«Time-Out»: Ein Finale für den Literatur-Nobelpreis
Aktualisiert

«Time-Out»Ein Finale für den Literatur-Nobelpreis

Zum ersten Mal seit der Einführung der Playoffs müssen Meisterwürdigungen nicht mehr neu geschrieben werden. Das Finale von 2012 beschert uns ein erstaunliches Kapitel in der Kulturgeschichte der Sport-Literatur

von
Klaus Zaugg
Noch nie haben zwei so ähnliche Mannschaften wie der SCB und die ZSC Lions das Playoff-Finale bestritten.

Noch nie haben zwei so ähnliche Mannschaften wie der SCB und die ZSC Lions das Playoff-Finale bestritten.

Sobald die Entscheidung in einem Playoff-Finale fallen kann, werden Meisterportraits geschrieben. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Würdigung, Analyse, Heldenverehrung, Rückblick, Ausblick und Jubel. Diese Schriftstücke müssen fertig sein, bevor das entscheidende Spiel beginnt.

Mit den Meisterwürdigungen, die seit Einführung der Playoffs geschrieben und doch nie publiziert worden sind, liesse sich ein Buch füllen. Immer dann, wenn es zum 7. Spiel kommt, müssen sogar für beide Varianten Meisterportraits verfasst werden. Und so bleibt immer eine dieser Variante dem Volke so wenig zugänglich wie das sechste und siebte Buch Mose. Es handelt sich sozusagen um Untergrund-Literatur.

Meisterwürdigungen lieben bereit

Es sind meist sehr schöne, gut geschriebene Texte. Weil der Zeitdruck wegfällt, wird mit der Nagelfeile redigiert, die Wortwahl ist sorgfältiger und kreativer als in den unter Zeitdruck komponieren Matchberichten. Es ist eine ganz besondere Literaturform. Vom Stil her eine Mischung aus volkstümlichen Kalender-Geschichten und Trivial-Literatur. Die SCB-Meisterwürdigungen liegen seit Donnerstag bei allen grossen Tageszeitungen bereit und seit Freitag haben nun auch alle Sonntagsblätter die SCB-Meisterportraits vorbereitet.

Matthias Seger vermiest SCB-Meisterfeier

Was steht in den bereits verfassten SCB-Meisterwürdigungen? Da ich im Laufe der letzten 25 Jahre auch schon einige verfasst habe, kann ich etwas über die möglichen Inhalte sagen.

Seger zum Playoff-Final Nr. 5

Die Hunde des Zynismus und der Polemik werden an die kurze Leine genommen und mit einem Maulkorb zum Schweigen gebracht. Weil nun grosses Lob verteilt wird:

- An SCB-General Marc Lüthi, weil er zum richtigen Zeitpunkt den Trainer gewechselt hat (Törmänen für Huras). Das Risiko habe sich gelohnt, einen Trainer zu engagieren, der unser Eishockey noch nicht kannte.

- Torhüter Marco Bührer wird ein weiteres Mal in den Adelsstand der grossen Goalies erhoben (es wäre nach 2004 und 2010 sein dritter Meistertitel). Es wird explizit erwähnt, dass Bührer mental ganz stark geworden sei – er habe seine Fehler wegstecken können.

- Gerühmt wird Trainer Antti Törmänen, weil er das richtige taktische Konzept für seine Spieler gefunden habe. Sodann wird festgestellt, dass die Chemie in der Kabine gut war, dass Eishockey eben Mannschaftssport sei und die Berner gerade im Bereich Teamwork besser gewesen seien.

- Die Bedeutung der SCB-Ausländer wird relativiert und es wird darauf hingewiesen, dass der während der Saison geholte, auffällig unauffällige Kanadier Geoff Kinrade in der Verteidigung eine ganz zentrale Rolle gespielt habe. Es wird festgestellt, dass die SCB-Ausländer nicht charismatische Stars seien. Sondern eher Ergänzungsspieler, die sich nicht zu schade sind, für die Schweizer zu arbeiten.

- Hervorgehoben wir die Rolle der SCB-Routiniers, die eben aus Erfahrung wissen, wie man Meisterschaften gewinnt und gewürdigt wird die Leistung des alternden Leitwolfes Ivo Rüthemann.

- Es wird betont, dass die Härte von Spielern wie Tristan Scherwey oder Thomas Déruns sehr wichtig für den richtigen Mix im Team gewesen sei. Aber die Prügelattacke von Johann Morant wird als unnötig gebrandmarkt und verurteilt. Eine solche Aktion sei in diesem fairen Finale nicht nötig gewesen.

- Die Dynamisierung der Mannschaft durch den Einbau junger Talente wie Joel Vermin wird noch einmal unterstrichen, und es gibt ein Lob für die exzellente Nachwuchsarbeit. Und es habe dem SCB bei seiner extremen Defensiv-Taktik geholfen, dass die Schiedsrichter sehr grosszügig waren und fast alles laufen liessen. Auf jeden Fall sei der Titelgewinn verdient.

Meisterwürdigungen für beide Teams anwendbar

Was aber, wenn der SCB am Samstag verlieren und die ZSC Lions im 7. Spiel den Titel holen? Müssen wir dann alle schon fertig geschriebenen SCB-Meisterwürdigungen vernichten und wieder von vorne anfangen? Nein. Die SCB-Meisterwürdigung kann nämlich mit ein paar Handgriffen auf den ZSC umgepolt werden. Zum ersten Mal sind die Meisterwürdigungen für beide Teams anwendbar.

Das grosses Lob wird einfach neu verteilt:

- An ZSC-Sportchef Edgar Salis, weil er zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Trainer geholt hat (Bob Hartley) und das Risiko habe sich gelohnt, einen Trainer zu engagieren, der unser Eishockey noch nicht kannte.

- Torhüter Lukas Flüeler wird in den Adelsstand der grossen Goalies erhoben (es wäre ja sein erster Meistertitel). Es wird explizit erwähnt, dass Flüeler mental ganz stark geworden sei – er habe seine Fehler wegstecken können.

- Gerühmt wird Trainer Bob Hartley, weil er das richtige taktische Konzept für seine Spieler gefunden hat. Sodann wird festgestellt, dass die Chemie in der Kabine gut war, dass Eishockey eben Mannschaftssport sei und die Zürcher gerade im Bereich Teamwork besser gewesen seien.

- Die Bedeutung der ZSC-Ausländer wird relativiert und es wird darauf hingewiesen, dass der während der Saison geholte, auffällig unauffällige Kanadier Steve McCarthy in der Verteidigung eine ganz zentrale Rolle gespielt habe. Es wird festgestellt, dass die ZSC-Ausländer nicht charismatische Stars seien. Sondern eher Ergänzungsspieler, die sich nicht zu schade sind, für die Schweizer zu arbeiten.

- Hervorgehoben wir die Rolle der ZSC-Routiniers, die eben aus Erfahrung wissen, wie man Meisterschaften gewinnt und gewürdigt wird die Leistung des alternden Leitwolf Mathias Seger.

- Es wird betont, dass die Härte von Spielern wir Mark Bastl oder Cyrill Bühler sehr wichtig für den richtigen Mix im Team sei. Aber die Prügelattacke von Johann Morant wird als unnötig gebrandmarkt und verurteilt. Eine solche Aktion sei in diesem fairen Finale nicht nötig gewesen.

- Die Dynamisierung der Mannschaft durch den Einbau junger Talente wie Luca Cunti wird noch einmal unterstrichen und es gibt ein Lob für die exzellente Nachwuchsarbeit. Und es habe den ZSC Lions bei seiner extremen Defensiv-Taktik geholfen, dass die Schiedsrichter sehr grosszügig waren und fast alles laufen liessen. Auf jeden Fall sei der Titelgewinn verdient.

Meisterwürdigungen sind ja genau gleich

Jetzt müssen wir doch kurz inne halten: Ob nun der SCB Meister wird oder die ZSC Lions triumphieren: Die Meisterwürdigungen sind ja genau gleich. Mit der gleichen Geschichte zwei ganz verschiedene Geschichten erzählen – eigentlich etwas für den Literatur-Nobelpreis.

Früher mussten Meisterwürdigungen völlig neu geschrieben werden. Es machte einen Unterschied, ob der HC Davos mit Arno Del Curto oder Kloten Flyers den Titel holte. Ob der SC Bern oder Gottéron mit Slawa Bykow und Andrej Chomutow. Ob der HC Lugano oder die ZSC Lions. Ob HC Davos oder der HC Lugano. Ob Servette oder die ZSC Lions. Ob der SC Bern oder der HC Lugano. Zu unterschiedlich jeweils die Trainer, deren Taktik, das Management, die finanziellen Möglichkeiten, die Bedeutung der Stars in der Mannschaft, die Qualität der Ausländer und die Kultur der betreffenden Unternehmen.

Noch nie haben zwei so ähnliche Mannschaften das Finale bestritten. Der Einwand, es gebe doch zwischen den ZSC Lions und dem SC Bern einen ganz fundamentalen Unterschied in der Finanzierung, scheint berechtigt: Bei den ZSC Lions begleicht die wohlbestallte Männerrunde um Walter Frei jedes Jahr ein Defizit in mehrfacher Millionenhöhe. Der SCB aber erwirtschaftet dank seiner inzwischen 16 Beizen umfassenden Gastronomie schwarze Zahlen.

Bei Lichte besehen gibt es auch in diesem Bereich keinen Unterschied. Beide Klubs werden im Wirtshaus finanziert. Beim SC Bern durch die konsumierenden Gäste, bei den ZSC Lions durch die Männerrunde, die in einer Zürcher Nobelbeiz im Hinterzimmer tagt und unter sich ausjasst, wer wie viel ans Defizit beisteuert.

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