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«Finale Phase» in ÄthiopienEin Friedensnobelpreisträger führt Krieg – das sind die Gründe

Dieses Wochenende soll die Rebellenstadt Mekelle in Äthiopiens Norden fallen. Das hat der äthiopische Premierminister angekündigt. Doch wieso führt Abiy Ahmed überhaupt Krieg gegen die Tigray-Rebellen?

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Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed am 10. Dezember 2019 bei der Nobelpreisverleihung in Oslo. 

Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed am 10. Dezember 2019 bei der Nobelpreisverleihung in Oslo.

via REUTERS
Mittlerweile herrscht im Norden seines Landes Krieg. 

Mittlerweile herrscht im Norden seines Landes Krieg.

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Tausende Menschen fliehen vor den Kämpfen (Im Bild: ein Satellitenbild des Tekeze-Flusses. Hier setzen täglich Hunderte Menschen über).

Tausende Menschen fliehen vor den Kämpfen (Im Bild: ein Satellitenbild des Tekeze-Flusses. Hier setzen täglich Hunderte Menschen über).

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Darum gehts

  • Dieses Wochenende droht ein brutaler Krieg in der äthiopischen Stadt Mekelle auszubrechen.

  • Äthiopiens Premier Ahmed verkündete zuvor die «finale Phase» im Kampf gegen die Tigray-Rebellen.

  • Wieso führt der Nobelpreisträger von 2019 diesen Krieg? Ein Überblick.

Im Äthiopien-Konflikt hat Ministerpräsident Abiy Ahmed jetzt die «finale Phase» der seit drei Wochen dauernden Offensive gegen die nördliche Region Tigray angekündigt.

Die Zentralregierung in Addis Abeba hatte der in Tigray regierenden Volksbefreiungsfront TPLF 72 Stunden Zeit gegeben, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben. Sonst werde die Regionalhauptstadt Mekelle, in der 500’000 Menschen leben, angegriffen. Eine Stellungnahme der TPLF-Streitkräfte war zunächst nicht zu erhalten.

Um was geht es in dem Konflikt? Ein Kurzüberblick.

Ein Nobelpreisträger führt diesen Krieg

2018 trat Abiy Ahmed als Ministerpräsident Äthiopiens an. Ein Jahr später wurde er für seine Rolle beim Frieden mit Eritrea mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Anfang diesen Novembers aber schickte er einigermassen unbeachtet sein Militär in die rebellische Region Tigray im Norden des Landes. Die Begründung des Nobelpreisträgers: Die Rebellen in Tigray, die auch eine Bevölkerungsgruppe sind (die Tigray), hätten Militäreinrichtungen der äthiopischen Armee angegriffen und Waffen gestohlen. Damit sei eine rote Linie überschritten worden.

Haben die Rebellen angegriffen?

Ja. Dabei bestehen die Spannungen zwischen der TPLF und Premier Ahmed schon seit dessen Amtsantritt 2018. So fühlen sich viele Menschen in der Region Tigray von der Zentralregierung nicht vertreten und wünschen sich mehr Autonomie. Als Ahmed im Juni bekannt gab, dass er wegen der Corona-Epidemie die Wahlen verschieben müsse, verschärfte sich der Unmut. Die Tigray beschlossen, ihn zu bekämpfen, da er nicht mehr legal an der Macht sei. Man sei zu Verhandlungen bereit, wenn die Zentralregierung in Addis Abeba alle Truppen aus der Konfliktregion abziehe, so der Chef der Volksbefreiungsfront TPLF. Die TPLF war einst dominante Partei in der Parteienkoalition, die Äthiopien mehr als 25 Jahre lang mit harter Hand regierte.

Was hat es mit Berichten über Massaker auf sich?

Tigray ist seit Wochen abgeriegelt und die Kommunikationswege nach aussen gekappt. Dennoch dringen immer wieder schlimme Nachrichten über Massaker, Kämpfe, Bombardierungen und Vertreibung nach draussen. So soll die Tigray-Jugendmiliz Saisonarbeiter einer anderen Bevölkerungsgruppe regelrecht niedergemetzelt haben. Nach einem Bericht der international anerkannten unabhängigen äthiopischen Menschenrechtskommission sollen an nur einem Tag 600 Zivilisten getötet worden sein. In den vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes IKRK besichtigten, hoffnungslos überfüllten Krankenhäusern der Region drängten sich inmitten der Corona-Epidemie Hunderte Verletzte in der Hoffnung auf Hilfe. Arzneien seien ebenso Mangelware wie Hygieneartikel aller Art. Tausende sind in Nachbarländer geflohen.

Was passiert dieses Wochenende?

Die Regierungstruppen sind auf dem Vormarsch in die Regionalhauptstadt Mekelle. Mit ersten Vorstössen von Panzern in die Stadt werde am Samstag gerechnet, schreibt RND.de. Erwartet wird ein opferreicher Häuser- und Strassenkampf, in den wohl auch viele Zivilisten hineingezogen werden. Von einem Albtraum mit Ansage ist die Rede.

Droht der Konflikt sich auszuweiten?

Ja. Was Äthiopien zunächst als interne Angelegenheit von kurzer Dauer ankündigt hatte, hat eine Dynamik entwickelt, die die gesamte Region zu destabilisieren droht. Am strategisch wichtigen Golf von Aden hat sich nach China, den USA, Frankreich und selbst Taiwan gerade auch Russland einen Militärstützpunkt gesichert. Umgeben von Konfliktherden wie Jemen und Somalia, geht es im Roten Meer um die Sicherung von Interessen auf einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Neben den Vereinten Nationen warnen auch Hilfsorganisationen vor einer humanitären Katastrophe sowie dem Übergreifen des Konfliktes auf angrenzende Länder.

In dem Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen 112 Millionen Einwohnern sind ethnische Spannungen und Konflikte nichts Neues. Doch Abiy Ahmeds Offensive kommt zu einer Zeit, da es auch aussenpolitisch nicht an Risiken mangelt. Die Nachbarländer Sudan und vor allem Ägypten sind vergrätzt über einen gigantischen Staudamm, mit dem Äthiopien das Wasser des Nils für die Stromgewinnung nutzen will. Beide Nachbarn zeigten mit Militärmanövern bereits ihre Muskeln.

EDA stellt zwei Millionen Franken zur Verfügung

Das Aussendepartement EDA stellt humanitären Organisationen in der äthiopischen Konfliktregion Tigray Hilfsgelder in der Höhe von zwei Millionen Franken zur Verfügung. Es fordert zudem die strikte Einhaltung des humanitären Völkerrechts, eine Deeskalation der Gewalt und die Rückkehr zum Dialog.

Angesichts der Tausenden Menschen auf der Flucht habe der Bedarf an humanitärer Hilfe in der Region zugenommen, teilte das EDA am Freitag mit. Insbesondere den benachbarten Sudan treffe die humanitäre Krise hart, bisher seien dort mehr als 40'000 Flüchtlinge eingetroffen.

Mit dem gesprochenen Hilfsgeldern sollen das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und der Äthiopische Humanitäre Fonds unterstützt werden. Den Helfern sei der rasche und ungehinderte Zugang für alle Konfliktparteien in die Krisenregion zu gewährleisten, fordert das EDA.

(gux/SDA)

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57 Kommentare
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Phil

28.11.2020, 13:33

Wäre ja nicht der erste. Der Friedensnobelpreis ist ein Witz!

Jin

28.11.2020, 13:01

Er ist ein Sammler. Jetzt hat er den Friedensnobelpreis. Jetzt ist er dran den Kriegsnobelpreis zu verdienen.

Christ

28.11.2020, 12:58

Ist das der erste? In den letzten 15 Jahren haben 3 Nobelpreisträger Krieg geführt! Nobel hin oder her, es bekommt der der es muss und nicht der der es macht.