Ungarn: Ein Foto, das die Schlepper freut
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UngarnEin Foto, das die Schlepper freut

Vertrauen sich Flüchtlinge den ungarischen Behörden an, sitzen sie fest. Ihr Ziel, Deutschland, rückt in weite Ferne. Darum dürften sie sich eher an Schlepper wenden.

von
gux
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Harren seit gestern in Bicske aus: 500 syrische Flüchtlinge, die nicht in Ungarn stecken bleiben, sondern nach Deutschland oder Schweden weiterfahren wollen, wo viele von ihnen Verwandte oder Bekannte haben.

Harren seit gestern in Bicske aus: 500 syrische Flüchtlinge, die nicht in Ungarn stecken bleiben, sondern nach Deutschland oder Schweden weiterfahren wollen, wo viele von ihnen Verwandte oder Bekannte haben.

epa/Herbert P. Oczeret
Szenen wie diese versinnbildlichen die Verzweiflung: Dieser Mann warf sich mit seiner Frau und dem Baby auf die Gleise, als Beamte die Familie ins Auffangzentrum bringen wollten.

Szenen wie diese versinnbildlichen die Verzweiflung: Dieser Mann warf sich mit seiner Frau und dem Baby auf die Gleise, als Beamte die Familie ins Auffangzentrum bringen wollten.

Die Beamten zerren den schreienden Mann weg ...

Die Beamten zerren den schreienden Mann weg ...

AP/Petr David Josek

500 Menschen harren in der ungarischen Stadt Bicske aus. Nicht, dass sie hierher kommen wollten: Die mehrheitlich syrischen Flüchtlinge bestiegen gestern in der Annahme, nach Sopron in der Nähe der österreichischen Grenze zu fahren, freudig einen Zug im Ostbahnhof von Budapest. Dass auf der Seite des Zuges ein gelbes Logo «Raaberbahn» klebte, machte die Sache nicht besser: Es bestätigte viele im Glauben, der Zug sei ein deutscher und fahre entsprechend nach Deutschland oder Österreich.

Nach Stunden der Ungewissheit fuhr der Zug los – nur um im 35 Kilometer entfernten Bicske zun halten. Die Menschen sollen dort in ein Aufnahmezentrum überführt werden. Einige Medien schreiben deswegen, Ungarn habe die Menschen in die Falle gelockt, sie ausgetrickst. Die Regierung würde lediglich EU-Recht umsetzen, das es nicht erlaube, die Menschen ausreisen zu lassen, argumentiert dagegen Ungarn. Freuen können sich so vor allem die Schlepper. Sie profitieren von der chaotischen Lage und der Weigerung der Flüchtlinge, in Ungarn zu bleiben, sich dort registrieren zu lassen und einen Asylantrag zu stellen.

An Jacke festgebissen

Die Mehrheit der Flüchtlinge will nach Deutschland. Und dafür kämpfen sie verzweifelt, auch in Bicske. Es kam zu wüsten Szenen. Zu Handgemengen mit der Polizei, mit weinenden Kindern und verzweifelt schreienden Frauen. Viele skandierten «Kein Lager, kein Lager!», einige versuchten, zu Fuss über die Gleise zu fliehen, ehe sie die Polizei zurückbrachte. Ein Mann warf seine Frau mit ihrem Baby und sich selbst auf die Gleise, als die Polizei die Familie ins Lager bringen wollte. Er rief: «Wir gehen hier nicht weg», doch Polizisten zerrten ihn von den Gleisen. Sein Widerstand dauerte bis zuletzt, er biss sich sogar an der Jacke seiner schluchzenden Frau fest, die das schreiende Kleinkind an sich drückte. Schliesslich wurde er in Handschellen abgeführt, auch Frau und Baby sollen auf eine Polizeistation gebracht worden sein. Wo sie jetzt sind, ist ungewiss. Derlei Szenen dürften erst recht dazu beitragen, dass Flüchtlinge ihr Leben lieber Schleppern anvertrauen statt sich den Behörden auszuliefern.

Lediglich 16 Flüchtlinge gingen am Abend dann doch in das Aufnahmelager. Die übrigen blieben im Zug und bestanden darauf, nach Westen weiterzureisen. Nahrung und Wasser, die die Polizei Helfern abgenommen hatte, um sie selbst zu verteilen, lehnten sie ab. «Wir wollen kein Wasser», so ein Mann aus dem Zugfenster, «wir wollen die Ausreise!»

Journalist: «Welt soll nicht sehen, was hier passiert»

Um die 500 Personen verbrachten schliesslich die Nacht im Zug. Ein Foto aus dem Inneren des Zuges zeigt schlafende Kinder in der Gepäckaufbewahrung (siehe Tweet unten).

Mittlerweile hat die Polizei den Zugang zum Zug nicht nur für Journalisten, sondern auch für Mitarbeiter des Roten Kreuzes gesperrt, wie Augenzeugen berichten. Ein Reporter von ITV erklärte das so: «Die Welt soll nicht sehen, was hier passiert.»

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