Aktualisiert 31.01.2012 07:10

Ballack-Polemik

Ein Held auf dem Holzweg

Michael Ballack ist bei Bayer Leverkusen nur noch Ersatzspieler. Einem der grössten Aushängeschilder des deutschen Fussballs im Ausland droht ein unrühmliches Ende in der Heimat.

von
Eva Tedesco
Der Ausdruck im Gesicht von Michael Ballack spricht Bände. Der Vorzeige-Profi bei Bayer Leverkusen sitzt derzeit nur auf der Ersatzbank. (Keystone/AP)

Der Ausdruck im Gesicht von Michael Ballack spricht Bände. Der Vorzeige-Profi bei Bayer Leverkusen sitzt derzeit nur auf der Ersatzbank. (Keystone/AP)

50 Minuten lang sitzt Michael Ballack am Samstag mit versteinerter Miene auf der Ersatzbank, bis ihn Leverkusen-Trainer Robin Dutt für den Rest des Spiels gegen Werder Bremen (1:1) zum Warmlaufen schickt – und von da direkt unter die Dusche. Wortlos verschwand der 35-Jährige in der Kabine. Der Anfang einer Demontage des ehemaligen Captains der deutschen Nationalmannschaft? Oder war das sein Abschied aus Leverkusen?

Matthias Sammer hat eine klare Meinung zur Polemik um Ballack. «Wenn du noch ein bisschen Fussballer bist, musst du sofort von Leverkusen weggehen. Michael kann in dieser Diskussion um seine Person nicht gewinnen», sagte der DFB-Sportdirektor am Sonntag bei Sky90. «Michael muss an seine Zukunft denken und souveräner wirken. Ob zu Recht oder nicht, er hat ein negatives Erscheinungsbild und das muss er sofort ändern – das kann nur er. Wenn du unter Druck stehst, musst selbst reden bevor andere über dich reden.»

Auf Kurs zu einer tragischen Figur

Fussball-Legende und Experte Günther Netzer geht in seiner Kolumne in der «Bild am Sonntag» noch einen Tick weiter. Auch für Superstars gelte das Prinzip der Leistung. Dem müsse sich auch Ballack unterwerfen, aber genau das habe er falsch eingeschätzt. Netzer weiter: «Ich stelle bei Ballack auch keine besonders grosse Einsicht fest. Er muss aufpassen, dass er nicht zur tragischen Figur wird.»

Aber Ballack ist schon längst auf dem Weg dahin. Schon nach seinem unrühmlichen Abgang aus der Nationalmannschaft hatte er Versöhnungsangebote und Schlichtungsgespräche mit Nationaltrainer Jogi Löw, die der frühere Nationaltrainer Rudi Völler in die Wege leiten wollte, ausgeschlagen und viel zerbrochenes Geschirr zurückgelassen. Löw seinerseits griff nach der erfolgreichen WM mit einem stark verjüngten Team nicht mehr auf Ballack zurück. Schliesslich eskalierten die Querelen mit dem Bundestrainer: Ballack bezichtigte Löw der Lüge und schlug so die Türen definitiv zu.

Ballack ein «Bauernopfer»

Und nun hat der Bayer-Starspieler, der geschätzte sechs Millionen Euro im Jahr verdienen soll, wieder eine Türklinke in der Hand und macht den Anschein, mit seinem unnahbaren Verhalten eine weitere Türe zuzuschlagen. Eingebrockt hat sich Ballack die Situation beim «Pillenklub», als er vor einer Woche bei seiner Auswechslung im Spiel gegen Mainz, Dutt den Handschlag verweigert und den Trainer mit seiner Aktion bloss gestellt hat. Der Bitte der Vereinsleitung, in einem Interview einige Dinge zu korrigieren und klarzustellen, kam Ballack nicht nach.

Dabei hat er 2008 im Interview mit dem «Blick» noch selbst gesagt: «Wer gegen Falschberichterstattung nicht vorgeht, dem ist alles egal, der wird auch auf dem Platz keinen Ehrgeiz entwickeln.» Zu Wort gemeldet hat sich letzte Woche aber Michael Becker, der Manager von Ballack. In einem Interview mit der SID, der deutschen Sportagentur, bezeichnete der Anwalt Michael Ballack als «Bauernopfer». Denn neben der Polemik um Ballack, kämpft Leverkusen mit dem Problem, dass Trainer Robin Dutt die Fussstapfen von Erfolgstrainer Jupp Heynckes in Leverkusen nicht annähernd ausfüllen kann.

Leverkusen wird Ballack nicht halten

Das Hickhack gipfelte letzte Wochen darin, dass Bayer-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser der Kragen platzte. Er dementierte zwar, dass Ballack ein Bauernopfer sei. Holzhäuser bezeichnet den Mittelfeldspieler aber als «uneinsichtig» und taxiert das «Projekt Ballack» als gescheitert. Was soviel heisst wie: Wenn sich ein Abnehmer findet, wird man dem alternden Star keine Steine in den Weg legen. Laut der Bild-Zeitung könnte ein möglicher Abnehmer aus Amerika kommen, von den New York Red Bulls. Ein Transfer hätte da auch keine Eile, denn die Vereine aus der Major Soccer League (MLS) können bis Mitte April Spieler verpflichten. Kurz vor Transferschluss sollen auch Manchester United und die Queenpark Rangers Interesse zeigen. Oder Ballack macht es Luca Toni nach: Der ehemalige Bayern-Stürmer lässt seine Karriere in Dubai bei Al-Nasr ausklingen.

Demontage oder ein Abgang auf Raten? Leverkusen-Boss Holzhäuser hofft auf ein positives Ende. Man werde das «Projekt Ballack in jedem Fall professionell abwickeln». Einen respektvollen Abgang mit Stil hat der 98-fache Nationalspieler und das deutsche Aushängeschild der vergangenen Jahre am Ende einer grossartigen nationalen und internationalen Laufbahn tatsächlich verdient – trotz Unnahbarkeit und vielleicht falschem Stolz.

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