelegen haben. Warum sie sich nicht zersetzte, erklärt ein Rechtsmediziner.

von
cho

Professor Christian Jackowski erklärt, wie sich eine Leiche Jahrhunderte im Wasser halten kann. (cho)

Der Fund, der im Dezember 2014 beim Brienzersee ans Ufer geschwemmt wurde, lässt erschauern: Eine Wasserleiche, grau verfärbt, ohne Kopf und nur mit Nylon-Strümpfen und Strapsen bekleidet. Die Kapo Bern informierte erst am Mittwoch über den Fund des weiblichen Leichnams. Noch ist unklar, wer die Frau ist und aus welcher Zeit sie stammt: «Wir gehen davon aus, dass die Leiche bereits mehrere Jahrzehnte im Wasser war», so Kapo-Sprecher Christoph Gnägi.

Professor Christian Jackowski (41), Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Uni Bern (IRM), hatte mit der Leiche zu tun: «Es handelte sich dabei um einen sogenannten Fettwachsleichnam.» Wenn eine Wasserleiche trotz Fäulnisgasen nicht an die Wasseroberfläche komme, würden sich die Körperfette in der sauerstoffarmen Umgebung nach einer gewissen Zeit in eine weisse, krümelige, wachsähnliche Masse verwandeln. Jackowski: «Dieser Fettpanzer kann eine Leiche relativ umfassend und über einen langen Zeitraum erhalten.»

200 Jahre alte Leiche im Brienzersee

Wie lange eine solche Leiche erhalten bleibt, zeigt ein anderer Fall aus dem Brienzersee. Vor gut 20 Jahren wurde dort eine Fettwachsleiche gefunden, die aus dem 18. Jahrhundert stammen soll. Im IRM taufte man den Leichnam liebevoll «Brienzi». Aus diesem Grund seien Fettwachsleichen für Rechtsmediziner besonders interessant. Jackowski: «Man weiss nie, aus welchem Zeitalter die Person kommt.» Von zwei- bis über fünfhundert Jahren sei alles möglich.

Strümpfe als Zeitzeugen

Auch im Falle der Leiche von 2014 liefert lediglich der Kunstfaserstrumpf, welcher an Strapsen getragen wurde, einen Hinweis auf die Lebzeiten der Frau. «Diese sogenannten Perlonstrümpfe wurden ab den 40er-Jahren produziert und in den 60ern von Strumpfhosen abgelöst», sagt Michaela Reichel, Direktorin des Textilmuseum St. Gallen.

Woran die Frau verstarb, ist nicht bekannt. Dass dem Leichnam der Kopf und einige Gliedmassen fehlten, würde nicht auf die Todesursache deuten, so Rechtsmediziner Jackowski: «Die Glieder lösen sich oft durch mechanische Einwirkung nach einiger Zeit vom Körper.» Daher sei es auch nicht möglich, die genaue Todesursache der Frau aus dem Brienzersee zu bestimmen.

Das ungefähre Alter der Frau wurde anhand verschiedener Knochenmerkmale festgestellt. Sie soll beim Zeitpunkt des Todes zwischen 30 und 50 Jahre alt gewesen sein.

War es eine Wanderarbeiterin?

Die Kantonspolizei Bern bittet die Bevölkerung beim Fall um Hilfe. Sie sucht etwa Hinweise zu Frauen, welche seit mehreren Jahrzehnten verschwunden sind, aber bislang nicht als vermisst gemeldet wurden.

«Während dieser Epoche kamen viele Ausländer aus Italien, Spanien, Portugal und Jugoslawien als Saisonniers in die Schweiz um zu arbeiten», weiss der Berner Historiker Sacha Zala. Frauen seien in etwa in die Schweiz gekommen, um als Dienstmädchen zu arbeiten.

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