Anzeige wegen harter Pornografie - Ein illegales Video im Whatsapp-Chat kostet M. (21) sein ganzes Erspartes
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Anzeige wegen harter PornografieEin illegales Video im Whatsapp-Chat kostet M. (21) sein ganzes Erspartes

Aus Spass verschickte I. M.* ein Video in eine Whatsapp-Gruppe – wenig später erhielt der 21-Jährige eine Anzeige wegen harter Pornografie. «Solche Fälle kommen oft vor», sagt eine Expertin.

von
Michelle Muff
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Ein Klick kann zum Verhängnis werden: I. M.* (21) hat seinen Freunden ein Video weitergeleitet – und wurde wenig später wegen harter Pornografie angezeigt. «Dass man angezeigt werden kann durch blosses Weiterleiten oder Abspeichern, wusste ich nicht», sagt M.

Ein Klick kann zum Verhängnis werden: I. M.* (21) hat seinen Freunden ein Video weitergeleitet – und wurde wenig später wegen harter Pornografie angezeigt. «Dass man angezeigt werden kann durch blosses Weiterleiten oder Abspeichern, wusste ich nicht», sagt M.

Unsplash: Robin Worrall
Vor dem Bezirksgericht wurde M. freigesprochen. «Es liegt somit weder ein pornografischer Inhalt des Videos vor noch wird darin eine sexuelle Handlung dargestellt, womit der objektive Tatbestand der Pornographie entfällt», ist aus der gerichtlichen Beurteilung zu entnehmen. 

Vor dem Bezirksgericht wurde M. freigesprochen. «Es liegt somit weder ein pornografischer Inhalt des Videos vor noch wird darin eine sexuelle Handlung dargestellt, womit der objektive Tatbestand der Pornographie entfällt», ist aus der gerichtlichen Beurteilung zu entnehmen.

Privat
Anders sah es das Obergericht: Dort wurde M. schuldig gesprochen. «Ich und auch mein Anwalt können nicht verstehen, wie das Obergericht plötzlich auf ein solch anderes Urteil kommen konnte.»

Anders sah es das Obergericht: Dort wurde M. schuldig gesprochen. «Ich und auch mein Anwalt können nicht verstehen, wie das Obergericht plötzlich auf ein solch anderes Urteil kommen konnte.»

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Darum gehts:

  • I. M.* leitete ein Video von einem nackten Kind, das auch in den sozialen Medien kursierte, in einen Gruppenchat unter Freunden weiter.

  • Durch einen Zufall stiessen die Behörden auf die Videos im Chat.

  • M. meldete sich freiwillig bei der Polizei und wurde später vom Bezirksgericht freigesprochen.

  • Das Urteil wurde aber angefochten und M. wurde vom Obergericht als schuldig befunden.

  • «Solche Fälle kommen immer wieder vor», sagt eine Expertin.

«Das Ganze hätte ein doofer Spass unter Kollegen sein sollen – endete jedoch böse», sagt M.* gegenüber 20 Minuten. Anfang 2020 war der 21-Jährige Teil einer rund 200-köpfigen Whatsapp-Gruppe mit dem Namen «lach mal»: «In dem Chat schicken sich die Teilnehmer kurze Videos, die teils auch auf Social Media kursieren.» Manchmal seien es dumme Spassvideos von Tieren gewesen – manchmal beinhalteten sie aber auch anzügliche oder gewaltdarstellende Inhalte. Auch M.* verschickte dort Videos oder leitete diese in seinem Umfeld weiter – bis jemand aus der Gruppe einen der Chat-Freunde verpfiff: «Als mein Kollege sein Handy den Behörden abgeben musste, meldete ich mich auch freiwillig bei einem Polizeiposten, da ich eines der Videos weitergeleitet hatte.»

Dort sei er verhört worden – und musste sich vier Monate später vor dem Bezirksgericht verantworten. Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, sieht man im Video, wie ein Bub einen Display betrachtet, auf dem ein Porno läuft. Als ihm jemand die Hosen runterzieht, ist sein erigierter Penis zu sehen. M. habe das Video schlicht amüsant gefunden: «Ich sehe ein, dass es geschmacklos ist, aber ich habe mir in diesem Moment nichts dabei gedacht und es meinen Freunden mit einem Klick weitergeleitet – es waren keinerlei böse oder sexuelle Absichten im Spiel.» Zu diesem Entschluss kam auch das Bezirksgericht: Er wurde in allen Punkten freigesprochen.

«Die Strafe ist eine finanzielle Katastrophe»

Das Urteil wurde jedoch von der zuständigen Staatsanwältin angefochten und kam ans Zürcher Obergericht – vor einem Monat folgte dessen Entscheid: M. wurde schuldig gesprochen und kassierte eine Geldstrafe in der Höhe von 1000 Franken – die jedoch mit einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben wird. Einschneidender sind die Gerichtsgebühren, welche von ihm bezahlt werden müssen: Vorverfahren und weitere Kosten betragen 4500 Franken, zusätzlich dazu kommen die Verteidigungskosten, welche zurückgezahlt werden müssen, von rund 7500 Franken.

Gesamthaft ist dies eine Summe von 12’000 Franken – für den 21-Jährigen eine grosse Summe: «Es war für mich ein riesiger Schock: Das bringt mich um mein ganzes Erspartes, da ich selbstständig bin, ist es eine finanzielle Katastrophe. Ich verstehe nicht, wieso ich erst freigesprochen werde und eine Genugtuung bekomme, nun aber angezeigt werde und eine so hohe Strafe erhalte.» Sein Anwalt Patrick Götze halte das Urteil ebenfalls für komplett unverhältnismässig, wie dieser auf Nachfrage bestätigt. «Ich will das Urteil anfechten – doch ich könnte mir eine Niederlage vor dem Bundesgericht nicht leisten, das wäre zu teuer», so M.

«Mit einem einzigen unbedachten Klick brockte ich mir ein Jahr voller Unsicherheiten, Kosten und Ängste ein.» M. sei es wichtig, dass man deswegen die Leute für die Thematik sensibilisiert: «Fast alle meine Kollegen sind in Chats drin, in denen regelmässig solche Videos kursieren. Die wenigsten wissen aber, dass sie sich mit dem alleinigen Besitz oder dem Weiterleiten dieser Clips strafbar machen.»

«Es ist wichtig, dass man jungen Menschen mitteilt, was im Internet verboten ist»

Es komme immer wieder vor, dass Personen angezeigt werden, weil sie ein Video mit hartem pornografischen oder gewalttätigen Inhalt weiterleiteten, ohne sich der Strafbarkeit dieser Handlung bewusst zu sein, sagt Nina Hobi von der Präventionsstelle Jugend und Medien. «Auch wenn es keine Absicht war, handelt es sich gemäss Gesetz dann um Besitz, Inverkehrbringen und Zugänglichmachen illegaler Pornografie.» Dabei schütze auch Unwissenheit nicht vor Strafe.

Die Gründe, wieso Jugendliche und junge Erwachsene Pornografie mit strafbaren Inhalten weiterverbreiten, seien verschieden: «Es geht dabei um Status, man möchte den anderen zeigen, was man gefunden hat. Es entsteht eine Dynamik, bei der es darum geht, wer ein noch besseres Video gefunden hat.» Das sehe man auch bei Gewaltvideos, die oft kursieren, sagt die Expertin. «Es gehört in dieser Generation dazu, Sachen aus dem Internet weiterzuleiten – auch ohne bösen Hintergedanken.»

Pornografie sei oft nicht das Erste, was die Eltern ansprechen. «Es ist wichtig, dass man jungen Menschen mitteilt, was im Internet verboten ist – beispielsweise durch Präventionskampagnen, damit die Jugendlichen unabhängig von den Erziehungspersonen an diese Infos gelangen.»

*Name geändert

«Man soll das Material sofort löschen und nicht speichern»

Im Kanton Zürich wurde 2019 mit 278 so viele Jugendliche wie noch nie wegen Pornografie und Gewaltdarstellungen verzeigt. 2020 gingen die Zahlen zurück auf 215, liegen damit aber noch immer über dem Durchschnitt der letzten Jahre. In drei von fünf Fällen verbreiteten die Jugendlichen pornografisches Material via Chat, Textnachricht oder Social Media weiter. Patrik Killer, Leitender Jugendanwalt Jugendanwaltschaft Zürich-Stadt, beantwortet die wichtigsten Fragen zum Umgang mit Pornos und Gewaltvideos.

Was ist konkret strafbar: Erstellen, Weiterleiten, Rumzeigen oder nur Eigentum von illegaler Pornografie oder Gewaltdarstellungen?
Es ist generell verboten, Jugendlichen unter 16 Jahren pornografische Erzeugnisse zugänglich zu machen. Ausserdem ist sowohl für Minderjährige als auch Erwachsene die Erstellung, Weiterleitung, das Rumzeigen sowie der Besitz und der Konsum von pornografischen Erzeugnissen verboten, die sexuelle Handlungen mit Tieren oder Gewalttätigkeiten oder sexuelle Handlungen mit Minderjährigen beinhalten.

Was unterscheidet legale von illegaler Pornografie?
Gemäss Gesetz ist es generell verboten, jegliche pornografische Erzeugnisse Kindern unter 16 Jahren zugänglich zu machen. Für Minderjährige, wie auch Erwachsene, sind zudem pornografische Erzeugnisse mit den oben genannten Inhalten verboten.

Wie soll man vorgehen, wenn in einem Gruppenchat Pornografie oder Gewaltdarstellungen kursieren?
Jugendliche sollen das Material sofort löschen und keinesfalls speichern. Wir raten Jugendlichen zudem, die Grundeinstellung im Handy zu ändern, sodass nicht alles automatisch abgespeichert wird. Wichtig wäre auch, dass sich die Jugendlichen an ihre Eltern oder eine Vertrauensperson wenden, um mit ihr über das Gesehene zu sprechen, da es sich oftmals um eindringliches Bildmaterial handelt, welches verstörend wirken kann.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

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