Wales im Aufschwung: Ein Fussball-Zwerg schöpft Hoffnung
Aktualisiert

Wales im AufschwungEin Fussball-Zwerg schöpft Hoffnung

Erst 10 000 verkaufte Tickets für das EM-Quali-Spiel: Momentan interessiert die Waliser nur die Rugby-WM. Dennoch: Für die Fussball-Nati rechnet man sich Chancen aus.

von
S. Compagno
Swansea

Lediglich 10 000 Tickets für die EM-Qualifikationspartie zwischen Wales und der Schweiz gingen im Vorverkauf weg. Fussball ist im 3-Millionen-Volk im Westen Britanniens derzeit nur die zweitwichtigste Nebensache der Welt.

Viel wichtiger ist Rugby. Auf der anderen Seite der Erdkugel finden derzeit die Weltmeisterschaften statt und am Samstagmorgen britischer Zeit stehen sich im Viertelfinal die walisische Auswahl und Irland gegenüber. In der aktuellen Ausgabe der «Evening Post» werden der Rugby-WM in Neuseeland heute vier Seiten eingeräumt, die EM-Ausscheidung im Fussball muss sich mit knapp zwei Seiten begnügen.

Mit Speed gehts bergauf

Sind die Fussballer neidisch auf die Popularität ihrer Rugby-Kollegen? Gary Speed, Trainer der walisischen Fussball-Nationalmannschaft, winkt ab: «In einem so kleinen Land wie Wales gibt es keinen Platz für Rivalitäten. Selbstverständlich werde ich mir am Samstagmorgen das Rugby-Spiel anschauen.»

Wie beschwingt er morgens um 6.00 Uhr aufsteht, wird auch davon abhängen, was neun Stunden zuvor im Liberty-Stadium von Swansea passiert. Um der aus walisischer Sicht sportlichen Bedeutungslosigkeit der Affiche ein wenig Gehalt zu geben, hat Speed das Ziel «3. Gruppenplatz» herausgegeben. Dazu benötigen die «Dragons» in den letzten zwei Spielen gegen die Schweiz und Bulgarien sechs Punkte.

Vorne hui, hinten pfui

Obgleich die Waliser bislang erst drei Punkte auf ihrem Konto haben – dankenswerterweise gegen Montenegro errungen -, ist das kein völlig unrealistisches Unterfangen. Seit Gary Speed die «Dragons» vor zehn Monaten übernommen hat, wurden deren Auftritte und Resultate stetig besser. Dem 2:1-Sieg gegen Montenegro folgte eine unglückliche 0:1-Niederlage im Wembley gegen England. «Es ist wichtig, dass sich die Resultate einstellen, sonst verliert man den Glauben an das, was man tut. Die letzten Spiele zeigen, dass die Entwicklung stimmt und dass es in die richtige Richtung geht», sagt Speed. Der frühere Mittelfeldspieler (Leeds, Everton, Newcastle, Bolton, Sheffield United) ist nicht nur Manager, sondern mit 85 Spielen auch Rekord-Internationaler von Wales.

Speeds Mannschaft verfügt in der Offensive mit Gareth Bale (Tottenham), Aaron Ramsey (Arsenal) und Craig Bellamy (Liverpool) durchaus über Einschüchterungspotenzial. Ramsey ist mit knapp 21 Jahren der jüngste Captain in der walisischen Fussball-Geschichte.

Etwas weniger beeindruckend ist die Abwehr: Neben Ashley Williams und Neil Taylor von Premier-League-Aufsteiger Swansea stehen dort auch Kicker aus der zweithöchsten englischen Spielklasse: Darcy Blake von Cardiff City, der am 12. Oktober 2010 beim 1:4 gegen die Schweiz im St. Jakob-Park debütierte, und Chris Gunter von Nottingham Forest. «In der Abwehr sehe ich Lücken», sagt Nati-Coach Ottmar Hitzfeld denn auch ziemlich unverhohlen.

Das ewige Hoffen auf die Qualifikation

Die schlechte Balance zwischen Weltklasse-Fussballern wie Bale und zweitklassigen Kickern ist eines der Hauptprobleme im walisischen Fussball. Immer wieder hat Wales tolle Fussballer hervorgebracht: John Toshack, Ian Rush, Mark Hughes oder Ryan Giggs beispielsweise. Ihnen allen ist gemein, dass sie nie an einer grossen Endrunde dabei waren. Sie teilen damit das Schicksal des wohl genialsten Fussballers Britanniens aller Zeiten, des Nordiren George Best. Erst einmal konnte sich Wales für eine WM qualifizieren: 1958 in Schweden, als sämtliche vier «Home Nations» – auch England, Schottland und Nordirland – das Turnier der besten 16 erreichten. Die Waliser erreichten damals das Viertelfinale gegen Brasilien, das sie 0:1 verloren. Einziger Torschütze im Ullevi-Stadion von Göteborg war ein 17-Jähriger namens Pelé.

So ist es wie fast immer, wenn sich eine Qualifikationsphase dem Ende zu neigt: Wales hofft auf die nächste Chance. In der Ausscheidung für die WM 2014 in Brasilien wurde die Mannschaft von Gary Speed der Gruppe mit Kroatien, Serbien, Belgien, Schottland und Mazedonien zugelost. Das klingt sogar aus walisischer Sicht nicht gänzlich aussichtslos.

Pont mit Respekt

«Gary Speed ist daran, etwas aufzubauen», sagt der Schweizer Assistenztrainer Michel Pont. Die Waliser haben spielerisch grosse Fortschritte gemacht. Es ist nicht mehr nur Kick and Rush, sondern sie spielen jetzt richtig Fussball.»

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