Aktualisiert 26.10.2010 14:26

Biologie

Ein Fünftel aller Wirbeltier-Arten bedroht

Durch Abholzung, Ackerbau, Jagd und Fischfang - der globale Artenschwund nimmt immer bedrohlichere Ausmasse an: Ein Fünftel aller Wirbeltier-Spezies sind inzwischen gefährdet.

Wirbeltiere sind mehr und mehr vom Aussterben bedroht. Foto: colourbox.com

Wirbeltiere sind mehr und mehr vom Aussterben bedroht. Foto: colourbox.com

174 Wissenschaftler berichten von dieser grossen Bedrohung nach der ersten weltweiten Bestandsaufnahme im Magazin «Science». Und der Trend beschleunigt sich: Im Vergleich zu 1970 hat das Mass des Artensterbens um das Zwei- bis Dreifache zugenommen. Jedes Jahr rücken 52 Arten von Säugetieren, Vögeln und Amphibien auf der Gefährdungsskala eine Stufe näher ans Aussterben. Schutzprogramme retten zwar manche Tiere, halten den alarmierenden Gesamttrend aber nicht auf.

Die Forscher analysierten Daten von über 25.000 Wirbeltier-Arten - Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien und Fischen. 20 Prozent davon gelten derzeit als bedroht. Dazu zählen jede vierte Säugetier-Spezies, ähnlich viele Reptilien-Vertreter und 13 Prozent der Vogelarten. Aber am stärksten leiden Amphibien: Mehr als 40 Prozent dieser Arten, zu denen etwa Frösche oder Lurche zählen, drohen von der Erde zu verschwinden.

Besonders schlimm ist die Lage in den artenreichen tropischen Regionen weltweit, aber vor allem in Asien. Abholzung, zunehmender Ackerbau und auch Jagd sowie Fischfang schränken die Lebensräume der Tiere zunehmend ein. Hinzu kommen neue Bedrohungen wie etwa der Chytridpilz, der in Amerika und Australien ganze Amphibienpopulationen dahinrafft. Eine andere Gefahr geht von Medikamenten aus wie etwa Diclofenac. Der Entzündungshemmer wurde in Indien in den 1990er Jahren als Tierarznei eingeführt. Seitdem schwand die Population der Bengalgeier um über 99 Prozent. Der Grund: Fressen die Vögel Kadaver von Tieren, die mit dem Wirkstoff behandelt wurden, verenden sie an Nierenversagen.

Neben einzelnen Arten sind auch ganze Gattungen und Familien vom Aussterben bedroht. Mit ihnen verschwindet dann das einzigartige Ergebnis einer Evolution über Millionen von Jahren.

Ohne Schutzprogramme wäre Artenschwund noch schlimmer

Einziger Lichtblick in diesem düsteren Szenario sind einzelne Schutzprogramme. Ohne diese Bemühungen würde der Artenschwund noch um 20 Prozent schlimmer ausfallen, schätzen die Forscher. Dank solcher Programme hat sich der Bestand von insgesamt 64 bedrohten Arten wieder erholt. Dazu zählen drei Spezies, die schon in freier Wildbahn ausgestorben waren, aber in Gefangenschaft vermehrt und erfolgreich ausgesetzt wurden: Der Kalifornische Kondor, der Schwarzfussiltis und das Przewalskipferd.

Trotz solcher Erfolge sind die Prognosen der Forscher für die Zukunft pessimistisch. Das Ziel, den Artenschwund bis zum Jahr 2020 zu stoppen, «klingt zwar gut, ist aber leider unrealistisch», klagt Paul Leadley von der Universität Paris-Sud: «Wenn wir so weitermachen wie bisher, steuern wir zweifellos auf einen katastrophalen Verlust der Artenvielfalt zu.»

Die Forscher fordern - analog zur Reaktion auf den Klimawandel - eine Internationale Kommission zur Biodiversität, die Regierungen berät. «Diese Themen sind so drängend und für die Menschheit steht so viel auf dem Spiel, dass Wissenschaftler sich zusammenschliessen müssen, um politische Entscheidungsträger mit einer gemeinsamen verlässlichen Stimme zu informieren», mahnt Henrique Pereira von der Universität Lissabon. (dapd)

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