Bilderbuch-Agent: Ein Herr verschwindet
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Bilderbuch-AgentEin Herr verschwindet

Christopher Robert Metsos ist keine auffällige Erscheinung. Für das FBI jedoch ist er eine Schlüsselfigur aus der Schattenwelt - der «Zahlmeister» eines russischen Spionagerings. Und er ist weg.

von
Christopher Torchia
AP
Robert Christopher Metsos - eine unscheinbare Erscheinung.

Robert Christopher Metsos - eine unscheinbare Erscheinung.

Der Herr war nicht sehr gesprächig. Er stieg in günstigen Hotels ab, trug Halbglatze und Brille und ging sommerlich gekleidet in kurzer Hose und Hemd. Ein sparsamer Tourist wie jeder andere, so schien es, auf Urlaub in Larnaka auf Zypern. Für das FBI jedoch ist Christopher Robert Metsos eine Schlüsselfigur aus der Schattenwelt der Decknamen, Codes und toten Briefkästen - der «Zahlmeister» eines russischen Spionagerings. Und er ist weg.

Während zehn mutmassliche Komplizen in den USA hinter Gitter kamen, löste sich Metsos auf Zypern praktisch vor der Nase der Polizei in Luft auf. «Wenn Sie ihm auf der Strasse begegnet wären, hätten Sie gegrüsst und wären weitergegangen», schildert der Anwalt Michael Papathanasiou seinen abgängigen Mandanten. «Er hatte überhaupt nichts Merkwürdiges an sich. Er war ein ganz normaler, gewöhnlicher Typ.»

Wie der Verdächtige klammheimlich verschwinden konnte, ist eines der spannendsten Kapitel einer Spionagegeschichte wie aus Zeiten des Kalten Kriegs. Die zyprischen Behörden vermuten, dass er sich ausser Landes abgesetzt hat. Der türkisch-zyprische Nordteil der Insel böte sich als Fluchtweg an. Doch die US-Botschaft hat nach eigenem Bekunden die dortigen Behörden nicht um Hilfe gebeten, ihn aufzuspüren.

Strandurlaub in Larnaka

Augenzeugenberichten zufolge war Metsos, der 54 Jahre alt sein soll, ein Agent wie aus dem Bilderbuch: auf beruhigende Weise alltäglich und leicht zu übersehen. Er reiste mit einem kanadischen Pass, nach Angaben eines Mannes aus Kanada unter der Identität von dessen verstorbenem Bruder.

Am 17. Juni nahm Metsos ein Zimmer im Atrium Zenon, einem cremefarbenen Hotelkasten einen Block hinter dem Strand von Larnaka. Die 40 Euro pro Tag zahlte er bar. Nach Auskunft der Rezeption war er in Begleitung einer schönen Frau von 30 oder 35 Jahren. Das Paar pflegte zum Essen auszugehen und erschien gelegentlich in Strandkleidung. Morgens gab Metsos mit höflichem, aber kurzem Gruss den Schlüssel am Empfang ab; die Frau wartete derweil am Eingang auf ihn.

Am 29. Juni reisten sie früh ab. Am Flughafen, wo sie auf einen Maschine nach Budapest warteten, wurde Metsos festgenommen. Seine Begleiterin trat den Flug an. Die Polizei habe keinen Anlass gehabt, sie festzuhalten, erklärte Justizminister Loucas Luca.

Ob Metsos auf Zypern, wo es viele Russen gibt, tatsächlich Ferien machte oder sich nur als Urlauber tarnte, ist unklar. Die Behörden hatten anfangs offenbar keine Ahnung, dass er unter Spionageverdacht stand. Zwei Tage zuvor waren nach jahrelanger Observierung die anderen Verdächtigen in den USA festgenommen worden, und da Metsos Name in den Akten auftauchte, wäre man bald auf ihn aufmerksam geworden.

Ein Anruf vom Gericht

Für Papathanasiou begann das Drama an diesem Tag mit einem Anruf eines Gerichts. Metsos, in den USA wegen Verdachts auf Geldwäsche und unangemeldeter Tätigkeit für eine fremde Macht gesucht, brauchte einen Anwalt. Von Spionage war nicht die Rede. «Es sagte mir, dass er nichts mit der Sache zu tun hätte», sagte Papathanasiou. «Er war sehr still. Er beantwortete meine Fragen. Wir bestellten Kaffee und Wasser, während wir vor dem Gerichtssaal warteten.»

Es wurde eine Kaution von 27.000 Euro festgesetzt und eine Auslieferungsanhörung für Ende Juli terminiert. Metsos Pass wurde eingezogen. Es sei eine faire Entscheidung gewesen, sagte der Anwalt, auf Grundlage der vorliegenden Fakten. Die Geldsumme, die sein Mandant gewaschen haben sollte, lag mit 40.000 Dollar weit unter den Millionenbeträgen, die er erwartet hatte.

Kritik des US-Justizministeriums an Metsos' Freilassung wies der zyprische Präsident Dimitris Christofias zurück mit dem Argument, die US-Behörden hätten lange gebraucht, um gewisse Dokumente zur Verfügung zu stellen.

Niemand sah ihn abreisen

Die Kaution wurde gezahlt, und Metsos mietete sich für 630 Euro auf zwei Wochen im Hotel Achilleos ein. Vor dem Haus hängen verblasste, zerschlissene Länderflaggen, ein handgeschriebener Hinweis bittet die Raucher vor der Tür um Rücksicht auf schlafende Gäste. Metsos meldete sich beim Polizeirevier zwei Strassenblocks weiter und hängte dann das Schild «Bitte nicht stören» an die Zimmertür. Am 30. Juni erschien er nicht wie verlangt auf dem Revier. Das Hotelpersonal sah ihn nicht abreisen.

Die russische Empfangsdame Inna vermutet, Metsos hätte sich mit seinen zwei Koffern hinausschleichen können, während der Nachtportier auf der Toilette war. Oder er sei vielleicht von einem nach hinten gelegenen Balkon gesprungen.

Leute, die in Larnaka mit Metsos zu tun hatten, können ein gewisses Amüsement über ihre Begegnung mit der Welt der Dunkelmänner nicht verhehlen. Anwalt Papathanasious Kanzleipartner Andreas Pastellides sagt: «Ich kann nicht sagen, dass ich früher schon mal Spione vertreten hätte.»

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