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Urteil im Fall KnoxEin hartes Jahr geht zu Ende

Ein «Engel mit Eisaugen» oder eine Hexe? Unschuldig oder kaltblütige Mörderin? Am Freitag oder Samstag muss das Gericht in Perugia sein Urteil über Amanda Knox fällen. Zeit, auf einen Prozess zurückzublicken, bei dem es an vielem fehlte.

von
Karin Leuthold

Die meisten haben ihre Meinung über Amanda Knox gemacht. Für ihre amerikanischen Landsleute ist sie ein harmloses Mädchen, das unschuldig in die Mühlen der italienischen Justiz geraten ist. Für die Briten hingegen ist sie die kaltblütige Mörderin von Meredith Kercher, ein Todesengel, der sich nicht scheute, auch Unschuldige in den Dreck zu ziehen. Doch eines ist und wird Amanda Knox auch nach dem Urteil bleiben: ein Rätsel.

Die 22-jährige Studentin aus Seattle stand über die gesamte Länge des Prozesses hinweg immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. Egal, wie sie sich verhielt, egal, was sie trug - immer gab es etwas auszusetzen. Als sie am 14. Februar, zum Valentinstag, ein T-Shirt mit dem Beatles-Refrain «All You Need Is Love» trug, wurde ihr Auftritt von den britischen Medien verrissen. Lächelte sie im Gerichtssaal, wurde sie als «komisch» bezeichnet, trat sie den Fotografen ernst entgegen, war sie «kalt».

Ein Jahr lang vernahmen die Geschworenen Details über ihre «diabolische» Persönlichkeit, über ihr Sexualleben, über ihre Hygienegewohnheiten und über ihr Sexspielzeug. Amanda Knox konnte es niemandem mehr recht machen. Und egal, wie der Prozess ausgeht: den Kampf gegen die Medien hat sie bereits verloren.

Ein Prozess ohne roten Faden

So viel über den «Engel mit den Eisaugen» auch geschrieben wurde, so wenig wurde über den Prozess an sich und über die Missstände reflektiert, die in seinem Verlauf zu Tage traten. Denn nach knapp einem Jahr zäher Verhandlungen sind weder das Motiv noch der Tathergang im Mordfall von Perugia geklärt.

Während Staatsanwalt Giuliano Mignini die Angeklagten Knox und Raffaele Sollecito als kühle, berechnende Mörder darstellte, die ihr Opfer zu einem tödlichen Sexspiel angestiftet hätten, beschrieb sie die Verteidigung als «naive» und «simple» Menschen, die Opfer einer schlampigen Ermittlung wurden. Die Geschichten, die beide Parteien in ihren Schlussplädoyers den Geschworenen präsentierten, unterschieden sich dermassen voneinander, dass es zeitweise danach aussah, als würden hier zwei verschiedene Prozesse verhandelt.

Raffaele Sollecito und Amanda Knox hoffen auf Freispruch. Beweismaterial gegen die beiden liegt an sich reichlich vor, doch ist es auf Grund der Ermittlungspannen fraglich, ob die Beweise für eine Verurteilung ausreichen. Werden die Angeklagten für schuldig befunden, droht ihnen lebenslange Haft. Kommen sie frei, wird Knox mit ihren Eltern den nächstmöglichen Flug in die USA nehmen – und mit ihnen all die Journalisten, die sie über ein Jahr lang zur Hexe machten.

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