Roghun-Staudamm: Ein Jahrhundert-Projekt mit Löchern
Aktualisiert

Roghun-StaudammEin Jahrhundert-Projekt mit Löchern

Mit einer beispiellosen Propagandaoffensive setzt Tadschikistan alle Karten auf den neuen Roghun-Staudamm. Das Wasserkraftwerk soll die Energieversorgung sichern. Die Kritiker fürchten, dass das Milliardenprojekt das Land ausbluten wird.

von
Peter Leonard
AP
Wann der Damm fertig wird, steht in den Sternen.

Wann der Damm fertig wird, steht in den Sternen.

Als Abdullo Bobochonows Enkel geboren wurde, nannte er den Kleinen nach dem geplanten Staudamm und steuerte ein kleines Vermögen zur Finanzierung des Grossprojekts bei. Dagegen klagt die Jurastudentin Aljona Archipowa, dass sie nicht zur Prüfung zugelassen wird, wenn sie keinen Anteil an dem Prestigevorhaben der tadschikischen Regierung erwirbt.

Der eine ist stolz, die andere ärgert sich: Die Kampagne, mit der die Regierung umgerechnet eine Milliarde Euro für den Staudamm auftreiben will, findet ein geteiltes Echo. Die Befürworter setzen darauf, dass das Wasserkraftwerk die Energieversorgung Tadschikistans sichern und die Wirtschaft ankurbeln hilft. Kritiker befürchten, dass das milliardenteure Vorhaben das zweitärmste Land Zentralasiens ausbluten wird.

Lösung aller Probleme?

Die Anleihenkampagne wird von einer Propagandaoffensive begleitet, die an Sowjetzeiten erinnert. Obwohl es einigen Widerstand gibt, herrscht der Eindruck vor, dass der Roghun-Damm akzeptiert und sogar mit Begeisterung aufgenommen wird. «Das ist das Projekt des Jahrhunderts. Wenn dieses Kraftwerk in Betrieb geht, sind alle wirtschaftlichen und politischen Probleme Tadschikistans gelöst», glaubt Bobochonow. Der 59-jährige Rechtsanwalt suchte als Familienoberhaupt den Namen seines Enkelsohnes aus und nannte ihn Rogunschoh - König Roghun (siehe Bild). Die Familie, die in dem kleinen Dorf Madanijat in bescheidenen Verhältnissen lebt, brachte umgerechnet fast 900 Euro für das Bauvorhaben auf.

Die Sowjetunion leistete sich seinerzeit etliche solcher grandioser Projekte mit dem Ziel, die Natur dem Menschen untertan zu machen. Nach 20 Jahren Unabhängigkeit gilt der Roghun-Damm für Tadschikistan als Objekt des Nationalstolzes und als Weg in eine bessere Zukunft. Von den Bürgern wird erwartet, dass sie sich mit umgerechnet 17 Euro pro Kopf daran beteiligen. Das ist ein Drittel des monatlichen Durchschnittslohns, und viele kaufen wie die Bobochonows gleich mehrere Anteile. Das weckt Befürchtungen, dass die Kampagne der Regierung zu Lasten der Menschen und der ohnehin darniederliegenden Wirtschaft geht.

Präsident mit Bauarbeiterhelm

Zudem bringt das Projekt das Nachbarland Usbekistan auf, das befürchtet, dass der Staudamm am Fluss Wachsch der eigenen Landwirtschaft das Wasser nimmt. Das dürfte den meisten Tadschiken egal sein, zumal Usbekistan Energie im Überfluss besitzt und ihnen wegen Zahlungsverzögerungen schon wiederholt im kältesten Winter den Gashahn zugedreht hat.

Auf den Strassen der Hauptstadt werben Spruchbänder und Plakate für den Roghun-Damm. Das staatliche Fernsehen berichtet zur besten Sendezeit, wie es mit dem Verkauf von Anteilsscheinen vorangeht. Auf unzähligen Werbetafeln ist Präsident Emomali Rachmon mit Schutzhelm zu sehen. Er beteuert, dass alle Anleger ihr Geld wieder rausbekommen werden und noch mehr.

Fertigstellung nicht absehbar

Wann der Damm fertig wird, steht in den Sternen. Die Regierung lässt sich nur sehr vage darüber aus, wann das Kraftwerk Strom liefern und wann es Gewinn machen wird. Es soll aus sechs Einheiten mit je 600 Megawatt Kapazität bestehen und 1,6 Milliarden Euro kosten. Bis Mitte März kamen rund 130 Millionen Euro an Anleihen zusammen, dazu hat die Regierung schon voriges Jahr 89 Millionen investiert. Das ist immer noch weit entfernt von den rund 445 Millionen Euro, die für den ersten Bauabschnitt bis 2012 erforderlich sind.

Offiziell ist der Kauf von Anteilen ganz freiwillig. Doch Studentin Archipowa hat andere Erfahrungen gemacht: «Zu Beginn des Studienjahres durften die Leute in unserem Kurs, die keine Anteile erworben hatten, einfach nicht zur Prüfung antreten», berichtet die 23-Jährige. «Ich wollte nicht, das mir das auch passiert, also habe ich einen Anteil gekauft.»

Einfachen Beamten wurde gleich ein Teil ihres Gehalts einbehalten. Medienberichten zufolge mussten manche Bauern Vieh verkaufen, um Geld aufzubringen. «Über so was reden die Leute unter sich, aber sie gehen nicht zum Staatsanwalt, weil sie keinen Ärger haben wollen», sagt Sergej Romanow, Anwalt einer Menschenrechtsorganisation in der Hauptstadt Duschanbe.

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