50 Jahre Amnesty: Ein halbes Jahrhundert für Menschenrechte
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50 Jahre AmnestyEin halbes Jahrhundert für Menschenrechte

1961 rief ein Londoner Anwalt zur Freilassung von sechs politischen Gefangenen auf. Daraus entstand eine Organisation, die den Unrechtsregimes dieser Welt keine Ruhe mehr lässt.

von
dhr

Am Anfang standen zwei portugiesische Studenten. In einem Café in Lissabon stiessen sie 1960 auf die Freiheit an – eine an sich harmlose Geste, die es aber im Portugal des Diktators Salazar tunlichst zu unterlassen galt. Das Regime reagierte schnell und scharf: Sieben Jahre Haft lautete das Urteil.

1600 Kilometer von Lissabon entfernt las ein Londoner Anwalt einen Zeitungsartikel über dieses himmelschreiende Unrecht. Das Schicksal der beiden Studenten ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Peter Benenson beschloss, etwas zu unternehmen. Am 28. Mai 1961 veröffentlichte er einen aufsehenerregenden Aufruf: Der «Appeal for Amnesty» (siehe Infobox) erschien auf der Frontseite der britischen Zeitung «The Observer» – es war die Geburtsstunde von Amnesty International.

Kampagne gegen die Folter

Von Beginn an kämpfte Amnesty International – das als älteste Menschenrechtsorganisation die Massstäbe für die gesamte Bewegung gesetzt hat – ideologisch möglichst neutral für Gewissensgefangene auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Schon 1962, so ist es in der Spezialausgabe des Amnesty-Magazins zum 50-jährigen Jubiläum nachzulesen, führte die Organisation die ersten Ermittlungsreisen durch, bei denen Menschenrechtsverletzungen in Ghana, Portugal, in der Tschechoslowakei und in der DDR untersucht wurden. Bereits zwei Jahre später erhielt Amnesty bei der UNO den Konsultativstatus und durfte mithin offiziell Stellung zu Menschenrechtsfragen nehmen.

Ende 1972 startete Amnesty International die erste weltweite Kampagne gegen die Folter. Dabei setzte die Organisation zum ersten Mal auch das Mittel der so genannten «Urgent Action» («Dringende Aktion») ein: Mitglieder rund um den Globus wurden aufgefordert, mit Briefen für die Freilassung eines Folteropfers einzutreten. Im Herbst 1973 verabschiedete die UNO-Vollversammlung dann die Resolution 3059 gegen Folter, und 1977 erhielt Amnesty International den Friedensnobelpreis für seine Kampagne gegen die Folter.

Kampf gegen die Todesstrafe

1973 beschlossen die Amnesty-Delegierten in Wien, künftig auch Kampagnen gegen die Todesstrafe durchzuführen. Der Entscheid war nicht unumstritten; einzelne Mitglieder traten daraufhin aus. 1977 verabschiedete Amnesty die «Deklaration von Stockholm», in der die Todesstrafe uneingeschränkt abgelehnt wird. Tatsächlich ist die Todesstrafe seit Jahren auf dem Rückzug: Während in den Siebzigerjahren sogar noch europäische Staaten wie Frankreich oder Spanien diese barbarische Strafe kannten, vollstreckt heute nur noch eine Minderheit aller Staaten die Todesstrafe (siehe Infografik).

Nicht nur mit dem Kampf gegen die Todesstrafe hat Amnesty im Laufe der Jahre seine Arbeitsfelder ausgeweitet; 2001 entschieden die Amnesty-Delegierten, das Mandat der Organisation auf sämtliche Menschenrechte auszudehnen. Heute kümmert sich Amnesty auch um die Rechte der Frauen, den Kampf gegen die Straflosigkeit, die Respektierung der Menschenrechte in bewaffneten Konflikten, die Rechte von Flüchtlingen sowie um wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, wie Amnesty International Schweiz zum 50-Jahres-Jubiläum schreibt.

Enormes Wachstum

Dies ruft allerdings auch Kritiker auf den Plan: So warf beispielsweise die «Weltwoche» schon 2006 Amnesty vor, sich in einer «Unzahl neuer Aufgaben» zu verzetteln. «Der übergrosse Wunsch, Gutes zu tun und die Welt zu verändern, droht Amnesty über den Kopf zu wachsen», schrieb das rechts-konservative Blatt. Kritik wurde auch laut, weil Amnesty in vergleichsweise freien Staaten naturgemäss leichter an Informationen kommt und daher häufiger über solche offenen Gesellschaften berichtet. Dies zog den Vorwurf der unausgewogenen Berichterstattung nach sich.

Trotz aller Kritik und trotz allen Widrigkeiten ist die Geschichte von Amnesty International nach wie vor eine Erfolgsstory. Die Organisation ist – besonders seit den Achtzigerjahren – enorm gewachsen; waren es zu Beginn der Siebzigerjahre noch 850 Gruppen und 18 Sektionen in 27 Ländern, sind es heute 7500 Gruppen in 50 Sektionen. Amnesty kann heute auf über 3,2 Millionen Mitglieder und Unterstützer in mehr als 150 Ländern zählen.

Prominente Unterstützung

Zu diesem beeindruckenden Wachstum hat wohl auch die Unterstützung durch Prominente aus dem Showbiz beigetragen; schon 1986 fanden in den USA unter dem Titel «Conspiracy of Hope» sechs Konzerte zugunsten von Amnesty International statt. Mit dabei waren unter anderen Sting, U2 und Bryan Adams. Innerhalb eines Monats konnte Amnesty in den USA 45 000 Mitglieder hinzugewinnen.

Auch in Zukunft will Amnesty wachsen: Der neue Generalsekretär Salil Shetty soll in Brasilien und Indien eine Amnesty-Vertretung einrichten. Und in der Schweiz will sich Amnesty vermehrt für den Schutz der Grundrechte einsetzen. Von Amnesty wird man auch nach dem Jubiläumsjahr hören.

Appeal for Amnesty

Unter dem Titel «The Forgotten Prisoners» («Die vergessenen Gefangenen») schrieb Benenson im «Observer»: «Öffnen Sie Ihre Zeitung an einem beliebigen Tag in der Woche, und Sie werden einen Bericht aus irgendeinem Teil der Welt finden über jemanden, der eingekerkert, gefoltert oder hingerichtet wurde – weil seine Meinung oder seine Religion seiner Regierung nicht passt. (...) Wenn eine einzelne Person protestiert, bewirkt das nur wenig, aber wenn es viele Leute gleichzeitig tun würden, könnte es einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.»

Benensons Aufruf zur Amnestie von sechs Gewissensgefangenen wurde von weiteren europäischen Zeitungen wie «Le Monde», «Corriere della Sera» und «International Herald Tribune» abgedruckt. Die Aktion, «Appeal for amnesty, 1961» genannt, gilt als der Anfang von Amnesty International.

Die Resonanz war überwältigend: Allein in den ersten Wochen meldeten sich mehr als 1000 Interessierte. Die ursprünglich für ein Jahr geplante Kampagne wurde noch im gleichen Jahr in eine feste Organisation umgewandelt.

Benensons Text ist in einer gekürzten Fassung im «Guardian» .

Amnesty in der Schweiz

Bereits drei Jahre nach der Gründung von Amnesty International entstand 1964 die erste Schweizer Amnesty-Gruppe in Genf. Zunächst bestand der kleine Zirkel ausschliesslich aus Ausländern; 1967 kamen die ersten Schweizer hinzu. Die ersten Gruppen in der Deutschschweiz wurden 1969 gegründet.

Am 25. Oktober 1970 fand dann in Zürich die Gründungsversammlung der Schweizer Sektion statt, die damals 17 Gruppen umfasste. 1976 wurde ein Büro in Bern eröffnet; 1980 wurde André Daguet erster Zentralsekretär der Schweizer Sektion.

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