Aktualisiert 06.07.2012 08:41

Gewitter bei Bern

Ein Holz-Tsunami von historischem Ausmass

Als gestern in Bern der Hochwasser-Alarm ertönte, hatten das Eriz und Steffisburg das Schlimmste hinter sich: den heftigsten Holz-Tsunami seit Jahren. Eine Spurensuche.

von
A. Müller und M. Gilliand, Eriz

Zuerst hört Peter Lüthi nur das laute Rauschen der Zulg. Sekunden später wälzt sich eine Wand aus Holz und Schlamm vor seiner Wohnung in Steffisburg durch. Er eilt in den Einstellraum, um zu retten, was noch zu retten ist. Das Wasser steht bereits 1,50 Meter hoch. «Plötzlich drückten die Fluten die Türe ein, ich stürzte in die schwarzbraune Brühe. Meine Frau konnte mich zum Glück herausziehen.» Am Tag danach fegen die Anwohner der Zelgstrasse den Schlamm aus ihren Garagen. In einer Schuttmulde türmen sich die zerstörten Bänke. «Mein Auto ist in den Fluten abgesoffen», klagt Lüthi und zeigt auf seinen verschlammten Opel.

Die Anwohner hatten Glück im Unglück: «Die Baumstämme hätten Leute einklemmen können», sagt der Steffisburger Feuerwehrkommandant Guido Sohm am Ort des Geschehens. Er sei schon «erchlüpft», als er die unglaubliche Masse an Holzstämmen auf sich habe zukommen sehen. «Solch ein Ereignis hat es noch nie gegeben.» Doch wie ist es überhaupt möglich, dass plötzlich hunderte Baumstämme in einem sonst eher als Rinnsaal bekannten Gewässer runterkommen?

Das stärkste Gewitter seit 50 Jahren

Der Ursprung liegt 15 Kilometer entfernt von Steffisburg. Durch das idyllische und von Schluchten durchzogene Zulgtal geht es in das auf 1000 Meter hoch gelegene Dorf Eriz. In diesem Gebiet haben sich am Mittwochnachmittag gewaltige Regenmengen entladen. Das Gewitter hat die Gegend schwer verwüstet: Dutzende Erdrutsche haben sich in die Kuhweiden gefressen, ganze Waldstücke wurden durch Gerölllawinen weggerissen und in den Fluss getragen. Damit nicht genug: «Die gewaltigen Wassermassen haben ganze Uferabschnitte unterspült. Dadurch sind unzählige Bäume gekippt. Die sind dann bis nach Bern 'ache'», erklärt Hansruedi Eicher, Präsident der Schwellenkooperation Zulg, den Holz-Tsunami. Mensch und Tier ging das laut Eicher «stärkste Gewitter seit 50 Jahren» durch Mark und Bein. «Die Fluten haben auf einer Alp zwei Kühe mitgerissen. Eine konnte sich retten, die andere hat man nie mehr gesehen», erzählt Landbesitzer Fritz Reusser.

Ob in Eriz oder Steffisburg: Die Leute schauen einen Tag nach dem zerstörerischen Gewitter besorgt Richtung Himmel. Um 15 Uhr türmen sich über dem Berner Oberland bereits wieder erste Gewitterwolken auf. Die Meteorologen haben für die Region am Abend erneut schwere Gewitter angekündigt: «Die Böden sind bereits aufgeweicht. Wenn es nochmals kommt, sehe ich schwarz für das Zulgtal», sagt Eicher. Der Steffisburger Feuerwehrkommandant Sohm stellt sich auf einen weiteren Einsatz ein. «Bei einem Alarm bleibt uns eine halbe Stunde, um die Leute von den Brücken fernzuhalten. Mehr können wir gegen die Naturgewalten nicht tun.»

Als die Zulg kam (Video: Leser-Reporter, 20 Minuten Online)

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