Hirnerschütterungen im Eishockey: «Ein grosser Wurf ist utopisch»
Aktualisiert

Hirnerschütterungen im Eishockey«Ein grosser Wurf ist utopisch»

Über 20 Eishockeyspieler in der National League A litten diese Saison bereits an einer Hirnerschütterung. Eine erschreckende Zahl. Gegenmassnahmen gäbe es - doch diese umzusetzen ist schwierig.

von
Reto Fehr
Eishockeyspieler (wie hier Julien Sprunger) werden auch in naher Zukunft mit Hirnerschütterungen rechnen müssen.

Eishockeyspieler (wie hier Julien Sprunger) werden auch in naher Zukunft mit Hirnerschütterungen rechnen müssen.

Der Eishockeysport hat sich in den letzten Jahren weiter entwickelt. Er ist athletischer geworden, die Spiele dynamischer. Leider steigt dadurch auch die Verletzungsgefahr. Aktuelles Thema in der National League A sind Hirnerschütterungen. Der Facharzt für Neurologie Reto Agosti fordert «schärfere Massnahmen». Er liefert auch gleich einige Vorschläge: «Die Muskulatur im Nackenbereich muss gestärkt werden», «mehr Polsterung im Helm würde helfen» oder «die Bande selbst könnte gepolstert werden».

Hört sich gut an, doch das umzusetzen ist nicht ganz so einfach. «Man kann das Problem mit den Hirnerschütterungen nicht von heute auf morgen beseitigen. Ein grosser Wurf ist utopisch. Aber wir arbeiten daran», verspricht Dr. Jean-Claude Küttel, Leiter Medizin der National League gegenüber 20 Minuten Online. «Wenn wir das Problem schnell lösen könnten, wäre ich sofort dabei, aber ich wüsste nicht wie.»

Prävention, Regeländerungen, Kampagnen

Der Kampf gegen Hirnerschütterungen im Eishockey wird noch lange dauern. Man hat auch schon in unteren Ligen Versuche gestartet mit einer roten Linie einen Meter von der Bande entfernt. In jener Zone sind dann Checks nicht mehr erlaubt. Aber auf Profistufe ist so eine Regel kaum umsetzbar. «Wir versuchen es mit Prävention, Regelanpassungen oder Kampagnen», so Küttel.

Allerdings sei zum Beispiel ein besserer Schutz bei der Ausrüstung nicht grundsätzlich besser. «Ein guter Schutz kann ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln und so hat es bei entsprechenden Regeländerungen in der Vergangenheit auch schon eine Zunahme der Verletzungen gegeben.» Immerhin wird beispielsweise der Crosscheck von hinten seit einigen Jahren härter bestraft. «Diese Regeländerung geschah auch aufgrund des Drucks der Ärzte.»

Langwierige Regeländerungen

Da Regeländerungen aber ihre Zeit brauchen und es grosse Unterstützung braucht, um beim Internationalen Eishockeyverband etwas zu erreichen, muss man sich mit kleinen Schritten zufrieden geben. «Wir versuchen, momentan die richtige Nachbehandlung sicher zu stellen», erklärt er. So ist auf der Website des Schweizerischen Eishockeyverbands seit Ende 2009 eigens eine Rubrik zum Thema aufgeschaltet worden. Dort findet man alles, was man zum Thema Hirnerschütterungen wissen muss.

So zum Beispiel auch das «Return to Play»-System, nach welchem ein betroffener Spieler sich verhalten sollte. «Wir haben keine Weisungsbefugnis, aber die Klubärzte der National League arbeiten gut zusammen», so Küttel. Seit einigen Jahren gibt es auch eine Task Force Concussion, welche sich mit dem Thema beschäftigt und bei Medical-Days Klub- und Verbandsärzte über die neusten Erkenntnisse informiert oder Lösungsvorschläge bespricht.

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